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Jugendreport Natur 2016 Wenn Bananen am Waldrand wachsen

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(Foto: imago/Westend61)

Erschreckende Befunde liefert eine neue Studie: Für viele Jugendliche geht die Sonne inzwischen im Norden auf. Nur noch jeder Fünfte weiß, dass Hühner nur ein Ei pro Tag legen können. Und welche Früchte wachsen eigentlich im Wald? Ääääähm ...

Immer weniger Kinder spielen im Freien. Wer durch die Wiesen und Wälder vor den Toren Berlins wandert, begegnet nicht nur fast keinen Schmetterlingen mehr. Er trifft auch kaum ein Kind. Anders als noch in den 1970er Jahren scheinen Kinder, die Abenteuer unter freiem Himmel erleben, die sich schmutzig machen und Kratzer holen, eine aussterbende Spezies zu sein. Die Natur verschwindet mehr und mehr aus ihrem Lebensraum.

Der Jugendreport Natur 2016 liefert erschreckende Befunde. In welcher Himmelsrichtung geht die Sonne auf? Welche Früchte wachsen im Wald? Einfache Fragen wie diese können immer weniger Jugendliche richtig beantworten. Stattdessen neigen sie zu pseudoreligiöser Naturverklärung.

1253 Sechst- bis Neuntklässler aus Nordrhein-Westfalen wurden zwischen November 2015 und Februar 2016 befragt - und im Vergleich zu vorherigen Befragungen sieht man deutlich: Da scheint ganz elementares Naturwissen nachhaltig verloren gegangen zu sein. So wusste nur ein Drittel der jungen Generation, wo die Sonne aufgeht. Vor sechs Jahren waren es noch fast zwei Drittel. Ein Fünftel sagte: "Die Sonne geht im Norden auf."

Die Autoren der Studie schreiben dazu: "Besonders bizarr ist die Verlagerung des Sonnenaufgangs nach Norden, was darauf hindeutet, dass die junge Generation kaum noch eine Vorstellung davon hat, wie Tag und Nacht als Folge der Erddrehung um die Nordsüdachse entstehen."

Der vergessene Himmel

Auch die Frage, in welchem Monat die Sonne am spätesten untergehe, konnten nur wenige richtig beantworten. Unter Berücksichtigung einer Ratequote waren das kaum mehr als 10 Prozent.

Weiteres Wissen, das abgefragt wurde, ist zum Beispiel: "Wie viele Eier kann ein Huhn pro Tag legen?" Zwei Fünftel konnten dazu überhaupt keine Aussage treffen, genauso viele stocherten im Trüben. Die Spanne der Vermutungen reicht von zwei Eiern am Tag bis zum Turbohuhn, das mehr als zehn Eier pro Tag legen kann. Die richtige Antwort (Ein Ei pro Tag!) konnten nur 19 Prozent der jungen Befragten beantworten. Der Vergleichswert für 2010 lag bei 30 Prozent.

Eine andere Aufgabe lautete: "Nenne drei essbare Früchte, die bei uns im Wald oder am Waldrand wachsen." Nur 12 Prozent konnten diese Aufgabe korrekt lösen. Am häufigsten wurden Brombeeren, Himbeeren, Blaubeeren oder einfach "Waldbeeren" notiert. Mit großem Abstand folgten Nüsse, Bucheckern und Pilze. Unter zahlreichen falschen Antworten dominierten Früchte aus dem Supermarkt wie Äpfel, Birnen, Weintrauben, Bananen, Mango oder Ananas. Sogar Kokosnuss wurde genannt.

Das Ergebnis ist in den Augen der Forscher in vielerlei Hinsicht erschreckend: "Einerseits scheinen viele Kinder und Jugendliche nicht zu wissen, welche essbaren Früchte im Wald wachsen. Zum anderen gehen nicht wenige davon aus, dass Früchte, die es im Supermarkt gibt, einfach im Wald gesammelt werden können. Dass diese von Obstbauern auf Plantagen oder Feldern angebaut werden, scheint ihnen nicht bewusst."

Tiger und Jaguar in heimischen Wäldern

Was die Fauna des Waldes angeht, so zeigt eine Frage nach gefährlichen Tieren im Wald, dass für die Jugendlichen die größte Bedrohung von Wildschweinen ausgeht. Jeder zweite Befragte nannte diese Tierart. Danach folgen Füchse, Wölfe und Bären. Vereinzelt wurden Raubtiere wie Löwe, Tiger und Jaguar beschworen.

Laut Studie sind die Jugendlichen aber durchaus noch in der Natur unterwegs. Drei von fünf Befragten halten sich mindestens einmal im Monat im Wald auf. Aber man kann ebenso ablesen, dass die Entfremdung größer wird - und scheinbar auch die Angst: Inzwischen würde weniger als ein Drittel gern allein durch den Wald gehen, vor zehn Jahren war das noch mehr als die Hälfte.

Bei alldem spielen die Eltern eine wichtige Rolle. So gibt jedes zweite Landkind an, sich ohne Einschränkungen unbeaufsichtigt in der Natur aufhalten zu dürfen, während die Stadtkinder in der Mehrzahl ein Handy, Freunde oder einen Erwachsenen dabei haben müssen, um nach draußen zu dürfen.

Die Forscher warnen vor möglichen Folgen. Beispielsweise entsteht ein verklärtes Bild von der Natur und vom Wald. Das ist bekannt als "Bambi-Syndrom" - nach dem Motto "Der Mensch ist böse" und "Die Natur ist immer gut". Eine "pseudoreligiöse Naturverklärung", wie es die Macher der Studie nennen.

Quelle: n-tv.de, dsi

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