Panorama

Kernspaltung und ihre Folgen Von Berlin nach Fukushima

36545113.jpg

Otto Hahn und Lise Meitner im Jahr 1962.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Welt horcht auf, als 1938 die Kernspaltung entdeckt wird. Die Technologie soll den Energiehunger der Welt stillen, doch sie ist gefährlich: Hiroshima und Nagasaki werden durch Atombomben zerstört, Tschernobyl und Fukushima durch atomare Unfälle. Die Folgen sind unabsehbar.

3fm50504.jpg8357477731667136332.jpg

Der Hahn-Meitner-Straßmann-Tisch im Deutschen Museum München.

(Foto: dpa)

75 Jahre - das ist ein Wimpernschlag angesichts von radioaktiven Elementen, deren Halbwertzeit Jahrtausende oder gar Jahrmillionen beträgt. Aber 75 Jahre reichen locker aus, um Nutzen und Gefahren der Atomkraft jedem Menschen vor Augen zu führen. Vor einem Dreivierteljahrhundert, am 17. Dezember 1938, wurde die Kernspaltung erstmals entdeckt und nachgewiesen. Mitten in Berlin, im damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie. Einen der Tische, an denen das Experiment durchgeführt wurde, kann man noch heute im Deutschen Museum in München sehen. Darauf liegen Paraffinblock, Geiger-Müller-Zähler, Batterien, Saugflasche und das historische Protokollheft "Chem-II".

Otto Hahn führte damals das kernphysikalische und radiochemische Experiment durch, sein Assistent Fritz Straßmann besorgte die chemische Analsye. Diese erbrachte erstmals den Nachweis, dass Uran nach dem Beschuss durch Neutronen aufgespalten wird. Bis dahin hatte man vermutet, dass der Beschuss schwerere Elemente als Uran entstehen lassen würde, sogenannte Transurane. Doch der Berliner Versuch zeigte, dass der Kern des Elements stattdessen zerplatzte und das nur etwa halb so große Barium entstand.

AP4507160119.jpg

Der Atompilz des Trinity Tests, des ersten erfolgreichen Kernwaffentests im Juli 1945.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Hahn schickte die Ergebnisse nach Schweden an Lise Meitner. Die jüdische Physikerin hatte die Experimente entscheidend angestoßen, musste aber nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ins Exil gehen. Von dort besorgte sie allerdings die erste theoretische Erklärung der Messergebnisse, die Anfang 1939 im Magazin "Nature" veröffentlicht wurde. Otto Hahn wurde 1946 für die Entdeckung der Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1944 verliehen. Leitner und auch die anderen Mitarbeiter gingen dagegen leer aus.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Forscher weltweit die in Berlin begonnenen Experimente fortgeführt. Sie ergaben, dass der Uranbeschuss auch sehr viel Energie freisetzt, und dass die Spaltung des Urankerns durch Neutronen neue Neutronen entstehen lässt, die weitere Atomkerne spalten. So entsteht eine Kettenreaktion mit der Sprengkraft von mehreren tausend Tonnen TNT. Es galt, diese bisher ungekannten Energiemengen nutzbar zu machen. Bereits 1942 entstand deshalb der erste experimentelle Atomreaktor in den USA. Nach der Vorstellung von Wissenschaftlern soll die neue Energiequelle Millionen Menschen versorgen.

Die erste getestete Atomwaffe heißt "Das Gerät"

Doch nicht nur der zivile Bereich war interessiert. In mehreren Staaten arbeiteten Forscher an der Entwicklung einer Kernwaffe. Entsprechende Projekte gab es in der Sowjetunion, in Deutschland mit dem "Uranprojekt" unter der Leitung von Werner Heisenberg und in Japan, wo das erste Atomkraftwerk kurz vor der Inbetriebnahme 1945 bei einem Luftangriff zerstört wurde.

Doch die Nase vorn hatten die USA, wo 1942 das Manhattan-Projekt aus der Taufe gehoben wurde. Die Wissenschaftler um Robert Oppenheimer sollten eine Atombombe entwickeln, die den Zweiten Weltkrieg entscheiden sollte. Aus Furcht, die Deutschen könnten ihnen zuvor kommen, hatte selbst Albert Einstein eine Forcierung des Projekts gefordert. So erfolgt auch der erste erfolgreiche Kernwaffentest, der sogenannte Trinity-Test, in den USA: am 16. Juli 1945 südlich der Stadt Los Alamos in New Mexico. Die Bombe, die "The Gadget" (Gerät) genannt wurde, hatte eine Sprengkraft von 21 Kilotonnen TNT.

