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Ergriffene Tränen auf dem Petersplatz: Die Gläubigen knüpfen große Hoffnungen an den neuen Papst.
Ergriffene Tränen auf dem Petersplatz: Die Gläubigen knüpfen große Hoffnungen an den neuen Papst.(Foto: REUTERS)
Freitag, 15. März 2013

Jesuiten-Sprecher Thomas Busch: "Weg vom Prunk, weg vom Ehrgeiz"

Ein Jesuit als Papst: Was heißt das für Kirche, Kurie und den größten Männerorden der Welt? Im Gespräch mit n-tv.de erklärt Thomas Busch, Sprecher der Jesuiten in Deutschland, mit welchen Überraschungen zu rechnen ist, wie die katholische Antwort auf Luther lautet - und warum die Franziskaner nicht sauer sein sollten.

n-tv.de: Das Konklave hat sich überraschend schnell entschieden: Das neue Oberhaupt der katholischen Kirche steht fest. Kardinal Bergoglio tritt sein Amt unter dem Namen Franziskus an. Wie haben Sie diesen historischen Moment erlebt?

Thomas Busch: Das war eine Riesenüberraschung. Erstens, dass die Kardinäle doch so schnell zu einem Ergebnis gekommen sind und dann zweitens, dass mit Bergoglio zum ersten Mal in der Geschichte des Papstamtes - und auch zum ersten Mal in der Geschichte des Jesuitenordens - ein Jesuit zum Papst gewählt worden ist.

Zum ersten Mal seit mehr als 1000 Jahren steht ein Nicht-Europäer an der Kirchenspitze und zugleich zum ersten Mal überhaupt ein Jesuit: Was hat Ihrer Ansicht nach mehr Gewicht?

Ich denke, dass es dieses Signal ist, das die weltweite Dimension der Kirche deutlich macht. Dass zum ersten Mal ein Nicht-Europäer Papst geworden ist, einer aus Lateinamerika, und dass da in der Wahl die Solidarität der Weltkirche Gewicht bekommen hat -  das ist auf jeden Fall das deutlichere Signal. Das zweite Signal hat sich der neue Papst selbst mit dem Namen auf den Weg gegeben: Mit Franziskus stellt er sich ganz bewusst in die kirchliche Tradition des Heiligen Franziskus und damit in die Tradition der "Option für die Armen", wie wir immer sagen. Das ist ein ganz klares Signal. Dass es ein Jesuit geworden ist, ist eher in der binnen-jesuitischen Kommunität eine Überraschung. Ich glaube, diese Dimension wird außerhalb der Kirche und außerhalb des Ordens in ihrer Tragweite gar nicht so genau gesehen.

Der Jesuiten-Orden wurde 1539 von Ignatius von Loyola gegründet. Welche Rolle spielte - und spielt - die "Gesellschaft Jesu" innerhalb der katholischen Kirche?

"'Jesuit' kommt von 'Jesus'": Das Christusmonogramm IHS ist das Erkennungszeichen der Jesuiten.
"'Jesuit' kommt von 'Jesus'": Das Christusmonogramm IHS ist das Erkennungszeichen der Jesuiten.(Foto: dpa)

Ignatius von Loyola war während der Renaissance eine ganz moderne Antwort auf Erstarrungen innerhalb der Kirche. Das waren Erstarrungen, die auch dazu geführt hatten, dass mit Martin Luther die Reformation den Bruch in die Christenheit gebracht hatte. Ignatius von Loyola mit seiner spirituellen Dimension war sozusagen die katholische Antwort auf die Reformation. Daher rührt auch dieses Klischee von der Gegenreformation. Wichtig ist, dass Ignatius zwei entscheidende Punkte in die Kirche hineingetragen hat, nämlich Mobilität und Flexibilität. Bis dahin lebten Ordensgemeinschaften in der Regel hinter Klostermauern abgeschieden von der Welt. Ignatius hat seine Jesuiten nie in Klöster gesteckt, sondern in die Welt hinausgeschickt. Dieses Moment, in die Welt hineinzugehen, gekoppelt mit einer ungeheuren Flexibilität, das war ein absoluter Innovationsschub, und von diesem Impuls lebt der Orden eigentlich bis in die heutige Zeit.

Mit seinem Namen beruft sich der neue Papst allerdings nicht auf den Gründer der Jesuiten, sondern auf den Heiligen Franz von Assisi, den Gründer des Franziskaner-Ordens. Wie sehen Sie das: Sind die Franziskaner jetzt sauer?

Nein, im Gegenteil. Ich glaube, dass die Franziskaner sich freuen. Das kann ich mir gar nicht anders vorstellen, als dass die sich sehr freuen, dass hier für ihren Ordensgründer - und das auch noch von einem Jesuiten - ein absolutes Zeichen der Identifikation gesetzt wird in der Nachfolge. Das Anliegen, das der Heilige Franziskus in die Kirche hineingetragen hat, ist ein Programm, bei dem im Grunde genommen jeder Franziskaner, aber auch jeder andere katholische Christ, sehr froh sein kann. Dieses Programm lautet: Weg vom Prunk, weg vom Ehrgeiz und sich auf das besinnen, was vom Evangelium her eigentlich Sache der Kirche ist, nämlich der Einsatz für diejenigen, für die sich sonst keiner einsetzt, der Einsatz für die Verfolgten, für die Schwachen, für die Armen, für die Unterdrückten.

