Panorama

"Wir haben gewarnt" Wer hat hier versagt?

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Ein Kreuz aus Eis haben Trauernde am Gelände der Loveparade aufgestellt.

(Foto: dpa)

Die Katastrophe bei der Loveparade wirft Fragen nach Ablauf  und Verantwortung auf. n-tv.de fasst die bisherigen Fakten und Widersprüche zusammen.

Wer war verantwortlich für die Loveparade 2010 in Duisburg?

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Rainer Schaller, Veranstalter der Loveparade.

(Foto: dpa)

Formal zuständig waren nach Angaben des NRW-Innenministeriums die Stadt Duisburg und der Veranstalter. In persona sind das der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und der Unternehmer Rainer Schaller, dem die Firma "Lopavent GmbH" gehört. Schaller ist zudem Betreiber der Fitnessstudiokette "McFit". Der 41-Jährige besitzt über 120 Filialen und hat rund 3000 Angestellte. Der Jahresumsatz seiner Kette lag 2009 bei rund 130 Millionen Euro. Mitverantwortlich für die Loveparade in Duisburg waren zudem Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe und der Chef der Duisburger Polizei, Detlef von Schmeling.

Wie viele Menschen besuchten die Loveparade in Duisburg?

Das ist noch nicht eindeutig geklärt, da zum Besuch der Veranstaltung keine Tickets nötig waren. Zur Klärung der Frage müssen Luftbilder ausgewertet werden. Mindestens 105.000 Menschen reisten jedenfalls mit der Bahn an. Die Veranstalter sprechen von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Das erscheint realistisch, weil 2008 in Dortmund offiziell 1,6 Millionen Besucher gezählt wurden. Allerdings gibt es seitens der lokalen Presse in Dortmund bis heute große Zweifel daran.

Aus Sicht der Polizei sind 1,4 Millionen Besucher "schon rechnerisch unmöglich". So viele Menschen hätten weder mit den bestehenden Verkehrsmitteln in der zur Verfügung stehenden Zeit anreisen können, noch hätten sie auf dem Veranstaltungsgelände überhaupt Platz gefunden, so die Duisburger Polizei.

Wieviele Sicherheitskräfte waren vor Ort?

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Die Enge brachte einige Besucher auf Fluchtgedanken. Möglicherweise eskalierte dadurch die Situation.

(Foto: dpa)

Rund 5300 Polizisten waren im Einsatz, außerdem 1000 Ordner. Hinzu kamen Feuerwehrleute und Rettungspersonal. Zum Vergleich: Den G8-Gipfel in Heiligendamm mit etwa 50.000 Demonstranten bewachten 16.000 Polizisten.

Wie geschah das Unglück?

Der genaue Ablauf der Tragödie ist noch ungeklärt und wird nun von der Staatsanwaltschaft rekonstruiert. Fest steht: Es gab lange Zeit nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, und der war nur durch zwei rund 20 Meter breite Unterführungen zu erreichen. Von diesen ging es um eine Ecke auf eine Straßenrampe zum Party-Gelände. Im Gedränge dieses Nadelöhrs stauten sich die Menschen. Besuchern, die ungeduldig zur Party wollten, kamen Besuchern entgegen, die schon müde waren und die Loveparade verlassen wollten. Offenbar kletterten einige schließlich auf Container, Zäune und eine Treppe, um der drangvollen Enge zu entfliehen. Menschen wurden schließlich zu Boden gestoßen und totgetrampelt. Alle Opfer starben Verletzungen des Brustraums. Ob es wirklich eine Massenpanik gab, ist noch offen. Zudem ist ungeklärt, ob Aggressionen oder Schlägereien auch eine Rolle spielten. Während und nach dem Unglück ging die Loveparade planmäßig weiter. Veranstalter und Polizei wollten ein Sicherheitsrisiko durch den Abbruch der Veranstaltung vermeiden. Kurz nach 23 Uhr endete das Programm. Das Gelände leerte sich durch die Öffnung der Notausgänge schließlich ohne weitere Probleme.

Wer sind die Opfer?

Die Toten waren zwischen 18 und 38 Jahre alt, es handelt sich um 13 Frauen und 8 Männer. 13 der Opfer waren Deutsche. Hinzu kommen zwei Menschen aus Spanien sowie jeweils einer aus den Niederlanden, Australien, Italien, China, Spanien und Bosnien. 340 Menschen wurden verletzt, Dutzende von ihnen schwer.

Welche Vorwürfe gibt es gegen die Stadt Duisburg und den Veranstalter?

