Panorama

Blickkontakt statt Ampel Straßenverkehr ohne Schilder

"Achtung, Vorfahrt geändert." Für Autofahrer, die das niedersächsische Dorf Bohmte durchfahren, ist das der einzige Hinweis auf einen in Deutschland bislang einzigartigen Straßenabschnitt, auf den sie nun geraten. Auf einem 400 Meter langen Stück der Ortsdurchfahrt gilt nämlich seit dem 19. Mai 2008 das Motto Shared Space, zu deutsch geteilter Raum. Ampeln, Verkehrsschilder, Fahrbahnmarkierungen, Bordsteinkante? Fehlanzeige. Fußgänger, Radfahrer und motorisierter Verkehr machen seit einem Jahr mit Blickkontakt und Handzeichen aus, wer Vorfahrt hat. Dieses Prinzip will die Gemeinde bald auf die gesamte Ortsdurchfahrt ausweiten. Andere Städte planen ähnliche Projekte.

Mit Shared Space sind im Bohmter Ortskern eine geteerte T-Kreuzung mit drei Ampeln sowie 20 bis 25 Verkehrsschilder einem unbeschilderten, gepflasterten Platz gewichen, den alle Verkehrsteilnehmer gemeinsam nutzen. Früher sei es dort lauter und hektischer gewesen, erinnert sich die Erste Gemeinderätin Sabine de Buhr-Deichsel. "Jeder wollte bei der nächsten Grünphase mit dabei sein." Es habe "ständig stehenden Verkehr" gegeben - und zu den Stoßzeiten Stau. Nun fließe der Verkehr langsam, aber stetig. "Man sieht, es bewegt sich, und fährt gelassen an die Stelle heran." Der Ort habe "an Flair gewonnen".

EU fördert Shared-Space-Projekt

Erste Ideen für eine solche Umgestaltung der Ortsdurchfahrt in Bohmte waren bereits Ende 2004 entstanden. Gemäß dem in den Niederlanden entwickelten Shared-Space-Konzept wurden die Einwohner dann intensiv in konkrete Planungen eingebunden, die EU förderte das Ganze als eines von sieben Modellprojekten. Wie sich seit der Freigabe das Verkehrsaufkommen - vorher waren es täglich rund tausend Lkw und bis zu 11.600 andere Fahrzeuge - und die Zufriedenheit der Verkehrsteilnehmer entwickelt haben, soll die Fachhochschule Osnabrück nun untersuchen.

Der Leiter der Studie, Wolfgang Bode, hat jedenfalls schon einen positiven Eindruck von Shared Space gewonnen. "Wenn es nach mir persönlich ginge, sollte man das überall machen", sagt der Logistikexperte. "Weil der Mensch gezwungen wird, wirklich auf den Verkehr zu achten und nicht auf Schilder, ist es für alle Beteiligten sicherer."

So erlebt auch Gemeinderätin de Buhr-Deichsel eine "unheimlich hohe Akzeptanz" für Shared Space. "Die Einwohner haben das Gefühl, das ist ihr Bereich. Schließlich haben sie ihn auch maßgeblich mitgestaltet." Während das Lkw-Aufkommen laut Polizei "gefühlt" etwas abgenommen habe, lasse sich ein Unfallrückgang bereits statistisch belegen. Wo es vorher 30 bis 40 Mal im Jahr krachte, hätten sich seit Mai 2008 lediglich 13 Bagatellunfälle ereignet.

Der Vorsitzende der örtlichen Werbegemeinschaft, Ronald Fortmann, bestätigt eine Beruhigung des Verkehrs. Neben dem Erscheinungsbild der Straße sei auch die Erreichbarkeit der Geschäfte besser geworden. Insofern begrüße die Wirtschaft Pläne für einen gemeinsamen Verkehrsraum auf den gesamten 1,4 Kilometern Ortsdurchfahrt.

Gleiches Recht für alle


Allerdings weist Fortmann auch darauf hin, dass ein solches Projekt "kein Selbstläufer" sei. "Dieses gleiche Recht für alle - auch für Fußgänger, Radfahrer, Kinderwagen - das muss jeden Tag neu gelebt werden." Zum Beispiel Senioren müssten sich das auch erst einmal erarbeiten, "das ist ein permanenter Prozess", sagt Fortmann. "Man muss immer aufmerksam bleiben".

Ähnlich schildert es Kraftfahrer Uwe Eggemann aus Bohmte, der gelegentlich auch mit einem 40-Tonner durch den Ort fährt. "Es ist eigentlich eine schöne Sache, aber nicht einfach." Zwar hätten sich die Bohmter selbst mit Shared Space angefreundet, sagt der 37-Jährige. "Aber Leute von außerhalb sind teils irritiert, und dann steht manchmal der ganze Verkehr."

Viele Auswärtige wissen allerdings genau, was sie in dem Dorf bei Osnabrück erwartet: Drei bis vier an dem Projekt interessierte Besuchergruppen empfängt die Gemeinde pro Woche. Und inzwischen wollen auch Großstädte wie Mülheim an der Ruhr oder Hamburg Straßen nach dem Shared-Space-Prinzip umgestalten.

Deike Stolz, AFP

Quelle: n-tv.de

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