Ziel der Jesuiten ist die "Seelsorge im weitesten Sinn", also die Verkündigung des Glaubens und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Bekommt die Kirche mit Franziskus einen politischen Papst?

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Politisch vielleicht insofern, dass dieser Einsatz für Menschen, dass Einsatz für Gerechtigkeit nie in einem abstrakten Bereich passieren kann. Man kann theologische Bücher darüber schreiben, aber wenn man auf die Leute zugeht, dann wird Kirche natürlich zwangsläufig auch politisch. Und wenn Sie sehen, wie gerade Bergoglio wirklich auch ganz nahe dran war in Argentinien, in Buenos Aires, an den Armen, an den Unterdrückten, dann kann man sich schon vorstellen, dass das einer ist, der die Menschen nicht nur aus den Büchern kennt, sondern aus seiner unmittelbaren Umgebung, und der sich dann auch entsprechend für sie einsetzen wird.

In einer ersten Stellungnahme der Jesuiten in Deutschland heißt es, die Namenswahl zeige, "wie wichtig ihm der Einsatz für die Armen ist und wie sehr ihm selbst an einem einfachen und ökologisch bewussten Lebensstil liegt". Der Name Franziskus ist also auch Programm? Was heißt das für Vatikan, Kurie und Kirche?

Das wird sich erst in den kommenden Monaten, vielleicht Jahren zeigen: Es gab ja im Vorfeld dieses Konklaves immer wieder auch Stimmen, die angemahnt haben, dass die Kirche in ihrer institutionellen Organisation sich aktualisieren muss, sich verändern muss, dass Veränderungen in der Kurie anstehen, dass vielleicht auch ein bisschen mehr an Dezentralisierung nötig ist. Vielleicht ist es auch ein Zeichen, dass mit Bergoglio, einem Lateinamerikaner, eben gerade kein Kurienkardinal gewählt worden ist, sondern jemand, dem man zutraut, dass er da vielleicht - salopp formuliert - ein bisschen frischen Wind reinbringt.

Wird das Pontifikat Franziskus' einen Richtungswechsel der katholischen Kirche einleiten?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch nicht sagen.

Lässt sich die Wahl Bergoglios als Zeichen der Aufwertung der Jesuiten innerhalb der Kirche verstehen?

Ich würde vorsichtig darauf antworten, dass es eine Aufwertung in dem Sinn gar nicht gebraucht hätte. Papst Benedikt hat ja dem Orden mehrfach, und gerade vor einigen Jahren wieder, ganz ausdrücklich seine höchste Wertschätzung vermittelt. Er hat signalisiert, dass der Heilige Stuhl und dass die Kirche auf die Jesuiten zählen: Auf das, was wir vorhin angesprochen haben, auf die innovative Kraft, auf die Bereitschaft, nach vorne zu denken, in Bereiche hineinzugehen, wo man Innovationen braucht. Das ist etwas, bei dem die Kirche mit den Jesuiten auch deswegen rechnen kann, weil man im Vatikan weiß, dass die Jesuiten absolut loyal zu ihrer Kirche stehen.

Ordensgründer der Jesuiten: Ignatius von Loyola (1491 -1556).
Ordensgründer der Jesuiten: Ignatius von Loyola (1491 -1556).(Foto: dpa)

Sie haben die Ordensgründung auch als Antwort auf die Reformation bezeichnet: Wird ein Jesuit als Papst den Dialog zwischen den beiden christlichen Kirchen eher behindern oder fördern?

Ein Mann, der theologisch so gut aufgestellt ist wie Bergoglio, der wird mit Sicherheit den Dialog befördern. Die Kirche hatte ja auch mit Papst Benedikt jemanden gehabt, der aus hoher theologischer Kompetenz heraus den Dialog gesucht hat. In diese Richtung wird Bergoglio sicher weitergehen. Er wird vielleicht Akzente hineinbringen, die für uns Europäer womöglich überraschend und neu sind. Immerhin ist er der erste Papst aus der Dritten Welt, und viele müssen sich auch erst einmal darüber im Klaren sein, dass die Weltkirche, als Ganzes gesehen, doch in vielen Bereichen anders tickt als wir hier in Europa.

In vergangenen Jahrhunderten wurde den Jesuiten wiederholt ein zu großer Einfluss auf die Politik vorgeworfen. In einzelnen Ländern war der Orden zeitweise verboten, vorübergehend war er sogar ganz aufgelöst. Leistet die Ordenszugehörigkeit des neuen Papstes nicht alten Verschwörungstheorien neuen Vorschub?

