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Hohe Erwartung, wenig Anerkennung Warum Muttersein schon mal leichter war

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Das vorherrschende Mutterbild ist ein unrealistischer verkitschter Mythos.

(Foto: picture alliance / dpa)

Am zweiten Sonntag im Mai werden in unzähligen Haushalten Gebasteltes oder Blumen überreicht. Das kann man doof finden oder gut am Muttertag. Doch entscheidend ist bekanntlich der Rest des Jahres und da ist Muttersein vor allem eines: frustrierend.

Mütter waren früher einmal weibliche Menschen, die Kinder bekamen und sie großzogen. Sie trugen Schürzen und hängten die Wäsche im Hof auf. Sie hatten Lockenwickler im Haar und manchmal sogar eine Zigarette im Mundwinkel, beim Kochen wohlgemerkt. Sie hatten zwei oder drei Kinder oder sogar fünf oder sieben. Viele gingen arbeiten, alle gaben ihr Bestes. Manchen gelang das besser, anderen nicht so gut. Einmal im Jahr gab es vielleicht Frühstück ans Bett oder sogar Blumen und Schokolade. Dann war Muttertag, danach war alles wieder wie vorher.

Heute sind Mütter ganz anders, aber egal, wie sie sind, richtig machen sie es nicht mehr. Rund um das Muttersein tobt ein Kampf, den keine Frau, die ein oder auch mehrere Kinder hat, mehr gewinnen kann. Bei Twitter brachte es @froumeier dieser Tage auf den Punkt. "Eine Frau arbeitet nach der Geburt ihres Kindes Teilzeit. Gesellschaft so: Wie mutlos! So klappt es natürlich nicht mit der Karriere!" "Eine Frau arbeitet nach der Geburt ihres Kindes weiterhin Vollzeit. Gesellschaft so: Rabenmutter! Wieso hat sie überhaupt ein Kind?" "Eine Frau wird nach der Geburt ihres Kindes Hausfrau. Gesellschaft so: Hausmütterchen! Schade um die teure Ausbildung!"

Während Rollenbilder immer weiter aufweichen, steigen die Anforderungen an Mütter ins Unermessliche. Sie sollen stillen, aber nicht zu lange. Sie sollen ihre Kinder liebevoll umsorgen, aber auch auf dem neuesten Stand der Forschung fördern, inklusive Pekip-Kurs und Frühchinesisch. Sie sollen arbeiten, aber dem Kind am besten keine Fremdbetreuung zumuten. Sie sollen selbst kochen, backen und basteln, Hausaufgaben kontrollieren und sich im Schulverein engagieren, aber auch das Spätmeeting in der Firma nicht verpassen. Von den Erwartungen an eine sportliche und gutgelaunte Partnerin ganz zu schweigen.

"Defizitär oder scheiternd"

"Die Erwartungen an Mütter sind derart überhöht und ihr Aufgabenkatalog derart angeschwollen, dass sie dieser Rolle unmöglich gerecht werden können. Mütter empfinden sich also permanent als defizitär oder scheiternd", schreibt Christina Mundlos in ihrem Buch "Wenn Muttersein nicht glücklich macht", in dem sie sich mit dem Phänomen der bereuenden Mütter beschäftigt. Mundlos knüpft an die Untersuchung der israelischen Soziologin Orna Donath an und fragte deutsche Mütter, warum sie sich nicht wieder für ein Kind entscheiden würden.

Immer wieder bekam sie die Antwort, dass der Druck auf Mütter inzwischen zu groß sei, während die gesellschaftliche Anerkennung komplett fehle. Das Mutteridyll ist einem Mütterterror gewichen, in dem sich die Mütter auch noch untereinander das Leben schwer machen. Die Mutter, die mit dem Kind zu Hause bleibt, muss sich ebenso rechtfertigen wie die, die aus Spaß oder zur Existenzsicherung wieder arbeiten geht.

Die Autorinnen Alina Bronsky und Denise Wilk fürchten bereits "Die Abschaffung der Mutter", wie sie in ihrem gleichnamigen Buch beschreiben. Während die Gesellschaft makroökonomisch nach mehr Kindern verlange, weil sie als Renteneinzahler oder künftige Fachkräfte gebraucht werden, werden ihrer Einschätzung nach Mütter im Alltag immer weiter an den Rand gedrängt. In Schwangerschaft, Geburt und Mutter-Kind-Leben werde den Frauen reingeredet, sie würden ständig bewertet und bevormundet. So werde Kinderhaben zum Ausnahmezustand.

"Mütter in Deutschland haben gerade in den letzten Jahren deutlich an Stärke, Ansehen und Respekt eingebüßt", schreiben die Autorinnen. Der Ekel angesichts stillender Mütter oder Eingriffe in das Recht zur selbstbestimmten Geburt seien Indikatoren für diese Entwicklung.

Was Mütter wirklich brauchen, sammelt sich seit einigen Tagen unter #muttertagswunsch bei Twitter. Mit den Kitschklischees von Hausarbeitsgutscheinen, Blumen und Bastelarbeiten haben diese Wünsche nichts zu tun. "Ich brauche kein Frühstück ans Bett, ich brauche Steuerklasse 3!", schrieb Initiatorin Mutterseelesonnig, als sie die Aktion ins Leben rief. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen mit bezahlbarem Wohnraum, flexiblen Betreuungsmodellen, kostenfreien Schülertickets und gesellschaftlicher Anerkennung, übrigens für Mütter und Väter.

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Quelle: n-tv.de

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