Panorama

Autowahnsinn im Gazastreifen Viergeteilt durch den Tunnel

2r250013.jpg1963312485148768124.jpg

Alles wird durch die Tunnel in den Gazastreifen geschmuggelt - auch Autos. Schmuggler zerlegen sie in ihre Einzelteile und bauen sie danach wieder zusammen.

dpa

In den letzten drei Jahren sind nur 50 neue Autos legal in den Gazastreifen gelangt. Unter der Erde hingegen brummt ein bizarres, illegales Geschäft mit den Autos. Und die Hamas kassiert mit.

Jedem Autoliebhaber sträuben sich die Haare: Ein nagelneuer BMW wird gevierteilt. Dann schleppen Schmuggler die Einzelteile durch einen Tunnel von Ägypten in den Gazastreifen. Dort nimmt Mahmud Salah die automobilen Bausteine mit Freude entgegen - denn die zerlegte Nobel-Karosse ist im Nu wieder fahrtüchtig. Bei einem Automechaniker lässt Salah das Fahrgestell zusammenschweißen. "Und jetzt fahre ich ein neues Auto", sagt der 32-Jährige strahlend.

Autowahnsinn im Gazastreifen: Seit Israel das Palästinensergebiet am Mittelmeer vor drei Jahren praktisch komplett von der Außenwelt abgeriegelt hat, schlägt der dortige Automarkt Kapriolen. Die Preise erzielten Weltrekorde, sagt der Händler Maher al-Oukka aus Gaza. Bei Gebrauchtwagen hätten sie sich verdoppelt: "Einen Honda Civic, Modell 2000, haben wir 2007 für 11 000 Dollar verkauft. Heute verkaufen wir das gleiche Auto für 22 000 Dollar."

Nur 50 neue Autos in drei Jahren

Sejad al-Sasa versucht, das Phänomen zu erklären. Er ist Wirtschaftsbeauftragter der radikal-islamischen Hamas, die im Juni 2007 nach einem Putsch die Macht im Gazastreifen übernommen hat. "Israel hat seit 2007 keine neuen Autos in den Gazastreifen hereingelassen. Deshalb sind Autos in Gaza sehr teuer geworden", sagt er. "Im Gazastreifen gibt es 60.000 Autos einschließlich Lastwagen, Planierraupen und Baufahrzeugen. (...) Und in den vergangenen drei Jahren sind nur 50 neue Autos dazugekommen." Diese Fahrzeuge seien Spenden aus dem Ausland und legal über den Grenzübergang Rafah eingeführt worden.

Dafür brummt in den mehreren hundert Tunneln unter Tage das illegale Geschäft - und die Hamas kassiert kräftig mit. Mohammed Nasrallah aus Gaza hat sich auf den Import von Schmuggelfahrzeugen spezialisiert. "Die (Hamas-)Behörden in Gaza haben beschlossen, eingeschmuggelte Autos zuzulassen. Ich zahle 10.000 Dollar an die Behörde, damit aus einem illegal eingeschmuggelten Fahrzeug ein legal zugelassenes wird", sagt er. Dann rechnet der Händler vor: "Ich kaufe ein Auto beim Tunnelbesitzer für 25.000 Dollar, zahle 10.000 Dollar an die Hamas und verkaufe das Auto für 40.000 Dollar. Ich mache bei jedem Fahrzeug 5000 Dollar Profit."

Das Prinzip Hoffnung

Weil eingeschmuggelte Ersatzteile ebenfalls astronomisch teuer sind, trennt sich manch ein Autobesitzer lieber von seinem guten Stück. Dabei regiert auch das Prinzip der Hoffnung, dass Israel die Grenzen irgendwann einmal wieder aufmachen muss. "Ich werde mein Auto jetzt für einen hohen Preis verkaufen, das Geld behalten und warten, bis neue Autos nach Gaza kommen. Dann kaufe ich mir für das gleiche Geld ein brandneues Modell", sagt Taxifahrer Osama Daher.

Der Gazastreifen gehört zu den ärmsten Landstrichen der Welt. Vier von fünf der rund 1,5 Millionen Palästinenser könnten ohne Hilfe der Vereinten Nationen nicht überleben. Und während sich die Reichen mit Fantasiepreisen auf dem Automarkt überbieten, müssen sich zwei Drittel der Bürger ohne eigenen fahrbaren Untersatz mit ganz anderen Sorgen herumschlagen: Wie komme ich von A nach B?

Die einfachste Möglichkeit ist ein Sammeltaxi. Die Fahrgäste teilen sich den umgerechnet einen Euro für die Fahrt von einer Stadtgrenze zur anderen. Und wer etwas transportieren muss, greift auf den guten, alten Esel zurück. Doch auch bei den Grautieren herrscht Notstand, weil sie ebenfalls eingeschmuggelt werden. "Ein Esel, der einmal 500 Dollar gekostet hat, wird jetzt für 800 Dollar verkauft", sagt Ahmed Hilles, Besitzer eines Gemischtwarenladens in Gaza.

Quelle: n-tv.de, Saud Abu Ramadan und Hans Dahne, dpa