Wer Verschwörungstheorien sucht, der wird immer und überall Nahrung dafür finden. Das ist das Problem der Verschwörungstheorien. Richtig ist, dass der Orden nicht nur in einzelnen Ländern verboten war, sondern dass der Orden insgesamt für die Dauer von fast 60 Jahren aufgehoben gewesen ist. Erst 1814 wurde er erneut zugelassen. Ich denke, der Orden hat aus den Problemen gelernt, die er in der Renaissancezeit und danach durch allzu enge Verwicklungen in die politischen Geschäfte gehabt hatte. Ich denke, der Orden weiß hier klug zu unterscheiden, wo es Aufgabe der Seelsorge oder Aufgabe des Ordens oder Aufgabe der Verkündigung ist, und wo es um das politische Geschäft geht.

Ansprechpartner bei der Deutschen Provinz der Jesuiten: Dr. Thomas Busch
Ansprechpartner bei der Deutschen Provinz der Jesuiten: Dr. Thomas Busch

Wie lassen sich denn die traditionellen Jesuiten-Gelübde - Keuschheit, Armut und Gehorsam - mit dem Papstamt vereinbaren? War das betont schlichte Outfit zum Amtsantritt vielleicht nur der Vorgeschmack auf größere Veränderungen?

Man muss das nicht an Äußerlichkeiten aufhängen. Richtig ist, dass an jenem Abend in sehr eindrucksvoller Weise die Bescheidenheit und auch die Demut deutlich geworden ist, die aus Bergoglio als Papst Franziskus spricht. Vielleicht kommt darin auch zum Ausdruck, dass der Gehorsam im Ordensleben eine sehr große Rolle spielt. Es ist wahr und es ist auch wichtig, dass kein Jesuit von sich aus nach Ämtern und Würden in der Kirche strebt - und auch nie darauf käme. Aber es ist ebenso auch richtig, dass wenn die Kirche jemanden in den Dienst ruft derjenige dann gehorsam diesem Ruf folgt. Und dieser Gehorsam ist auch etwas, das hier in Bergoglio zum Ausdruck gekommen ist: Diese beeindruckende Bescheidenheit und auch die Herzlichkeit und die Nähe zu den Menschen.

Stichwort Gehorsamkeit: Wem ist Bergoglio denn als Papst zum Gehorsam verpflichtet?

Dem lieben Gott.

Sonst niemandem? Es gibt innerhalb des Jesuiten-Organisation niemanden mehr, der über ihm steht?

Nein. Man muss sich das so vorstellen: Bereits mit der Ernennung zum Bischof hört ein Jesuit auf, sozusagen ein "normaler Jesuit" zu sein. Das heißt, in der Sprache des modernen Managements gesprochen, er wird für dieses Amt von seinem Orden freigestellt. Er unterliegt ab diesem Moment auch nicht mehr dem ordensinternen Gehorsam, sondern dem Gehorsam innerhalb des bischöflichen Amtes. Oder eben als Heiliger Vater - in diesem Fall zum ersten Mal -, ich sage das jetzt mal theologisch: dem Gehorsam dem göttlichen Willen gegenüber.

Angenommen, Sie wären enger Berater des Papstes. Um welche Themen sollte er sich Ihrer Meinung nach zuerst kümmern?

Das ist eine schwierige Frage, weil wir es hier gewohnt sind, die Dinge aus der europäischen Perspektive zu sehen und von Europa aus von einem Modernisierungsbedarf zu sprechen. Ich würde mir wünschen, dass er ein authentisches, ein glaubwürdiges Zeugnis abgibt für den christlichen Glauben. Dass er als Seelsorger überzeugt. Dass er in die Welt hineingeht. Dass er sich nicht abschottet. Dass er auch das Gespräch mit der Welt sucht. Dass er das Gespräch mit den anderen Konfessionen und mit den anderen Religionsgemeinschaften sucht.

Der neue Papst hat sich ja für Franziskus entschieden. Wann, meinen Sie, wird es einen Papst namens Ignatius geben?

(Lacht) Das ist eine gute Frage. Vielleicht, wenn die Kardinäle irgendwann einen franziskanischen Kardinal zum Papst wählen.

Die Frage hat einen ernsten Hintergrund: Papst Franziskus tritt sein Amt im nicht gerade jugendlichen Alter von 76 Jahren an. Wann werden wir das nächste Konklave sehen?

Das liegt, wie alles auf der Welt, in Gottes Hand. Er ist sicher kein junger Papst, aber das war den Kardinälen bei ihrer Personalentscheidung sicher bewusst. Die werden sich etwas dabei gedacht haben. Und wie Franziskus selber damit umgehen wird - es heißt, dass seine Gesundheit nicht ganz so stabil sei. Wir haben ein wunderbares Beispiel erlebt, wie ein Papst auch damit umgehen kann, wenn er spürt, dass seine Kräfte es nicht mehr zulassen, das Amt auszufüllen. Ich denke, bei Bergoglio, bei Papst Franziskus, kann man sich auch hier auf Überraschungen gefasst machen.

Sie halten es also für denkbar, dass es zwei emeritierte Päpste geben könnte?

(Holt tief Luft) Das wiederum setzt voraus, dass der liebe Gott dem emeritierten Papst Benedikt ein sehr, sehr langes Leben schenkt.

Mit Thomas Busch sprach Martin Morcinek

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Quelle: n-tv.de

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