Panorama

Virologe unterstützt Söder Streeck sieht Politik in der "Impf-Falle"

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Der Bonner Virologe Hendrik Streeck ist Teil des 19-köpfigen Corona-Expertenrats der Bundesregierung.

Ab Mitte März gilt eine Impfpflicht im Gesundheitswesen - doch umsetzen will sie Bayerns Ministerpräsident Söder nicht. Virologe Streeck, der auch dem Expertenrat der Bundesregierung angehört, nennt das "pragmatisch" und zweifelt den Sinn des Vorhabens generell an.

ntv: Bayern setzt die Impfpflicht im Gesundheitswesen bis auf Weiteres aus. Ist das ein Fehler oder ist diese Impfpflicht schon aus der Zeit gefallen?

Hendrik Streeck: Wir haben uns ja schon mehrfach über die Sinnhaftigkeit der Impfpflicht unterhalten. Ich sehe das sehr skeptisch, obwohl ich die emotionalen Argumente verstehen kann. Wir können weder die Schutzdauer, die Schutzwirkung bei zukünftigen Varianten, die wir auch noch nicht kennen, vorhersagen. Und wir wissen noch nicht einmal, wie lange nach der Booster-Impfung der Impfschutz anhält. Da hat man sich mit der einrichtungsbezogenen Impfpflicht so ein bisschen in eine Impf-Falle verrannt. Auf der einen Seite geht es ja auch um die Glaubwürdigkeit der Politik, wenn die Impfpflicht in den Einrichtungen nicht durchgezogen wird. Auf der anderen Seite hat man ein Personalproblem in einigen Bereichen, in einigen Bezirken ja vielleicht auch nur. Daher finde ich es eigentlich von Herrn Söder einen pragmatischen Vorstoß zu sagen, dass wir hier neue Erkenntnisse haben - auch mit Omikron - und diese Impfpflicht erstmal ausgesetzt wird.

Hat die Impfpflicht wie sie geplant ist also wenig Sinn und es muss nachgebessert werden?

Man muss tatsächlich mal die wissenschaftlichen Gründe für und wider eine Impfpflicht gegeneinander stellen. Und das wird in dieser Debatte viel zu wenig gemacht. Wir haben zwei Mal eine Impfpflicht in Deutschland gehabt: Einmal bei den Pocken, die ausgerottet sind; und die einrichtungsbezogene Impfpflicht bei den Masern. Da waren die Grundvoraussetzungen, dass man eine sterile Immunität erzeugen kann, also einen Schutz vor der Infektion - das ist bei Sars-CoV-2 nicht gegeben. Und zum anderen, dass man so ein Virus ausrotten kann. Aber wir sehen, dass das Virus ja überall ist, es wird endemisch werden. Wir sehen es ja auch im Tierreich, das heißt, wir können es überhaupt nicht ausrotten.

Mittlerweile spielt bei uns in Deutschland ja auch der Omikron-Subtyp BA.2 eine Rolle. Ist das ein Warnbeispiel, dass uns weitere Varianten das Leben noch schwer machen können?

Wir müssen uns auf weitere Varianten einstellen. Ich finde, viele Einschätzungen zu den neuen Varianten gehören eigentlich in die Fachgebiete der Virologie, Immunologie und Epidemiologie, häufig wissen wir noch gar nicht so viel dazu. Die BA.2-Variante scheint einen leichten Vorteil gegenüber BA.1 zu haben, dass sie etwas besser übertragbar ist. Aber sie hat auch leicht andere Eigenschaften. Was es - vielleicht - bei uns bedeuten könnte, wenn sie - vielleicht - bei uns dominant werden würde - Sie hören, ich sage ganz viel "vielleicht" gerade -, dass wir einen Knick im absteigenden Ast haben. Wenn die Fallzahlen wieder fallen, könnten wir ein Plateau oder einen zweiten Peak kriegen. Aber das ist alles Spekulation. Es zeigt uns aber einfach: Es könnten neue Varianten kommen, es könnten sich neue Linien entwickeln. Darauf müssen wir uns eben einstellen.

Mit Hendrik Streeck sprach Daniel Schüler

Quelle: ntv.de

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