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Livejournalismus zu 4U9525 Warum wir nicht innehalten

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Übertragungswagen in der Nähe des Absturzortes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als Onlineredaktion versucht n-tv.de, schnell und umfassend über den Absturz von 4U9525 zu berichten. Das gilt vielen als überzogen. Doch wir halten daran fest.

Wenn über Deutschland eine Tragödie hereinbricht, wie ein Flugzeugabsturz mit 150 Toten, gibt es Menschen, die in ihrer Trauer innehalten wollen. Es gibt Menschen, die rastlos alles zu diesem Ereignis erfahren wollen. Und es gibt Menschen, die auch zu diesem Zeitpunkt funktionieren müssen. Zu Letzteren zählen die Fachleute der Fluggesellschaft und die des Flugzeugherstellers, die Rettungskräfte vor Ort, die Seelsorger an den Flughäfen und die Spitzenpolitiker, die ihre Pläne umwerfen müssen. Und auch Journalisten haben gerade nach einem solchen Ereignis die Pflicht, ihre Arbeit gut zu machen. Sie müssen darüber nachdenken, wie sie ihre Aufgabe bewältigen. Sie dürfen nicht innehalten.

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Stattdessen sind wir damit beschäftigt, das Ereignis so umfassend abzubilden, wie es uns möglich ist. Wir fassen denen, die den aktuellen Stand erfahren wollen, den aktuellen Stand zusammen. Wir bieten denen, die etwas verpasst haben, einen Überblick. Wir ermöglichen unseren Lesern, Anteil zu nehmen an der Trauer der Menschen in Haltern und Düsseldorf, an der schwierigen Aufgabe der Helfer in Frankreich, an der schrecklichen Situation der Angehörigen, die Leichen identifizieren müssen. Wir tragen das Hintergrundwissen von Luftfahrtexperten zusammen und teilen es mit unseren Lesern. Wir schauen nach rechts und links: auf den Internetauftritt der Fluggesellschaft und auf den Börsenkurs. Und wir liefern denen, die alle Neuigkeiten sofort erfahren wollen, genau diese Neuigkeiten so schnell wir können in einem Liveticker.

"Wie blöd geklickt"

Dafür werden wir kritisiert. n-tv.de steht dabei nicht speziell im Fokus. Aber einigen Medien-Kritikern erscheint es generell anrüchig, dass so umfassend und so schnell berichtet wird. In der "Hannoverschen Allgemeinen" ist von einer "Livetickerisierung" des deutschen Journalismus die Rede, von einem "Absturz des Journalismus" im "Bildblog" – dem Medium, das deutschen Journalisten oft sehr nachvollziehbar ihre Fehler aufzeigt. Neben einiger berechtigter Kritik wird nun auch bemängelt, dass Nebensächlichkeiten vermeldet werden wie der Absturz der Germanwings-Webseite, das schwarz-weiße Logo des Unternehmens, der Wertverlust der Lufthansa-Aktie, das Statement von Jogi Löw und das Alter des Flugzeugs. In sozialen Medien kommt heftige Kritik auf, gerade von Journalisten, die nicht dazu gezwungen sind, so aktuell und schnell zu arbeiten.

Oft wird aber gar nicht gesagt, was konkret kritisiert wird. Wenn das "Bildblog" schreibt, Artikel würden "wie blöd geklickt" – wer ist dann in diesem Vorwurf eigentlich der "Blöde"? Etwa der Leser, der nach jedem Informationsschnipsel giert? Will das "Bildblog" wirklich bewerten, was Leser interessieren darf und was nicht?

Die Bundeskanzlerin meinte kurz nach Bekanntwerden des Absturzes, es verbiete sich, über die Unglücksursache zu spekulieren. Doch wem schadet es, wenn wir Szenarien durchspielen und gemeinsam mit Fachleuten abwägen, wie plausibel sie sind? Die Frage nach dem Warum stellt sich wahrscheinlich jeder Leser.

"Antworten auf einen Absturz in Frankreich bekommt man kaum in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt", schreibt das Medienmagazin "DWDL". Medien hätten sich "an der Emotionalisierung berauscht". Natürlich kann man über das Ziel hinausschießen. Halbgare Gerüchte zu verbreiten, ist zynisch. Angehörige und Trauernde müssen geschützt werden, gerade wenn sie minderjährig sind. Es ist unjournalistisch, sich das Leid der Opfer fantasiereich auszumalen, wenn darüber noch nichts bekannt ist. Dass sich die Berichterstattung über den Tod von 150 Menschen nun vermischt mit der Berichterstattung über einen Suizid, davon gehen wir derzeit aus, macht die Sache noch wesentlich komplizierter.

Liveticker sind nicht per se anrüchig

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Aber es geht eben nicht nur um die Frage, warum dieses Flugzeug abgestürzt ist. Es geht auch darum, wie die Gesellschaft reagiert, die Politik, die Fluggesellschaft, die Menschen in Haltern und Düsseldorf. Und es geht darum, dem grenzenlosen Informationsbedürfnis der Leser hinterherzukommen. Wenn Zehntausende jede noch so kleine Meldung zu diesem Thema lesen, warum sollte man diesen Menschen Informationen vorenthalten? Wir werden oft dafür gescholten, aber im Prinzip ist doch nichts falsch daran, den Lesern die Texte zu bieten, die sie interessieren.

Wenn Menschen am Düsseldorfer Flughafen von dem Absturz erfahren und sich weinend in den Armen liegen, dann kann man davon in einem Liveticker genauso gut berichten wie in einer Reportage. Ein Liveticker ist nicht per se anrüchig. Und eine Zeitung ist nicht per se taktvoll. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" widmet sich im Wirtschaftsteil ausführlich dem erwarteten Wachstumsschub bei Billigfluglinien. Die "Zeit" widmet ihren Aufmacher nicht den Opfern, sondern dem Lufthansa-Konzern – was die Redaktion mittlerweile bedauert.

Innehalten ist sicher nicht der schlechteste Rat, den man einem Betroffenen geben kann. Innehalten bedeutet auch, nicht auf n-tv.de zu gehen, die App zu schließen und den Fernseher auszuschalten. Jeder ist frei, das zu tun. Wir machen so lange weiter und liefern denen, die zum Trauern Nachrichten brauchen, diese Nachrichten.

Quelle: n-tv.de

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