In erster Linie wird Stadt und Veranstalter vorgeworfen, Sicherheitslücken missachtet und Bedenken ignoriert zu haben. Laut "Spiegel" ist der Veranstalter von der Einhaltung der eigentlich vorgeschriebenen Breite der Fluchtwege befreit worden. Das entsprechende Dokument sei von einem Sachbearbeiter des Amtes für Baurecht und Bauberatung ausgestellt worden. Darin werde jedoch auch eine Begrenzung der Teilnehmerzahl auf 250.000 Menschen vorgeschrieben. Dem entgegen hat der Veranstalter jedoch 500.000 Besucher angemeldet. Gegenüber n-tv.de sagte Veranstalter Schaller zwei Tage vor der Loveparade, er rechne mit weit über einer Million Gäste. Bei der Lenkung der Besucher zum Veranstaltungsort habe die Stadt nicht auf das übliche "Entzerren der Ströme" durch Ordner und Polizei gesetzt, sondern lediglich auf Durchsagen, sagte der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Erich Rettinghaus. Unklar ist auch, warum es keine Videoüberwachung der Zugänge gab. Diese hätten eine "schnelle Reaktion möglich gemacht", so der Vorsitzender der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Wendt sieht hier Kosten im Vordergrund, die die Stadt sich habe sparen wollen. Augenzeugen und Betroffene berichteten von unzureichendem Verhalten der Polizisten und Ordner vor Ort. Hilfegesuche seien abgewimmelt und Hinweise auf die Lage an und in der überfüllten Überführung lange ignoriert worden.

In einem vorläufigen Bericht der Duisburger Polizei heißt es, die Ordner des Veranstalters hätten Besucher erst eine Stunde später als vorgesehen auf das Gelände gelassen. Zu diesem Zeitpunkt habe es schon einen Stau an den Zugangsschleusen gegeben. Der Einlass sei also von vorneherein gestört gewesen. Kurz vor dem Unglück hätten die Ordner nicht wie mit der Polizei abgesprochen die Zugangsschleusen ganz geschlossen, sondern weiter Besucher eingelassen. Zudem sei die Verteilung der Besucher auf dem Festivalgelände nicht so verlaufen, wie es das Sicherheitskonzept des Veranstalters vorgesehen habe. Es sei zu einem Rückstau gekommen.

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Hier, auf der westlichen Seite des Tunnels, kamen die meisten der 19 Opfer ums Leben.

(Foto: REUTERS)

Gab es Warnungen?

Ja.  Bereits Monate vor der Loveparade gab es starke Vorbehalte seitens der Polizei und der Feuerwehr. Einen alternativen Plan der Polizei hat die Stadt laut "Spiegel" – möglicherweise aus Kostengründen – verworfen. Ein Mitglied des Vorbereitungsteams berichtete der WAZ-Gruppe: "Als das Konzept auf den Tisch kam, haben wir die Welt nicht mehr verstanden." Niemand habe sich vorstellen können, wie eine Million Menschen ungefährdet den Tunnel als Ein- und Ausgang benutzen sollten. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Wendt hatte bereits vor einem Jahr gewarnt, Duisburg sei zu eng für die Loveparade.

Im Internet gab es teilweise Wochen vorher Warnungen vor einer möglichen Katastrophe. Offenbar ortskundige Nutzer sprachen in Foren von einer "Falle" und prophezeiten "Chaos" und "Tote". "Wir haben gewarnt", sagte auch Panikforscher Michael Schreckenberg, der als Berater in die Planung einbezogen war. So habe er eine Videoüberwachung gewollt. Er habe den Veranstaltern gesagt: "Wenn der Tunnel die Lösung ist, muss das bis ins Letzte durchgeplant werden." Schreckenberg kam zu der Einschätzung, der Tunnel an der Rampe habe nur eine Kapazität von 20.000 Menschen in der Stunde. Unklar ist, wie dann 250.000 oder mehr Besucher in einer passablen Zeit auf das und von dem Gelände geschleust werden sollten. Nach Informationen der WAZ-Gruppe war der Experte selbst übrigens nie vor Ort.

Was hat das Unglück für Folgen?

Die Loveparade wird es nicht mehr geben, Veranstalter Schaller kündigte das Aus für die Techno-Parade an. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet, zudem liegen mehrere Strafanzeigen gegen Unbekannt vor. Der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner hat persönlich Anzeige gegen Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland sowie leitende Beamte der Stadt und die Veranstalter erstattet.

Das Sicherheitskonzept der Veranstalter wurde zudem beschlagnahmt. Politisch werden Sicherheitsmaßnahmen für Großveranstaltungen diskutiert. Im Raum steht auf Initiative der CDU auch, ob Veranstaltungen dieser Größenordnung in Zukunft überhaupt erlaubt werden sollen. Sollten sich jemand der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht haben, droht ihm eine entsprechende Strafe. Möglicherweise treten einige Verantwortliche von ihren Posten zurück.

An wen können sich Betroffene oder Angehörige wenden?

Die Polizei hat eine Hotline eingerichtet. Unter 0201/8298091 kann ein persönliches Betreuungsangebot vermittelt werden. Auch per Mail ist Hilfe zu bekommen: Betreungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de. Eine weitere Hotline unter 0203/94000 wurde bereits mehr als 500.000 Mal angewählt. Angesichts dieser hohen Zahl konnte allerdings nur rund 5200 Anrufern tatsächlich weitergeholfen werden.

Quelle: n-tv.de, jmü/AFP/dpa/rts

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