Bereits kurz darauf, am 6. und 9. August, setzten die US-Amerikaner die ersten Atombomben ein. Sie bombardierten Hiroshima und Nagasaki, um Japan zur Kapitulation zu bringen. Hunderttausende Menschen kamen dabei ums Leben. Otto Hahn protestierte gegen diese militärische Nutzung seiner Entdeckung und kämpfte fortan - genau wie Straßmann und Leitner - dagegen an, unter anderem mit dem Göttinger Manifest von 1957. Albert Einstein nannte in den 50ern seine frühe Unterstützung des Manhattan-Projekts einen "schweren Fehler", auch wenn er aufgrund der deutschen Anstrengungen eine "gewisse Rechtfertigung" dafür sah.

Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten, sie intensivierte sich vielmehr in den folgenden Jahren. Im September 1949 vollzog die Sowjetunion ihren ersten Kernwaffentest. Wie erschreckend das Ausmaß dieser Tests war und immer noch ist, zeigt der japanische Künstler Isao Hashimoto in einem Video. Darin versammelt er alle 2053 nuklearen Explosionen, die es weltweit zwischen 1945 und 1998 gab. Das Video beginnt sehr langsam mit dem Trinity-Test und den beiden Atombombenabwürfen. Doch ab Mitte der 50er Jahre intensivieren sich die Versuche in den USA und der Sowjetunion massiv - der Kalte Krieg und die atomare Aufrüstung begannen.

Ein System der atomaren Abschreckung

Seiten aus Splitter Verlag - Frühling in Tschernobyl-Rezensions-PDF-47.jpg

In düsteren Farben zeichnet Lepage den Unglücksreaktor.

(Foto: Futuropolis / Splitter 2013)

Erschreckend ist aber nicht nur die schiere Anzahl der Tests - allein die USA kommen auf mehr als 1000. Man sieht in dem Video auch genau, dass es keinesfalls nur um Versuchsexplosionen ging. Im Mittelpunkt stand vielmehr die atomare Abschreckung zwischen West- und Ostblock. Sobald die eine Macht einen eigenen erfolgreichen Kernwaffentest durchführt, reagiert die andere mit einer ganzen Versuchsreihe. Gerade ab Mitte der 50er Jahre - als mit Großbritannien, Frankreich und China neue Atommächte hinzukommen - folgen Dutzende Tests pro Jahr. Die Mächte forderten sich so gegenseitig heraus - eine Entwicklung, die erst nach dem Ende des Kalten Krieges abebbte.

Doch neben dieser militärischen Gefahr der Atomkraft, erwies sich auch die zivile Nutzung als anfällig. Die Forschung an der Energiequelle wurde nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt und stetig weiterentwickelt. Schließlich lieferten Reaktoren billige und wegen des geringen CO2-Ausstoßes auch vermeintlich umweltschonende Energie. Begleitet wurde dies jedoch immer wieder von Stör- und Unfällen. 1957 kam es in der Kerntechnischen Anlage Majak in der Sowjetunion zu einem schweren Unfall, bei dem große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt wurden. Im gleichen Jahr ereignete sich im britischen Sellafield ein ernster Unfall. 1979 schreckt eine partielle Kernschmelze im amerikanischen AKW Three Mile Island die Bevölkerung auf.

tschernobyl_seite124-125.jpg

Lepage entdeckt auch farbenfrohe Szenen. Doch die scheinbar intakte Natur ist in Wirklichkeit radioaktiv kontaminiert.

(Foto: Futuropolis / Splitter 2013)

Über mehrere Jahrzehnte gesehen mögen diese Zwischenfälle einen verschwindend geringen Prozentsatz ausmachen. Doch kommt es einmal zu einem atomaren Unfall, sind die Folgen für Mensch und Natur nicht mehr abzuschätzen. Das wurde jedem schlagartig bewusst, als es am 26. April 1986 in einem Reaktor des Atomkraftwerkes von Tschernobyl in der heutigen Ukraine zu einer Kernschmelze und anschließender Explosion kam.

