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"Luther war ein Sprachkünstler" Wie aus Gottlosen "Frevler" wurden

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Seit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche durch Martin Luther hat es immer wieder Revisionen gegeben - die ersten bereits von Luther selbst.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine neue Ausgabe der Lutherbibel steht in den Regalen der Buchläden – pünktlich zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr. Doch es ist keine neue Übersetzung, sondern eine "Revision". Was genau bedeutet das? Und was ist an dieser Revision besonders? n-tv.de spricht mit dem Theologieprofessor Martin Rösel über den Entstehungsprozess, die Sprachkunst Luthers – und darüber, warum die "Gottlosen" in der neuen Ausgabe zu "Frevlern" wurden.

n-tv.de: Herr Rösel, heute erscheint der jahrhundertealte Bestseller, die Bibel, in einer neuen Ausgabe. Es handelt sich aber nicht um eine neue Übersetzung, sondern um eine "Revision". Was ist das denn?

Martin Rösel: Revision bedeutet, dass auf der Basis des vorhandenen Textes eine Überprüfung stattfindet. Dieser Text wir dann mit dem griechischen oder hebräischen Vorlagentexten abgeglichen. An Stellen, an denen man feststellt, dass die Übersetzung entweder nicht richtig ist oder man heute aufgrund von neuen wissenschaftlichen Einsichten anders übersetzen würde, wird die Übersetzung geändert. Das Besondere an der aktuellen Revision ist jedoch, dass in Teilen doch komplett neu übersetzt worden ist – das hat es in der Geschichte der Lutherbibel so noch nicht gegeben.

Jetzt machen Sie mich neugierig. Was wurde denn neu übersetzt?

Wir haben einige Bücher aus den Apokryphen von Grund auf neu übersetzt. Das liegt daran, dass Luther selbst nur sehr wenige Teile aus den Apokryphen übersetzt hat und das vor allem seinen Mitarbeitern überlassen hat. Und die haben damals etwa die Hälfte der Bücher aus dem lateinischen Text übersetzt – und nicht aus dem ursprünglicheren griechischen. Das hat man im Laufe der Revisionsgeschichte nie korrigiert. Das war wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Wir sind nun komplett zum derzeit besten erreichbaren griechischen Text gegangen. Die Besonderheit war, dass es so klingen musste, dass es in die Lutherbibel passt. Wir haben uns quasi an Luther und an dem Vokabular orientiert.

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Die Wartburg in Eisenach: Hier lebte Martin Luther als "Junker Jörg" - und übersetzte die Bibel ins Deutsche.

(Foto: picture alliance / dpa)

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Standards sind also der Grund, warum es immer wieder neue Revisionen braucht?

Genau. Das ist auch eine Tradition, die letztlich auf Luther selbst zurückgeht: Luther hat die Bibel nicht einfach nur einmal übersetzt und dann nachdrucken lassen. Er hat im Grunde, wenn er mit einem Übersetzungsdurchgang fertig war, wieder von vorne angefangen und hat die Dinge überprüft, sodass das ein ständiger Prozess war. Das Verfahren der Revision ist also ganz im Sinne Luthers.

Können Sie Beispiele dafür nennen, wo sich wissenschaftlich etwas getan hat?

Es gibt zum Beispiel eine ganze Reihe von Fällen, bei denen man aufgrund der Handschriften, die bei Qumran gefunden wurden, jetzt im Alten Testament einfach bessere Textgrundlagen hat. So heißt es etwa im sogenannten Gottesknechtslied nicht mehr "mein Volk", sondern "sein Volk". Das ist im Hebräischen eine kleine Änderung, vielleicht ein Schreibfehler. Da geht man heute davon aus, dass das der ursprünglichere Text ist. In den Samuelbüchern gibt es ähnliche Fälle.

Nun ist der aktuelle wissenschaftliche Stand nur ein Anliegen einer Revision. Was sind denn weitere?

Es gibt Revisionsrichtlinien, die bis auf das Jahr 1928 zurückgehen. Da heißt es, dass im Wesentlichen drei Aspekte berücksichtigt werden müssen: die wissenschaftliche Erkenntnis, die aktuelle Verständlichkeit in der Gemeinde und die Treue zur Sprache Luthers. Ich vergleiche das immer mit dem Bild von drei Bällen, die man beim Jonglieren in der Luft halten muss. Die letzten Revisionen haben stärkeren Aspekt auf die Verständlichkeit in der Gemeinde gelegt, also auf moderne Sprachgestalt. Das war ein Element, das wir jetzt zum Teil wieder zurückgenommen haben.

Das heißt also: Die ursprüngliche Sprache Luthers spielt wieder eine größere Rolle. Was macht denn Luthers Sprache so besonders, dass man 500 Jahre später nun sagt: Wir wollen wieder einen Schritt zurückgehen und das wieder hervorheben?

Luther war ein Sprachkünstler – das kann man nicht anders sagen. Nehmen Sie den berühmten Satz aus der Weihnachtsgeschichte: "Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." Da ist der ganze Satz mit i-Vokalen formuliert, um die Fröhlichkeit der Weihnachtsbotschaft zu signalisieren. Und so etwas hält sich durch. Ein weiteres Beispiel: "Dein Stecken und Stab tröstet mich" ist eine Alliteration. Oder Wortkompositionen wie "Feuereifer", "Blutschuld", "Bluthund" - das sind alles Bildungen Luthers, die wir bis heute noch benutzen. Und wenn diese Luthersprache heute noch verständlich ist und auch wissenschaftlich angemessen – das kommt natürlich dazu – dann haben wir sie sozusagen hervorpräpariert.

