Panorama

Frankreich 1968 Schwieriges Gedenken

Kein Land ist so mit dem Mythos von 1968 verbunden wie Frankreich. 40 Jahre danach blickt die selbstverliebte Republik mit Sonderausgaben der Zeitungen, täglichen Rückblenden und zahllosen Debatten auf den "heißen Pariser Mai" zurück. Doch mehr als früher zeigen sich die Veteranen der Straßenschlachten von Selbstzweifeln geplagt. Die Symbolfigur der Studentenrevolte, Daniel Cohn-Bendit, erklärt das Thema in einem Buch mit dem Titel "Forget 1968" selbst für abgeschlossen. Derweil ruft Präsident Nicolas Sarkozy forsch dazu auf, das "Erbe von '68 zu liquidieren".

Schon im Frühjahr 2007 hatte Sarkozy den Gedenkmarathon eröffnet. In einer langen Tirade machte der Präsidentschaftskandidat die "68er" verantwortlich für Sittenverfall und wirtschaftlichen Niedergang, gierigen Kasinokapitalismus und Kapitulation der Schule in den Einwandererghettos. "Der Mai 1968 hat uns den intellektuellen und moralischen Relativismus aufgezwungen", verkündete Sarkozy. Und er versprach, als Präsident "wirklich zu brechen" mit "dem Verhalten, den Ideen, dem Zynismus des Mai 68" und den Franzosen "Moral, Autorität, Arbeit und Nation" zurückzugeben.

Ein wahrer Erbe von 1968

Die Rechten jubelten und die über ihre Tradition verunsicherten Sozialisten duckten sich weg. Dabei sehen viele "Alt-68er" gerade "Speedy Sarko" mit seinem Hang zum Tabubruch als "wahren Erben von 68" an. "Wenn es einen Alt-68er im lysepalast gibt, dann ihn! Schrankenlos genießen? Er tut es", erklärt Cohn-Bendit heute. Auch der Literat und Rundfunkjournalist Jean-Luc Hees erklärt: "Sarkozy verkörpert den ehrbaren 68er perfekt. Er hat praktisch überall die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft überschritten: im Privatleben wie bei der Machtausübung."

Der "Neue Philosoph" und Schriftsteller Pascal Bruckner bescheinigt dem Präsidenten mit Hinweis auf dessen Liebesleben und "komplexfreies Verhältnis zum Geld", ein wahrer Erbe von 1968 zu sein. Sogar Sarkozys Mitstreiter Andr Glucksmann teilt diese Ansicht. Der von 1968 beschleunigte gesellschaftliche Wandel habe erst möglich gemacht, dass ein mehrfach geschiedener Einwanderersohn mit jüdischen Wurzeln in den lysepalast gewählt werden konnte, meint der Philosoph, der 1968 noch für Maos Revolution gekämpft hatte. Und weil er sich für Sarkozys Reformen engagiert, machte sich Glucksmann die Mühe, seinem Kumpel in einem Buch ("Mai 68 erklärt für Nicolas Sarkozy") die Bedeutung von 1968 darzulegen.

Naive Revolte

Doch was bedeuten vier Jahrzehnte danach im selbst ernannten Mutterland der Revolution die Ereignisse, die der 68-kritische "Figaro" einmal als "letzte französische Revolution" bezeichnete und die für den Geschichtsphilosophen Raymond Aron, der bis 1968 an der Sorbonne lehrte, nur "revolutionärer Karneval" waren? Die Studentenrevolte, die 1967 mit der Forderung nach freiem Zugang zu den Mädchenwohnheimen begann und mit dem Protest gegen Vietnamkrieg und Ordinarienuniversität Dynamik gewann, habe den Menschen viele Freiheiten gebracht, meint der "rote Dany" Cohn-Bendit. Sie sei aber naiv gewesen: Es war "die letzte Revolte vor der Klimakatastrophe".

Die in den Nachwehen von 1968 von Jean-Paul Sartre gegründete Pariser Zeitung "Libration" vergleicht Cohn-Bendits Wirken heute wohlwollend mit dem von Till Eulenspiegel. Wie der linke "Nouvel Observateur" erinnert die Zeitung daran, dass "68" mehr war als freie Liebe und Abkehr von den Autoritäten, Protest gegen US-Imperialismus und dadaistische Sprüche wie "Verbieten verboten", "Seid realistisch, verlangt das Unmögliche" oder "Die Fantasie an die Macht". Was den Pariser Mai abhob von den schon vorher entbrannten Studentenkrawallen und Protestmärschen in Deutschland, Japan oder den USA, war der Aufstand der Arbeiter. Wie in Prag mit der Rebellion gegen die Sowjetunion entstand in Paris eine vorrevolutionäre Lage.

Frankreich gelähmt

Schon im April 1967 hatte es in Nantes erste Allianzen von demonstrierenden Studenten, streikenden Werftarbeitern und sogar rebellierenden Bauern gegeben. Im Mai 1968 bauten in Paris zuerst die Studenten Barrikaden. Bei den Krawallen im Quartier Latin am 10. Mai stürmte die Polizei 60 Barrikaden und 367 Menschen landeten im Krankenhaus. Daraufhin riefen die für höhere Löhne und 40-Stunden-Woche kämpfenden Gewerkschaften drei Tage später den Generalstreik gegen die Polizeigewalt aus, während Studenten die Sorbonne besetzten. Nur die autoritären Kommunisten mieden zunächst den Schulterschluss mit den undisziplinierten "bourgeoisen" Studenten.

Am 20. Mai war Frankreich von - je nach Angaben - fünf bis zehn Millionen Streikenden gelähmt. Selbst bei den legendären Arbeitskämpfen 1936 hatte das Land keine solche Mobilisierung der Arbeiter gesehen. Einen Monat lang lief in Frankreich nichts mehr und zahlreiche Fabriken wurden besetzt. Der Präsident und Held des Widerstandes im 2. Weltkrieg, General Charles de Gaulle, ließ den "deutschen Juden" Cohn-Bendit ausweisen und 6000 Fallschirmjäger aus Korsika mit Kampfrationen für sechs Tage in das Pariser Umland verlegen.

Gewalt der Worte

Als am 29. Mai Hunderttausende in Paris einem Demonstrationsaufruf der KPF-nahen Gewerkschaft CGT folgten, flog de Gaulle zu einem Blitzbesuch nach Baden-Baden, um mit seinem kriegserfahrenen General Jacques Massu über eine Verlegung des Regierungssitzes in die Provinz und eine Notregierung mit Hilfe der Präfekten und Generäle zu sprechen. Nervenstark setzte de Gaulle am Ende aber nicht auf die Gewalt der Waffen, sondern auf die Gewalt seiner Worte.

Arbeiter- und Studentenführer berieten gemeinsam, was zu tun sei. Doch die disziplinierten Gewerkschafter und die libertären, meist aus Großbürgerfamilien kommenden Studenten fanden nicht zueinander. De Gaulle gelang es derweil, die "schweigende Mehrheit" zu mobilisieren und das Blatt zu wenden. Nach einem Aufruf des Präsidenten gingen am 30. Mai Hunderttausende auf den Champs-lyses für die Republik auf die Straße. Am 4. Juni begann die Streikfront zu bröckeln. Bei den von de Gaulle angeordneten Neuwahlen am 30. Juni gewannen die Gaullisten und Republikaner 358 der 485 Sitze. Die Revolte war vorbei.

Von Hans-Hermann Nikolei, dpa

Quelle: n-tv.de