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"Jämmerliche" Raubkunstrecherchen Schweiz könnte Gurlitt-Erbe noch bedauern

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Gurlitt setzte überraschend das Kunstmuseum in Bern als Erben ein.

(Foto: dpa)

Bisher hatten Deutschland und Österreich mit dem Fall Gurlitt zu tun. Nach dem Tod des Sammlers gehen die Bilder in die Schweiz. Nun müssen auch die Eidgenossen das leidige Thema Raubkunst anpacken. Für den Schweizer Historiker Thomas Buomberger ist es dafür höchste Zeit.

n-tv.de: Es wird viel spekuliert, warum Cornelius Gurlitt seine Sammlung an das Kunstmuseum Bern vererbt hat. Haben Sie eine Erklärung?

Thomas Buomberger: Es ist für mich wie für alle anderen eine absolute Überraschung. Er könnte natürlich aus Verärgerung über die Behörden in München so entschieden haben, aber das ist reine Spekulation. Denn weder Cornelius Gurlitt, noch sein Vater Hildebrand sollen ja irgendeine Verbindung zum Kunstmuseum Bern gehabt haben. Die einzige Beziehung nach Bern bestand zur Galerie Kornfeld, zu Eberhard Kornfeld, aber auch da kann man nur spekulieren.

Über diese Galerie hat Gurlitt zumindest in der Vergangenheit Bilder verkauft. Die Galerie Kornfeld, ansässig in Bern, schweigt jedoch zu ihren Verbindungen zu Gurlitt. Warum?

Das weiß ich nicht. Aber die Galerie Kornfeld hat, vorsichtig gesagt, noch einigen Aufklärungsbedarf. Ich schließe nicht aus, dass das eine oder andere Werk, das mit einem Schatten belastet ist, auch durch diese Galerie gegangen ist.

Eberhard Kornfeld gilt nicht nur als graue Eminenz des Schweizer Kunstmarktes, sondern er ist auch ein großer Förderer des Kunstmuseums Bern. Könnte diese Verbindung ein Geschmäckle haben?

In der Vergangenheit haben sich sehr viele bedeutende Kunsthändler auch um die Förderung der Kunst verdient gemacht. Das war auch typisch für Hildebrand Gurlitt. Er hat sich sehr für die berühmte Ausstellung "Deutsche Kunst – Meisterwerke des 20. Jahrhunderts" 1953 in Luzern engagiert und dort viele seiner angeblich verbrannten Bilder ausgestellt. Im Ausstellungskatalog steht Dr. Hildebrand Gurlitt, Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, neben dem des deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss, der Schirmherr war. Dazu kann ich nur sagen: Es kann einem beschädigten Ruf nur zuträglich sein, wenn man sich dann als Förderer und Wohltäter der Kunst betätigt.

Gurlitt fühlte sich wegen der Beschlagnahmung seiner Bilder von Deutschland nicht gut behandelt. Man könnte nun den Eindruck haben, dass Deutschland jetzt den Preis für den schlechten Umgang mit dem Thema Raubkunst zahlen muss. Hat sich die Schweiz besser verhalten?

Nein, ganz klar nein. Die Schweiz hat sehr wenig für die Aufklärung von Raubkunst getan. Es gibt bei etlichen Museen noch sehr viel Nachholbedarf. Das Schweizer Bundesamt für Kultur hat vor einigen Jahren eine Umfrage bei über 500 Museen durchgeführt, was sie an Provenienzrecherchen unternommen haben. Das Ergebnis war ziemlich jämmerlich. Die wenigsten haben ihre Hausaufgaben gemacht. Etliche Museen, wie das Kunsthaus Zürich, haben sich nicht einmal beteiligt. Es ist noch immer so, dass das Thema am liebsten totgeschwiegen würde.

Ist dieser Erbfall denn nun eine Chance, dass die Schweiz da etwas nachholt, so wie es in Deutschland mit dem Fund der Gurlitt-Bilder war?

Ich hoffe sehr, dass es da einen Impuls gibt und man das Thema Raubkunst in der Schweiz wieder auf die Tagesordnung holt. Ich hoffe aber vor allem, dass der Nachholbedarf bei Provenienzrecherchen endlich angegangen wird. Da ist das Problem immer noch, dass die Washingtoner Erklärung eben nur für staatliche Institutionen gilt. Man müsste aber auch bei vielen privaten Einrichtungen in die Dunkelkammern schauen. Ein Beispiel sind die Nachfahren von Kunsthändlern, die schon während der Nazizeit aktiv waren. In deren Archiven gäbe es sicher viel interessantes Material. Aber sie geben nur sehr selektiv Einblick.

Der Berner Museumsdirektor Matthias Frehner hat nach Bekanntwerden des Erbes gesagt, er gehe davon aus, dass alle problematischen Fragen geklärt werden können. Und dann sei alle Schuld, die auf dieser Sammlung lastet, beglichen. Glauben Sie das auch?

Ich wünsche ihm viel Glück bei den Provenienzrecherchen. Aber wenn man jedes Bild vom letzten Zweifel befreien will, ist das eine immense Aufgabe. Man spricht von 500 Werken, die möglicherweise Raubkunst sein könnten, die müssen also alle abgeklärt werden. Das dürfte nicht so schnell gehen und auch mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden sein. Wer den deckt, ist noch offen. Ich gehe davon aus, dass das Kunstmuseum Bern, wenn es das Erbe annimmt, auch zahlen muss.

Könnte das auch der Grund sein, warum die ersten Äußerungen des Museums über dieses Erbe nicht gerade euphorisch ausgefallen sind?

Ich denke schon. Es könnte sein, dass man Zweifel hat, ob das Geschenk nicht vergiftet ist. Das Museum weiß nicht wirklich, was mit den Bildern auf sie zukommt. Aber die Berner können diese Bilder ja nur zeigen, wenn das alles seriös geklärt ist.

Lässt sich schon absehen, inwieweit eine Schweizer Privatinstitution an eine Vereinbarung gebunden ist, die Gurlitt mit deutschen Behörden getroffen hat?

Das kann ich juristisch nicht einschätzen, aber moralisch gehe ich schon davon aus. Das Kunstmuseum Bern lebt, auch wenn es eine private Institution ist, weitgehend von öffentlichen Geldern und Subventionen der öffentlichen Hand. Deshalb gelten da wohl die gleichen Prinzipien wie auch für eine staatliche Einrichtung.

Haben Sie damit gerechnet, dass das Thema Raubkunst noch einmal so aktuell werden würde?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis man wenigstens einen Bruchteil der gestohlenen Kunstwerke aufgespürt hat. Bis heute ist weniger als ein Viertel der geraubten Kunst gefunden. Ich war trotzdem vom Fall Gurlitt und seinem Ausmaß überrascht. Hildebrand Gurlitt war ja einer von vier "Verwertern entarteter Kunst". Er hat im Auftrag der Nazis aus staatlichen Museen Werke übernommen, die er dann ins Ausland verkaufen sollte. Das hat er aber nur zum Teil getan. Mich würde interessieren, ob es im Gurlitt-Erbe noch Werke aus diesen Aufträgen gibt. Die könnten die Museen dann noch immer zurückfordern. Aber letzte Klarheit wird man nie ganz bekommen.

Mit Thomas Buomberger sprach Solveig Bach.

Quelle: n-tv.de

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