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"Wenn das Ego Amok läuft" Warum fühlt sich Erdoğan so oft beleidigt?

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Ist Recep Tayyip Erdoğan einfach nur dünnhäutig oder warum fühlt er sich so oft beleidigt?

Recep Tayyip Erdoğan fühlt sich beleidigt. Immer wieder. Doch was sagt das über den türkischen Präsidenten? Ein Philosoph bringt es auf die Formel: Wie schnell ein Mensch sich beleidigt fühlt, hängt unmittelbar mit der Größe seines Egos und seiner Seele zusammen.

Mit seinem Schmähgedicht hat Jan Böhmermann den Zorn des türkischen Präsidenten auf sich gezogen. Doch er ist nur einer unter Tausenden, durch die sich Recep Tayyip Erdoğan beleidigt fühlt. Fast 2000 Menschen stehen auf einer Liste, gegen die wegen mutmaßlicher Beleidigung des Präsidenten ermittelt wird. Darunter befinden sich Oppositionspolitiker, Journalisten, Komiker, Karikaturisten, Ärzte, Privatleute und sogar Kinder.

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Dr. Phil. Christoph Quarch ist Philopsoph aus Leidenschaft, Autor und Berater. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen.

Wird Erdogan also besonders oft beleidigt oder ist das türkische Staatsoberhaupt einfach nur besonders dünnhäutig? "Wer sich beleidigt fühlt, stellt eine kleine Seele zur Schau", meint Christoph Quarch. In seinem Kurz-Essay "Wenn das Ego Amok läuft" schreibt der Philosoph, dass der Täter in Wahrheit der sei, der sich beleidigt wähnt und das beklagt. Denn, so seine Begründung, wer beschuldigt wird, ein Gegenüber zu beleidigen, hat beinahe keine Chance, diesem Vorwurf zu entkommen. Einfach deshalb, weil sich das Beleidigtsein eines Menschen auf keine Weise messen lasse. Die fiktive Demarkationslinie, die "Beleidigung" von "Kritik" oder "Veralberung" trennt, kann nach Belieben verschoben werden, so Quarch. Das mache "Beleidigtsein" zu einer perfiden Waffe und deren Anwendung zu einem kaum lösbaren Problem für Juristen, die sich damit befassen müssen.

Der Philosoph stellt in seinem Essay fest: Wer beleidigt ist, behauptet meistens, man habe seine Ehre angegriffen. Doch wer so von "seiner Ehre" spricht, suggeriere, er habe sie, so wie er seinen Körper habe. Das sei falsch, stellt Quarch klar. "In Wahrheit gibt es keine Ehre, die man haben könnte – und die ein anderer verletzen könnte, so, wie man einem Körper eine Wunde schlägt." Folglich könne man "seine Ehre" nicht dadurch verlieren, dass man beleidigt wird. Man verliere sie dann, wenn man im Ansehen anderer Menschen sinkt. Wenn andere einen "beleidigen", sei das mithin ein Symptom dafür, dass man seine Ehre bereits verloren habe.

Symptom eines aufgeblähtem Egos

Diese Herleitung bringt den studierten Theologen auf die Spur zum Phänomen des Beleidigtseins. Es erkläre, warum vor allem jene Menschen rasch beleidigt seien, die es nicht ertragen können, wenn sie bei anderen in keinem hohen Ansehen stehen oder wenn sie in deren Ansehen so sehr sinken, dass sie von ihnen veralbert und verspottet werden. Beleidigtsein ist Quarch zufolge "nicht das Symptom gekränkter Ehre, sondern eines aufgeblähten Egos, das meint, sich seines eigenen Wertes durch die Wertschätzung anderer versichern zu müssen".

Doch wer um die Wertschätzung anderer buhle, habe kein Gespür für seinen eigenen Wert und seine Würde. "Ihm fehlt die Reife jenes Menschen, dem Aristoteles die Tugend der "Seelengröße" bescheinigt hätte: eines Menschen, der sich nicht hinter seinem aufgeblähten Ego verstecken muss und bei jeder Gelegenheit "Beleidigung!" brüllt, wo er sich nicht genügend wertgeschätzt fühlt, sondern dessen Seele durch Leid und Schmerz gewachsen ist, durch Liebe und durch Glück", konstatiert Quarch und kommt zu der einfachen Gleichung: "Je schneller ein Mensch sich beleidigt fühlt, desto größer ist sein Ego, desto kleiner seine Seele."

Quelle: n-tv.de, dsi

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