Panorama

Steuerzahler treffen auf buntes Gemüse Showdown im Möhrenstreit

15957380.jpg

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das Land Sachsen-Anhalt züchtet bunte Möhren. Es gibt sie in rot, gelb, violett und sogar in weiß. Die mit Bundesmitteln geförderte Farbenpracht kostet den Steuerzahler 230.000 Euro. Aus gutem Grund, davon ist zumindest Sachsen-Anhalts Agrarminister überzeugt. Der Steuerzahlerbund sieht das ganz anderes - auch nach einem Besuch auf dem Wunderacker.

Von oben sehen alle Möhren gleich aus. Beim Blick über das Feld in der Sachsen-Anhaltinischen Börde ist nur ihr kräftiges, grünes Kraut zu erkennen. Doch unter der Erde gedeiht auf dem 100 Quadratmeter großen Versuchsacker eine vielfältige Farbenpracht. Rote, violette, gelbe und sogar weiße Möhren stecken dort im lockeren Boden. Die Bundesregierung sorgt hier dafür, dass geschickte Landwirte erschaffen, wozu Mutter Natur einfach nicht im Stande war – mit 230 000 Euro Fördermittel finanziert sie die Zucht neuer bunter Bio-Sorten. Ein Geniestreich?

Der Steuerzahlerbund spricht eher von einem klassischen Beispiel für Verschwendung. "Das ist eine Liebhaberei, die nicht zu rechtfertigen ist", sagt der Leiter der Abteilung für Haushalts- und Finanzpolitik, Matthias Warneke.

Doch derartige Kritik will Sachsen-Anhalts Agrarminister Hermann Onko Aeikens von der CDU nicht auf dem Projekt sitzen lassen. Er lud Vertreter des Steuerzahlerbundes zu einem Termin vor Ort in Bernburg ein. "Wir bekennen uns voll zu diesem Versuch", sagt er am Feldrand. "Wer Kritik übt, liegt auch manchmal daneben." Aeikens Hauptargument: Deutsche Möhren sind rar.

Mit mehr als 10.000 Hektar Anbaufläche zählt die Möhre zu den wichtigsten Freilandgemüsearten in Deutschland. Aber der Anbau kann den Bedarf nicht decken: Fast jede zweite Möhre wird importiert. Und jetzt setzen Verbraucher auch noch zusehends auf die noch seltenere Bio-Möhre.

Die kommt nicht in der heutigen orangenen Standard-Farbe daher, weil ihr Karotingehalt geringer ist. Bio-Möhren gehen auf alte Sorten zurück, die andere Farben und Nährstoffe beinhalten.

"Möhrenmangel ist ein Zeichen von Marktversagen"

Für Aeikens ist die Sache daher klar. Gemüsebauern haben nach Angaben des Landwirtschaftsministers in Deutschland kaum die Möglichkeit, ausreichend Samen für die seltenen Möhrensorten zu kaufen. "Hier haben wir ein Beispiel, wo es zu Marktversagen kommt", sagt er. Die Konsumenten wollen die bunten Möhren, aber es fehlt am Saatgut. Davon ist Aeikens überzeugt.

Eine Alternative wären Importe. Aekens sagt aber: "Mir ist die Möhre lieber, die in der Region produziert wird." Daher sei der Eingriff in die freie Marktwirtschaft gerechtfertigt. Außerdem zeige das Projekt auch die Qualität der Forschung in Sachsen-Anhalt - wenn man die Bundesförderung nicht bekommen hätte, wären die bunten Möhren womöglich in einem anderen Bundesland gezüchtet worden.

Aeikens ringt um Worte, argumentiert, erklärt, doch den Steuerzahlerbund kann er nicht überzeugen. Rote oder violette Möhren gebe es längst, sagt Warneke. Diejenigen, die vom Verkauf der Möhren später profitieren, sollten auch für die Zucht bezahlen.

Warneke sagt das, wohlwissend, dass Aikens nicht der einzige "Liebhaber" ist, der Fördermittel für sein Projekt einsetzen will. Hessen experimentiert mit roten Apfelsäften. Die Uni Münster in Nordrhein-Westfalen will aus kaukasischem Löwenzahn Gummi gewinnen. Und der Bund beauftragte im vergangenen Jahr eine Studie über die Situation von Kleingärten. Das 100.000-Euro-Projekt förderte zu Tage, dass der demografische Wandel zu Leerständen in den grünen Siedlungen führt.

Quelle: ntv.de, ieh/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen