Panorama
Das Tucholsky Literaturmuseum hat seinen Sitz im Schloss Rheinsberg.
Das Tucholsky Literaturmuseum hat seinen Sitz im Schloss Rheinsberg.(Foto: dpa)
Montag, 15. Juni 2009

Welt der Pseudonyme in Rheinsberg: Tucholsky Literaturmuseum

Der sensible Künstler hasste Rosenkohl, Lärm, das Militär und die Nazis, schön gespitzte Bleistifte mochte er dagegen sehr. Ebenso die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebte. Es ist eine kurze satirische Todesanzeige, die Kurt Tucholsky einst über sich selbst verfasste. Doch dieser Zeitungsausschnitt, der im Kurt Tucholsky Literaturmuseum im brandenburgischen Rheinsberg ausgestellt ist, sagt vieles, wenn nicht alles Wesentliche über das Naturell dieses Mannes. "Er war ein politischer Mensch, noch mehr war er eine überempfindliche Künstlerfigur, und er war ein großer Liebender", sagt Museumsleiter Peter Böthig.

Tucholskys Aufnahmeurkunde in die Freimaurerloge.
Tucholskys Aufnahmeurkunde in die Freimaurerloge.(Foto: dpa)

Er blinzelt gegen die Sonne, die den See glitzern lässt. Hinter ihm das strahlende Schloss Rheinsberg, Sitz des Kurt Tucholsky Literaturmuseums, eines der 20 Kulturellen Gedächtnisorte von nationaler Bedeutung in Ostdeutschland. Möglich, dass genau auf dieser Bank der Schriftsteller (1890-1935) einst gesessen hat, im Arm seine Geliebte Else Weil. Nur ein Wochenende verbrachte das Paar anno 1911 in Rheinsberg, und doch setzte der damalige Jurastudent der Kleinstadt mit seiner heiteren Geschichte "Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte" ein literarisches Denkmal. "Mit diesem Büchlein hat er die Aura dieses Ortes mitgeprägt", erklärt Böthig.

Nationales DDR-Kulturerbe

Das Geburtshaus Tucholskys, der unter anderem für die Zeitschrift "Weltbühne" und die "Vossische Zeitung" schrieb, steht zwar im einstigen West-Berlin, doch der Senat wollte dort keine Gedenkstätte einrichten. Vor dem 100. Geburtstags Tucholskys fasste der DDR- Ministerrat dann den Beschluss, dass der Dichter nationales Kulturerbe sei und im Rheinsberger Schloss - damals noch ein Diabetiker-Sanatorium - eine Gedenkstätte entstehen soll.

"Nach der Wende wurde dieses Ziel weiter verfolgt, 1993 eröffnete die Gedenkstätte, 2004 wurde sie in Literaturmuseum umbenannt", sagt Böthig. Regelmäßig werden dort auch Lesungen veranstaltet. Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) betont, das Museum sei in der Perlenkette der literarischen Gedenkorte in Brandenburg ein ganz besonderer Ort. "Eine Perle, die im Umfeld von Schloss und Park Rheinsberg natürlich besonders funkelt."

Tucholskys Möbel aus dem schwedischen Exil.
Tucholskys Möbel aus dem schwedischen Exil.(Foto: dpa)

Es ist ein sehr kleines - das Leben des Dichters wird auf 130 Quadratmetern beleuchtet -, aber feines Museum. Einziges großes Exponat ist ein Schreibtisch, an dem Tucholsky einst saß. Daneben sind vor allem Bücher, Fotos, Dokumente und viele Zitate des Wortgewaltigen zu finden.

"Das Spiel ist aus"

Nur zehn Bücher hat Tucholsky geschrieben, das Museum hat alle in Erstausgaben, außerdem verfasste er mehr als 3000 Texte zwischen 1912 und 1932. Dann hörte er abrupt auf: "Das Spiel ist aus, die Nazis sind nicht mehr aufzuhalten", notierte Tucholsky. Aus Verzweiflung darüber legte er seine geliebten gespitzten Bleistifte zur Seite, 1935 schließlich sah der Dichter - längst im schwedischen Exil - nur noch den Freitod als (Er)-Lösung für sich.

Aus war es mit provokanten Äußerungen aus seiner Feder wie "Soldaten sind Mörder", vorbei auch seine Begeisterung für Pseudonyme. "Es begann als heiteres Spiel, denn Tucholsky war auch sehr humorvoll, später war es nützlich, um Abteilungen für sich zu bilden", sagt Böthig. Peter Panter war der Feuilletonist, Theobald Tiger der Chansonschreiber, Ignaz Wrobel der Satiriker und Kaspar Hauser der Philosoph.

"Ein kleiner dicker Berliner ..."

Über allem stand dann aber eben der politische Mensch. So beschrieb Erich Kästner seinen Zeitgenossen mit den Tucholskys Humor und seinen politischen Kampf gegen die Nazis verknüpfenden Worten: "Ein kleiner dicker Berliner wollte mit einer Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten."

Quelle: n-tv.de