Die Frage ist bei der aktuellen Revision also nicht mehr: Spricht man so noch? Sondern: Versteht man es noch?

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Martin Rösel ist Professor am Lehrstuhl für Altes Testament an der Universität Rostock. Er war Mitglied des Lenkungsausschusses der neuen Bibelrevision – des Gremiums, in dem letztlich alle Entscheidungen gefällt worden sind.

(Foto: EKD, Armin Kühne)

Genau. Der Unterschied ist, dass man in den Revisionen der 1960er-, 70er-, 80er-Jahre geändert hat, wenn man heute nicht mehr so spricht. Es gibt ein berühmtes Beispiel, das wir als Sprichwort kennen: Man stellt sein Licht nicht "unter einen Scheffel". Da hat man 1975 gesagt: Scheffel versteht heute keiner mehr, und dann haben sie den Scheffel gegen einen Eimer ausgetauscht. Damit ist das Sprichwort natürlich hin. Das hat man auch schon damals als Problem gesehen und wieder rückgängig gemacht.

70 Theologinnen und Theologen haben über fünf Jahre an dem Projekt gearbeitet. Wie muss man sich da die Organisation und Koordination vorstellen?

Es ist ein gestuftes Verfahren gewesen. Zunächst einmal sitzt ein einzelner Bearbeiter oder eine Bearbeiterin an einem biblischen Buch, das sie oder er sehr gut kennt. Man arbeitet den Text durch und macht Änderungsvorschläge. Diese Vorschläge werden dann zunächst in einer Gruppe diskutiert, in der die biblischen Bücher zusammengefasst sind, die einen ähnlichen Schwerpunkt haben – zum Beispiel die fünf Mosebücher, die Weisheitsliteratur oder die prophetischen Bücher. Damit wahrt man die Einheitlichkeit: Bei Textproblemen, die vergleichbar sind, kommt man zu gleichen Lösungen. Jeder Änderungsvorschlag brauchte eine Zwei-Drittel-Mehrheit in dieser Gruppe, um überhaupt akzeptiert zu werden. Alles, was in der Gruppe akzeptiert wurde, wurde dann an den Lenkungsausschuss überwiesen. Auch dort war eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig, erst dann wurde die Änderung angenommen.

Das läuft bestimmt nicht ohne Schwierigkeiten ab.

Die Schwierigkeiten sind auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Das eine ist: Wie eng hält man sich an den Ausgangstext und wie sehr kann man davon abweichen? Luther war da zum Teil sehr großzügig. Das hat in den einzelnen Arbeitsgruppen für intensive Diskussionen gesorgt in der Frage, wie textgetreu man sein muss. Das zweite Problem ist das Sprachgefühl, das die unterschiedlichen Leute haben. Das ist auch vom Alter her ein Problem ist. Je jünger die Leute sind, umso stärker war dieses Phänomen.

Zum Beispiel?

An vielen Stellen steht in der Weisheitsliteratur zum Beispiel das Wort "Zucht". Und da gab es dann die Position, man sollte doch vielleicht eher etwas wie "Erziehung" oder "Bildung" nehmen. Oder: Bei Luther ist ganz häufig von "Gottlosen" die Rede. Wir haben gesagt: Das entspricht eigentlich nicht mehr der heutigen Lebenssituation, gerade weil Menschen, die bewusst atheistisch leben, für sich durchaus sagen können, sie können gottlos leben. Dann kann man die Leute nicht prinzipiell verdammen. Also steht heute an solchen Stellen zum Beispiel "Frevler" - sodass es um konkrete Vergehen und nicht um eine Lebenshaltung geht. Luther hat auch häufig von "Heiden" gesprochen, wenn es um Völker ging, die nicht Israel sind. Das waren für ihn automatisch "Heiden". Wir sprechen an dieser Stelle heute von "Völkern" und reservieren "Heiden" für Kontexte, in denen es eindeutig um Religion geht.

Der Kontext spielt also eine wichtige Rolle.

Ja. Man kann nicht wie bei einem Wörterbuch sagen: Wenn das eine Wort im Griechischen oder Hebräischen mehrfach verwendet wird, übersetzen wir immer gleich. Wir haben kontextsensitiv übersetzt. Und das bedeutet natürlich auch langwierige Abstimmungsprozesse.

Die sind nun beendet, die neue Revision der Lutherbibel steht pünktlich zum Vorjahr des Reformationsjubiläums in den Regalen. Sind sie zufrieden – oder haben Sie sich mehr erhofft?

Ich bin mit dem Gesamtergebnis zufrieden. Natürlich nicht in allen Details - aber das geht ja jedem der Beteiligten so, dass man nicht immer die Lösung durchbekommen hat, die man persönlich favorisiert hätte. Außerordentlich zufrieden bin ich mit dem Bereich der Apokryphen: Da hatte ich mir erhofft, dass wir die Lutherbibel wieder als eine wissenschaftlich ernstzunehmende Übersetzung etablieren können. Das ist uns gelungen, dadurch, dass wir die Texte neu übersetzt haben. Und das sind sehr gute Übersetzungen geworden.

Mit Martin Rösel sprach Fabian Maysenhölder

Martin Rösel hat gemeinsam mit der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann das Buch "Die Bibel Martin Luthers" (Evangelische Verlagsanstalt) herausgegeben. Darin finden sich viele weiterführende Texte zur Geschichte der Lutherbibel von ihren Anfängen bis heute.

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Quelle: n-tv.de

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