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Milde Strafe für Olympiahoffnung Vergewaltigungsopfer schreibt Brief

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Die Tat ereignete sich auf dem Gelände der renommierten Stanford-University.

(Foto: REUTERS)

Was bedeutet eine Vergewaltigung für das Opfer? Wie fühlt es sich an, zu verstehen, dass man gegen seinen Willen zum Sex gezwungen wurde? Wie ist es, vor Gericht verfolgen zu müssen, wie der Täter sich herausredet? Eine 23-Jährige hat es aufgeschrieben.

Im Januar haben zwei Studenten der Standford University auf dem Campus im US-Bundesstaat Kalifornien einen jungen Mann entdeckt, der sich an einer bewusstlosen Frau verging, die halbnackt hinter einer Mülltonne lag. Im März befand eine Jury den 20-jährigen Brock Allen Turner in drei Fällen der sexuellen Nötigung für schuldig. Ihm drohten bis zu 14 Jahre Gefängnis. Verurteilt wurde er schließlich am vergangenen Donnerstag zu sechs Monaten auf Bewährung. Zur Begründung sagte der Richter, eine harte Strafe hätte "schwere Auswirkungen" auf Turner, der als Schwimmer gute Chancen auf die Teilnahme an Olympischen Spielen hat.

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Brock Turner (re.) erhielt eine Bewährungsstrafe.

(Foto: AP)

Welche Auswirkungen die Tat und das milde Urteil auf das Opfer haben, diese Frage stellte es selbst in einem offenen Brief an den Täter, der sich nach seiner Veröffentlichung auf BuzzFeed rasant im Internet verbreitete. Die inzwischen 23-jährige berichtet darin von einem Abendessen mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester, die über das Wochenende zu Besuch war. Sie habe eigentlich ins Bett gehen wollen, dann habe sie sich aber doch entschieden, noch mit ihrer Schwester eine Party zu besuchen, obwohl sie wusste, dass sie dort die Älteste sein würde. Ihre Schwester habe sie noch gehänselt, weil sie eine biedere Strickjacke trug. Auf der Party habe sie zu schnell ein paar Schnäpse getrunken, nicht mehr gewahr, "dass meine Toleranz seit dem College deutlich nachgelassen hat".

"Das nächste an das ich mich erinnere, ist, dass ich auf einem Flur auf einer Bahre lag. Ich hatte getrocknetes Blut und Bandagen an meinen Händen und Ellbogen. Ich dachte, ich sei vielleicht gefallen." Sie sei ganz ruhig gewesen und habe nach ihrer Schwester gefragt, aber dann habe ihr jemand gesagt, dass sie angegriffen worden sei. "ich blieb ruhig, überzeugt, dass er mit der falschen Person sprach."

Kaum zu verstehen

Als sie schließlich auf die Toilette durfte, habe sie die Krankenhausunterhose heruntergezogen. Sie habe ihren eigenen Slip herunterziehen wollen und da sei nichts gewesen. "Das dünne Stück Stoff, das einzige, das zwischen meiner Vagina und allem war, fehlte." Zunächst habe sie gedacht, dass Polizisten sie vielleicht als Beweisstück abgeschnitten hätten. Aber dann habe sie Tannennadeln gespürt, die in ihrem Nacken kratzten. Sie habe Papiere unterschreiben müssen, in denen sie als Vergewaltigungsopfer bezeichnet wurde. Und dann habe sie verstanden, dass das wirklich passiert sei.

Aus ihrer Vagina und ihrem Anus seien Abstriche gemacht worden, eine Kamera habe direkt zwischen ihre gespreizten Beine fotografiert, sie sei mit blauer Farbe eingepinselt worden, um Abschürfungen sichtbar zu machen. Nach Stunden habe sie endlich duschen dürfen. "Ich hatte schreckliche Angst vor meinem eigenen Körper, ich wusste nicht, was in ihm gewesen war, womit er kontaminiert worden war, wer ihn berührt hatte."

Weder ihrer Schwester, noch ihrem Freund oder ihren Eltern habe sie erzählen können, dass sie hinter einer Mülltonne vergewaltigt wurde. Sie habe die Angst in ihren Gesichtern nicht ertragen können, weil sich ihre eigene dadurch verzehnfachen würde. Sie habe nicht gegessen, nicht geschlafen, nicht gesprochen. Erst später habe sie aus den Nachrichten erfahren, was ihr geschehen sei.

Nichts mehr, wie es war

"Im nächsten Abschnitt las ich etwas, dass ich ihm nie verzeihen werde. Ich las, dass es mir gefallen hat. Ich mochte es." Das sei gewesen, als habe sie gelesen, sie sei von einem Auto überfahren worden und habe es genossen. Sie habe gehofft, dass der Täter zur Verantwortung gezogen wird. Aber dann hieß es, er habe einen mächtigen Anwalt angeheuert, Sachverständige und Privatdetektive, die Details aus ihrem persönlichen Leben finden sollten, um es gegen sie zu verwenden. Weil sie nicht erinnern konnte, wurde die ganze Tat in Zweifel gezogen. "Die Hilflosigkeit war traumatisierend."

Turner habe ausgesagt, sie habe allem zugestimmt. Wie sei das möglich gewesen, wenn sie bewusstlos war? Wenn sie nicht gefunden worden wäre, hätte er sie dann wieder angezogen und ihr die Tannennadeln aus dem Haar gezupft? Der Täter behauptete, sie habe einen Orgasmus gehabt. Einer Krankenschwester zufolge hatte sie Abschürfungen, Schnitte und Schmutz an ihren Genitalien. "War das bevor oder nachdem ich gekommen war?"

Noch immer könne sie nicht ohne Licht schlafen, sie habe Alpträume. Sie habe Angst, abends spazieren zu gehen. "Es ist peinlich, wie schwach ich mich fühle, wie zaghaft ich mich durch mein Leben bewege, immer wachsam, bereits mich zu verteidigen." Schließlich dankte die 23-Jährige allen, die ihr geholfen haben: dem Krankenhauspersonal, ihrer Familie und den Anwälten, ihrem Freund für seine Geduld. Vor allem aber den beiden Männern, die sie gefunden hatten.

Quelle: n-tv.de, sba

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