Es ist der bisher folgenschwerste atomare Unfall, die Strahlung war 400 Mal so stark wie beim US-Atombombenabwurf auf Hiroshima. Die genaue Zahl der Opfer lässt sich nur schwer abschätzen. Die Schätzungen liegen meist zwischen 10.000 und 100.000 Toten. Darunter sind etwa die Feuerwehrleute, die den Brand erst nach sechs Tagen löschen können, aber auch viele der 500.000 bis 800.000 Liquidatoren, die den Reaktor, die Trümmer und die Umgebung von den gröbsten radioaktiven Verunreinigungen säubern und den "Sarkophag" bauen. An die 350.000 Menschen werden infolge der Katastrophe umgesiedelt.

Wie sehr die Region auch nach Jahrzehnten noch unter der Atomkatastrophe leidet, zeigt der beklemmende Reportageband "Ein Frühling in Tschernobyl" des französischen Comiczeichners Emmanuel Lepage. Dieser reiste 2008 in die Region und besichtigte den Sperrbezirk, den havarierten Reaktor, die naheliegende, evakuierte Stadt Prypjat und andere verlassene Orte.

Er sprach aber auch mit Menschen, die noch heute dort leben. Da ist ein ehemaliger Liquidator, der das Gefühl hat, auf einer entsicherten Granate zu leben. Da ist der Mann, auch er ein Ex-Liquidator, der in der kontaminierten Zone plündert: Möbel, Metall und Ziegel verlassener Häuser. Er glaubt, sein Wodkakonsum würde ihn schützen. Und da sind die Menschen, die von ihrer Kindheit im Schatten der Katastrophe berichten. Manche kamen zurück, den Gefahren zum Trotz.

"Inmitten der Finsternis"

Diese Eindrücke hat Lepage, wie schon bei seiner Reise zu den französischen Süd- und Antarktisterritorien, in Zeichnungen festgehalten. Die Bilder sind bedrückend und gespenstisch. Grau und Schwarz ragt der havarierte Reaktor in den wolkenverhangenen Himmel, kahl stehen die Bäume im Wald. Die verlassenen Häuser und Straßen wirken wie Überreste einer fernen, untergegangenen Zivilisation. "Inmitten der Finsternis", beschreibt er den trostlosen Ort. Doch bei der Erkundung der näheren Umgebung, der "Zone", kommen auch bunte Zeichnungen hinzu: "Dieses subtile Vibrieren der Farben verdeckt die furchtbare Realität", schreibt Lepage. Er sitzt in einem farbenfrohen Wald, der Ruhe und Sinnlichkeit ausstrahlt, und weiß doch, dass hier alles kontaminiert ist. "Tick tick tick", macht das Dosimeter, das immer dabei ist und die Strahlenbelastung anzeigt.

Die Ungewissheit dieser Gefahr, die man nicht sieht, die aber ganz Europa und die ganze Welt betraf, ist der stärkste Eindruck der von Tschernobyl zurückgeblieben ist - er hält bis heute an. Das erlebte man auch, als im März 2011 das Atomkraftwerk im japanischen Fukushima infolge eines Seebebens und eines Tsunamis havarierte. In drei Blöcken kam es zu Kernschmelzen. Große Mengen an Radioaktivität wurden freigesetzt und kontaminierten die Umgebung und weiter entfernte Gebiete - eine radioaktive Wolke bedrohte auch die Millionenmetropole Tokio. Mehr als 100.000 Menschen wurden evakuiert. Die Welt war entsetzt, in Deutschland kam es in der Folge zur Energiewende.

Doch die Gefahr in Fukushima ist nicht gebannt, es ist eine schwelende Katastrophe, die jederzeit eskalieren könnte. Es gibt weiterhin Meldungen über kontaminierte Fische, belasteten Reis und Tee. Die Berichte über Lecks und Probleme reißen auch nach fast drei Jahren nicht ab. Vielen Menschen ist diese Gefahr bewusst, die von atomaren Unfällen ausgeht. Auch die Forscher, die vor 75 Jahren in einem Berliner Labor die Kernspaltung nachwiesen, kannten die Gefahr. Doch sie arbeiteten so sauber, dass keine Kontaminationen entdeckt wurden.

"Ein Frühling in Tschernobyl" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Quelle: ntv.de