Panorama

Studie zu Schwänzern Schulen oft hilflos

Schulschwänzerei macht den Behörden in Deutschland zunehmend Sorgen. Die Folgekosten durch mögliche spätere Arbeitslosigkeit oder gar ein Abgleiten in die Kriminalität seien nicht absehbar, erläuterte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München am Montag bei der Vorstellung einer neuen Studie mit dem Titel "Man nennt sie Schulschwänzer". Mit Polizeieinsätzen und Bußgeldern allein sei dem Problem nicht beizukommen. Langfristigen Erfolg brächten Projekte, die gezielt auf die Schüler eingingen und versuchten, die Gründe der Schulverweigerung zu lösen.

Schulschwänzer seien nicht krimineller als andere Jugendliche, sagte der Leiter der Studie, Frank Braun. "Die Kriminalitätsbelastung dieser Gruppe ist nicht größer als für den Altersdurchschnitt insgesamt." Mädchen seien genauso betroffen wie Buben. Befragt wurden 300 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, die teils über Monate oder gar Jahre die Schule geschwänzt hatten.

Das Schwänzen habe bei jedem Zehnten vor dem 12. Lebensjahr begonnen, bei zwei Dritteln war es zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr. Vor allem die Schulen reagierten oft hilflos. Ein Viertel der Befragten ehemaligen Schwänzer sei durch Nicht-Beachtung bestraft worden, bei 16 Prozent sei die Strafe ausgerechnet ein Ausschluss vom Unterricht gewesen, berichtete Braun. Die Eltern hätten sich vielfach konstruktiv verhalten. Mehr als die Hälfte habe sich an die Schule gewandt, mehr als 40 Prozent hätten ihr Kind von sich aus in ein entsprechendes Projekt gebracht. "Das zeigt: Wenn die Angebote da sind, kann man auf die Eltern zählen, dass sie geeignete Schritte unternehmen."

Manchmal ist es die Trennung der Eltern, manchmal der Schock durch einen Todesfall in der Familie, manchmal Überforderung. "Kein Kind wird als Schulschwänzer geboren", sagt die wissenschaftliche Referentin Andrea Michel. Besonders betroffen seien allerdings Familien mit niedrigem sozialen Niveau sowie Migranten. Erste Anzeichen könnten psychosomatische Beschwerden genauso sein wie häufiges Zu-spät-kommen.

Bundesweite Zahlen über Schwänzer fehlen. In Bayern griff die Polizei im vergangenen Schuljahr 1900 Schwänzer auf und brachte sie teils im Polizeiauto zurück zur Schule, 400 mehr als im Vorjahr. Die Beamten hätten bei ihrem Vorgehen gegen die Drückeberger mittlerweile einen "höheren Wirkungsgrad", erläuterte Innenministeriumssprecher Rainer Riedl. Die Polizei greife ein, um weitere Maßnahmen zu ermöglichen. "Das häufige Schulschwänzen ist ein Indikator, dass bei den Kindern und Jugendlichen etwas schief läuft."

In Rheinland-Pfalz verdonnern einige Kommunen lernunwillige Kids zu Sozialarbeit und hoffen, dass der Arbeitsdienst sie zur Einsicht bringt. Ansonsten werden Bußgelder verhängt, die freilich erst einmal die Eltern und nicht die Kinder treffen. Als begleitende Maßnahmen könnten all diese Schritte hilfreich sein, eine Lösung böten sie meist nicht, betonten die DJI-Wissenschaftler.

In speziellen Projekten hingegen werden die Jugendlichen in Kleingruppen von Lehrern unterrichtet und von Sozialpädagogen betreut. Zugleich bekommen sie Praxisbezug durch Werkstattarbeiten. Das Erstaunlichste sei, dass sogar notorische Schulverweigerer dort wieder Lust zum Lernen bekämen und schon bald selbst eine Benotung forderten, berichtete die wissenschaftliche Referentin Elke Schreiber. "Der größte Teil schafft tatsächlich eine soziale Stabilisierung - und auch den Schulabschluss.

Sabine Dopel, dpa

Quelle: ntv.de