Panorama

Vom Staat vergessen Veteranen des Balkans

Sie zünden sich vor laufenden Fernsehkameras selbst an oder lassen sich in der Öffentlichkeit von einer Handgranate zerfetzen: Für viele Veteranen der Balkankriege (1991-1999) ist Selbstmord der letzte Ausweg aus ihren Problemen. "Die Erlebnisse vieler Soldaten sind so extrem, dass sie sie anderen nach ihrer Rückkehr von der Front nicht vermitteln können", erklärt Ursula Renner. Sie arbeitet für das deutsche Forum Ziviler Friedensdienst mit Veteranen in Kroatien. Dort nehmen sich jährlich 130 ehemalige Soldaten das Leben. Fast 2000 waren es bis heute.

Wer im Krieg getötet hat oder hilflos zusehen musste, wie seine Kameraden starben, kann diese Erlebnisse nur schwer verarbeiten. Geschätzte 30 Prozent der Kriegsheimkehrer sind traumatisiert. Sie leiden unter Depressionen, Alpträumen und unkontrollierten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse. Mit Alkohol oder Drogen versuchen sie, ihre Erfahrungen zu verdrängen.

Traumatisiert = verrückt

Allein in Serbien waren schätzungsweise rund 800.000 Menschen an Kampfhandlungen beteiligt. Das ist ein Zehntel der Bevölkerung. In Kroatien gehen Experten von 350.000 Veteranen aus, obwohl das Land nur 4,4 Millionen Einwohner besitzt. Die Zahl der Betroffenen ist aber mindestens vier Mal so hoch. Denn unter einer Traumatisierung leidet auch die Familie des Ex-Soldaten. Scheidungen und häusliche Gewalt sind in den letzten Jahren gestiegen. Die gesellschaftliche Stigmatisierung ist hoch. "Traumatisierung wird meist gleichgesetzt mit: 'Der ist verrückt'", hat Ursula Renner beobachtet.

Die Veteranen fühlen sich vom Staat vergessen. Sie waren in den Krieg gezogen, um Familie und Vaterland zu verteidigen - heute werden sie als Verräter gesehen, die sich von den damaligen Machthabern einspannen ließen. Die heutige Regierung unterstütze diese Haltung, sagt Milos Antic, Leiter des einzigen serbischen Zentrums für Kriegstraumata in Novi Sad. "Offiziell existieren die Veteranen in Serbien gar nicht", fährt er fort.

Kaum finanzielle und psychologische Unterstützung

Entsprechend mager ist die Unterstützung. Über 40 Prozent kämpften bei einem Monatseinkommen von umgerechnet rund 220 Euro ums nackte Überleben, berichten serbische Medien. Das Durchschnittseinkommen beträgt etwa 350 Euro. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Protesten, bei denen mehr Unterstützung gefordert wird. Zuletzt kam es in Südserbien zwischen mehr als tausend demonstrierenden Veteranen und der Polizei zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Psychologische Unterstützung ist rar. In Serbien gibt es neben dem Traumazentrum in Novi Sad nur fünf erfahrene Trauma-Therapeuten. Dabei können Kriegsveteranen viel zum Frieden in der Region beitragen, sagt Milos Antic. Nach erfolgreicher Behandlung sprechen einige der Veteranen vor Schülergruppen über ihre Erfahrungen. Die Ex-Soldaten besäßen eine hohe Glaubwürdigkeit für die Jugendlichen und könnten so zur Gewaltvorbeugung beitragen, so Antic.

Bis heute scheuen die ex-jugoslawischen Staaten die Auseinandersetzung mit ihrer Kriegsvergangenheit. Veteranen können diese politischen Tabus brechen, weiß Ursula Renner: "Wenn sie ihr Trauma überwunden haben, sind viele Soldaten ganz wild darauf, sich mit ihren ehemaligen Feinden auszutauschen." Bei Treffen zwischen Veteranen aus Bosnien, Serbien und Kroatien sähen die früheren Gegner, dass die jeweils andere Seite ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat. "Kritischer Dialog ist die Voraussetzung dafür, dass irgendwann Versöhnung stattfinden kann", schöpft Renner Hoffnung.

Natalie Kiehl, dpa

Quelle: n-tv.de

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