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(Foto: Instagram/legaliize_it_already)
Donnerstag, 02. Juli 2015

"Meine Geschichte ist nicht vorbei": #SemicolonProjekt gibt Depressiven Hoffnung

Von Anna Meinecke

Wann darf es einem so schlecht gehen, dass man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll? Wann darf man um Hilfe bitten? "Immer", muss die Antwort lauten. Mit aufgemalten und tätowierten Semikolons kämpfen Menschen gegen Vorurteile bei psychisch Kranken.

Nein, Semikolons sind nicht die neuen Dreiecke. Somit werden H&M-Schaufenster und Studentenviertel von dem Motiv vorerst auch nicht geflutet werden. Die Semikolons, die auf Körperteilen - besonders Handgelenken - derzeit soziale Medien füllen, sind kein Trend-Accessoire und auch kein Lobgesang auf die Vielfalt des Satzbaus. Im Rahmen des "Semicolon Project" tragen unzählige Menschen das Zeichen, um auf die Stigmatisierung psychisch Kranker aufmerksam zu machen.

Symptome einer Depression

Bei depressiven Menschen können sowohl körperliche Veränderungen als auch Verhaltensauffälligkeiten auftreten. Dazu gehören laut der Deutschen Depressionshilfe:

- Schlafstörungen
- Appetitminderung
- Verminderte Konzentration/Aufmerksamkeit
- Suizidgedanken/-handlungen
- Vermindertes Selbstwertgefühl/-vertrauen
- Pessimistische Zukunftsperspektiven
- Schuld-/Minderwertigkeitsgefühle

"Die Bewegung bemüht sich darum, denjenigen Hoffnung und Liebe zu bringen, die an Depression leiden, Selbstmordgedanken haben, süchtig sind oder sich selbst verletzen", heißt es auf der Website der Organisation, die die Aktion ins Leben gerufen hat.

Wer ein Semikolon setzt, der hatte die Möglichkeit, den vorangegangenen Satz mit einem Punkt zu beenden, und hat sich bewusst dagegen entschieden. Weil die Geschichte an dieser Stelle noch nicht zu Ende ist, schreiben viele zu den Bildern von aufgemalten oder tätowierten Semikolons. Immer wieder findet sich der Satz: "Meine Geschichte ist noch nicht vorbei."

Wissen, dass die eigene Geschichte zählt

Video

Ins Leben gerufen hat den Hashtag-Trend unter anderem Amy Bleuel. Auch wenn die Idee mit dem Semikolon damals nicht direkt als virales Online-Phänomen geplant war. "Ich wollte Andere inspirieren, damit sie wissen, dass sie nicht allein sind und dass ihre Geschichte zählt", erklärt Bleuel ihre Motivation gegenüber der britischen "Huffington Post". Die Idee dazu sei ihr gekommen, nachdem ihr Vater Suizid begangen habe.

"Project Semicolon" kann keine psychischen Krankheiten heilen und auch nicht glücklich machen. Doch mittels eines kleinen Punkts und eines kleinen Kommas wird ein wichtiger Austausch angeregt. "Vor vier Jahren habe ich meine Schwester verloren, nachdem sie lange mit Depressionen und Drogensucht zu kämpfen hatte. Das hier ist für sie", schreibt eine Nutzerin auf Facebook. "Letztes Jahr habe ich meinen Mann verloren. Ich habe Depressionen und denke fast jeden Tag an Selbstmord", schreibt eine andere.

Über die Anteilnahme an Einzelschicksalen könnte ein Verständnis für Menschen und ihre Makel entstehen, das weiter reicht als nur bis zum nächsten Klick. Erst Akzeptanz befreit ein Tabu. Wenn psychisch kranke Menschen über ihre Probleme reden dürfen, ist das der erste Schritt auf dem Weg der Besserung.

Mit privaten Problemen in die Öffentlichkeit

Immer öfter wagen derzeit Menschen, die an Depressionen leiden oder mit anderen mentalen Krankheiten kämpfen den Schritt in die Öffentlichkeit. Erst vor wenigen Wochen rüttelte Casey Throwaway mit einem sehr persönlichen Video auf, das ihn kurz nach einer Panikattacke zeigt.

Viele Prominente berichten von Momenten, in denen sie einfach nicht mehr weitermachen wollten oder sich nicht länger zu helfen wussten - Lady Gaga zum Beispiel, Gwyneth Paltrow oder Kanye West. Aber sie berichten auch davon, wie sie sich retteten oder Hilfe annahmen.

Die Organisation hinter Project Semicolon ist eine christlich geprägte. Ob das alle diejenigen wissen, die ihre Fotos mit #SemicolonProject versehen, darf bezweifelt werden. Wichtig ist das kaum. Das Hashtag hat sich ohnehin bereits verselbstständigt. Nicht jeder, der es benutzt, will "Hoffnung und Liebe". Ausnahmslos alle aber wollen eins: in Kontakt treten. Das gelingt.

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Quelle: n-tv.de