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Ausnahme für Muslime? Schüler geben Lehrerin nicht die Hand

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Die Lehrerinnen fühlten sich diskrimiert: offenbar zu Recht.

(Foto: picture alliance / dpa)

In der Schweiz sorgt eine Ausnahmeregelung an einer Schule für Aufregung. Zwei syrischstämmige Schüler wollen Lehrerinnen nicht die Hand geben und müssen das nun auch nicht mehr. Was den Schulfrieden erhalten sollte, löst eine heftige Debatte aus.

Normalerweise begrüßen an der Sekundarschule im schweizerischen Therwil die Schüler ihre Lehrer mit Handschlag. Doch zwei Schüler syrischer Herkunft weigerten sich konsequent, ihrer Klassenlehrerin die Hand zu reichen und begründeten das mit ihrer Religion. Der Fall schwelt bereits seit dem vergangenen November. Die Schüler verweigerten plötzlich den Gruß, daraufhin beschwerte sich die Lehrerin bei der Schulleitung über die Diskriminierung.

Im Dezember sollten die Differenzen auf einer Krisensitzung gelöst werden, zu der nicht nur die Lehrer und Schüler, sondern auch die Eltern der Jugendlichen gebeten wurden. Doch dazu kam es nicht, denn in ihrem Kulturkreis gelten A. und N. bereits als volljährig. Mit der Vollendung des 14. Lebensjahres dürfen sie heiraten, ein Haus kaufen oder eben der Lehrerin nicht die Hand geben.

Daraufhin entschied sich die Schule, den beiden 14- und 15-jährigen Muslimen eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. A. und N. S. begrüßen seitdem Lehrer wie Lehrerinnen mit einem höflichen mündlichen Gruß, um eine Diskriminierung des weiblichen Lehrpersonals zu verhindern. Schuldirektor Jürg Lauener bedauerte dies zwar, weil der Händedruck zu den "sozialen Gepflogenheiten" an der Schule gehörte, wusste sich aber keinen besseren Rat. Eine Anfrage an die Bildungsdirektion des Kantons brachte bisher keine andere Regelung. Der Fall kam durch eine Fernsehsendung an die Öffentlichkeit und wird seitdem heiß diskutiert.

Gleiche Regeln für alle

Justizministerin Simonetta Sommaruga sagte dem SRF: "Dass ein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt, das geht nicht." Der Handschlag sei ein Teil der Schweizer Alltagskultur. So stelle sie sich Integration nicht vor, "auch unter dem Titel Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren", sagte die Sozialdemokratin. Man müsse "absolut klarstellen", dass der Handschlag dazugehöre und dürfe in dieser Angelegenheit "kein Fragezeichen aufkommen" lassen.

Auch für Beat Zemp, den Präsidenten des schweizerischen Lehrerverbands, ist die Sache klar: "Ich hätte als Schulleiter sicherlich anders entschieden. Der Händedruck ist Teil unserer Kultur." Er hält die Ausnahmeregelung für keine gute Idee, "weil für alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Regeln gelten sollen". Damit werde für die beiden Jugendlichen ein falsches Signal gesetzt. Denn sie hätten ja auch im späteren Berufsleben mit Frauen zu tun.

Im Islam gilt in einigen Rechtsschulen, dass ein Mann eine Frau, die nicht seine Ehefrau ist, nicht berühren darf. Andere muslimische Strömungen kennen dieses Verbot nicht. Der Vater der Brüder ist Imam in der Faysal-Moschee in Basel. "Diese Leute vertreten einen ultrakonservativen sunnitischen Islam aus Saudi-Arabien. Das gehört zum Radikalsten, was wir in der Schweiz haben", gibt die Gründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam,Saïda Keller-Messahli, zu bedenken.

Keller-Messahli wies auch darauf hin, dass einer der beiden Brüder auf Facebook Propaganda der Terror-Miliz Islamischer Staat gepostet hatte. "Das ist ganz klar eine IS-Flagge", sagte zu einem Video, in dem eine vermummte Gestalt mit einer Kalaschnikow hantiert. Der Kommentar von N. dazu: "Jeder Moslem soll liken." Damit dürfte das Problem deutlich größer sein, als die Frage, ob die Schüler auch Lehrerinnen die Hand reichen müssen.

Quelle: n-tv.de

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