Panorama
Freitag, 22. Mai 2009

Klinkhardt erforscht seine Rolle: Schulbuchverlag unter Hitler

Die politische Verstrickung von Schulen und Erziehungswesen in der NS-Zeit ist noch vergleichsweise wenig aufgearbeitet. Jetzt hat erstmals ein Schulbuchverlag seine Rolle im Hitler-Regime erforscht: Zum 175. Firmenjubiläum ließ der Julius Klinkhardt Verlag seine Geschichte von 1933 bis 1945 untersuchen. Danach besteht eine "erhebliche Belastung" des Verlags in der Zeit des Nationalsozialismus, wie Verleger Andreas Klinkhardt der Deutschen Presse-Agentur dpa in Hamburg sagte. Der damalige Verleger Walther Julius Klinkhardt (1899-1968) habe "systematisch auf Bedürfnisse des Dritten Reichs hingearbeitet", stellt Klinkhardt mit Blick auf die kaufmännisch erfolgreiche Firmenpolitik seines Großvaters fest. "Die NS-Zeit war ein tiefer Bruch für den Verlag."

NS-Ideologie verbreitet

Der Verlag habe "mit einem bedeutsamen Teil seiner Publikationsstrategie dazu beigetragen, die NS-Ideologie im Bereich Pädagogik öffentlich zu kommunizieren", schreibt der Bildungsforscher Jörg-W. Link in der Jubiläumsfestschrift. Ein Vergleich der Produktionen des am 1. Mai 1834 in Leipzig gegründeten Familienunternehmens mit der Zeit vor 1933 ergab, dass das Haus in der Nazi-Zeit andere Akzente setzte und bestimmte Publikationen ganz wegfielen, wie Link schreibt. Dazu zählten auch Veröffentlichungen aus dem Kreis der sächsischen Reformpädagogik.

Mit Blick auf die Volksschullehrer wurden unter den Nazis zwei neue Reihen - "Völkisches Lehrgut" und "Neuland in der deutschen Schule" - gegründet. "Dieses traditionelle Verlagssegment kam nun im brauen Gewand daher", so Link. Zum Kerngeschäft entwickelte sich jedoch die Berufsschulpädagogik. Der Grund: Das berufliche Bildungswesen wurde im Nationalsozialismus stark ausgebaut. Berater des Verlegers in Fragen der Schulpädagogik und Lehrerhandbücher wurde der NS-Bildungsfunktionär Kurt Higelke.

"Erstmalig und einmalig"

"Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit eines Schulbuchverlags in dieser Weise und Ausführlichkeit ist erstmalig und einmalig", sagt Link. Für seinen Jubiläums-Beitrag "Publizieren im Erziehungsstaat" habe er auch ganz neue Quellen ausgewertet, berichtet der Experte für Historische Bildungsforschung von der Universität Potsdam.

Danach gehörte Walther Julius Klinkhardt von 1924 an der paramilitärischen Organisation Wehrwolf an, die 1933 in der SA aufging; 1937 trat er in die NSDAP ein. "Klinkhardt war ein typischer Vertreter der deutschen nationalen konservativen Revolution", sagt Link. In diesen Kreisen habe es "eine selektive Wahrnehmung des NS- Staates" gegeben. Der Rassismus sei ausgeblendet worden. "Klinkhardt hat ihn vor allem als Erziehungsstaat wahrgenommen und seine Rolle darin gefunden", sagt der Forscher. Bei seinen Recherchen habe er "keinen einzigen Beleg für eine rassistische Äußerung von Klinkhardt gefunden".

Nach Zweitem Weltkrieg: "Mitläufer"

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich der Verleger selbst als "Mitläufer" eingestuft; der Antrag wurde 1948 genehmigt. Da das Stammhaus in Leipzig 1943 zerstört worden war und Klinkhardt Probleme mit den Sowjets im Osten Deutschlands bekam, startete er im bayerischen Bad Heilbrunn ein neues Pädagogik- und Schulbuchprogramm.

Politisch akzentuiert war das Programm des Verlags von Anfang an. So gab Firmengründer Julius Klinkhardt seit 1849 die Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung heraus, die die liberal-revolutionären Ideen der Lehrerschaft der 1848er Jahre vertrat, wie Gerhard Meyer-Willner (Uni Braunschweig) über die Anfänge des Hauses schreibt, das heute in sechster Generation in Familienbesitz ist. Auch andere Reformpädagogen fanden bei Klinkhardt eine verlegerische Heimat, darunter die heutigen Autoren Susanne Thurn und Klaus-Jürgen Tillmann mit ihrem Band "Laborschule - Modell für die Schule der Zukunft" (2005).


Uwe Sandfuchs, Jörg-W. Link, Andreas Klinkhardt (Hrsg.): "Verlag Julius Klinkhardt 1834-2009. Verlegerisches Handeln zwischen Pädagogik, Politik und Ökonomie", Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1834-6

Quelle: n-tv.de