Panorama

Drei Theorien, aber keine Beweise Wie verschwand MH370?

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Die verschiedenen aktuellen Suchgebiete.

(Foto: dpa)

Sechs Monate nach dem Start von MH370 scheint die Boeing 777 mit 239 Menschen an Bord wie vom Erdboden verschluckt. Ein gewaltiger Einsatz von Geld und neuester Technik hat bisher nicht klären können, was am 8. März geschah. Und so wird weiter heftig spekuliert.

Auf dem Flugplan von Malaysian-Airlines gibt es keinen Flug MH370 mehr. Der Direktflug von Kuala Lumpur nach Peking startet nun unter der Flugnummer MH318. Es ist das übliche Vorgehen der Fluggesellschaften nach einem Flugzeugunglück. Auch wenn ein halbes Jahr nach dem Verschwinden von MH370 noch immer absolut rätselhaft ist, was am 8. März geschah.

Die Boeing 777 war an diesem Tag um 0.41 Uhr mit 239 Menschen an Bord gestartet. Der Flug nach Peking sollte sechseinhalb Stunden dauern, doch schon nach 40 Minuten Flugdauer brach der Kontakt zu der Maschine ab. Da lag der letzte Funkspruch, den die Luftraumkontrolle empfing, bereits zwei Minuten zurück: "Good night Malaysian three seven zero." Längst gilt das Verschwinden von MH370 als eines der größten Rätsel der Fluggeschichte.

Trotz monatelanger Suche blieb die inzwischen von Australien geleitete Suche nach Wrackteilen im Indischen Ozean erfolglos. In diesem Monat soll eine niederländische Firma damit beginnen, ein 60.000 Quadratmeter großes Meeresgebiet abzusuchen. Die nochmalige Auswertung von Satellitendaten hatte ergeben, dass die Maschine womöglich eher von ihrem Kurs abkam als bisher gedacht. Den bisherigen Erkenntnissen zufolge verließ die Maschine aus unbekannten Gründen mitten im Flug ihre geplante Route und drehte erst nach Westen und dann Richtung Süden ab.

Schon vor diesen ungewöhnlichen Flugbewegungen waren die Kommunikationssysteme und der Transponder, der regelmäßig Flugdaten wie Flugnummer, Flugzeugtyp, Geschwindigkeit, Flughöhe und geplante Flugrichtung über Funk sendet, ausgeschaltet worden. Ausgerechnet in dem Moment, in dem das Flugzeug über dem Südchinesischen Meer von der malaysischen in die vietnamesische Flugverkehrskontrolle wechselte, brachen alle Verbindungen zu MH370 ab. Die Experten halten das für alles andere als einen Zufall. Was geschehen ist, können sie dennoch nicht sagen.

Drei Theorien

Von den zahlreichen Mutmaßungen und umfassenden Verschwörungstheorien, die in den Tagen nach dem Verschwinden von MH370 herumgeisterten, sind drei geblieben. Da ist zum einen die These einer Flugzeugentführung. Doch da seit den Anschlägen vom 11. September die Cockpits extrem gesichert sind, wird ein Eindringen zu den Piloten inzwischen nahezu ausgeschlossen. Die Überprüfung aller Passagiere auf einen möglichen terroristischen Hintergrund blieb erfolglos, auch ging nie ein Bekennerschreiben ein.

These zwei wäre die Unglücksthese, infrage kämen einen akuter Druckverlust oder auch ein Feuer an Bord. Dagegen sprechen die Tatsachen, dass die Kommunikationsverbindungen unterbrochen wurden und es danach noch acht nennenswerte Kursänderungen gab. Wären alle Menschen an Bord wegen des Sauerstoffmangels ohnmächtig oder tot gewesen, hätte das Flugzeug auf dem zu diesem Zeitpunkt eingeschlagenen Kurs weiter geradeaus fliegen müssen, bis irgendwann das Benzin ausgegangen wäre. Bei einem Feuer gehen Experten davon aus, dass die maximale Überlebenszeit nach dem Ausbruch eines Feuers zwischen 20 und 30 Minuten liegt. Dann kommt es zum Absturz, doch MH370 blieb noch fast sieben Stunden in der Luft. Diesen Schluss lässt jedenfalls die Analyse von Satellitendaten zu.

Todessehnsucht eines Crew-Mitglieds

Damit gilt inzwischen die Selbstmordthese wieder als wahrscheinlichste Absturzursache. Bewertet man die Fakten unter dem Blickwinkel, dass jemand an Bord - wahrscheinlich ein Crewmitglied - Selbstmord begehen wollte, scheint alles schrecklich schlüssig. Die Ermittler glaubten schon relativ früh nach dem Absturz an "einen absichtlichen Akt, von einem an Bord, der die nötigen Kenntnisse dafür hatte". Die Untersuchungen bei den verschiedenen Crewmitgliedern förderten jedoch kein Motiv zutage, so dass noch immer nicht klar ist, wer den Absturz herbeigeführt haben könnte und 238 Menschen mit in den Tod riss.

Im Zentrum der Überlegungen stehen Flugkapitän Zaharie Ahmad Shah und Co-Pilot Fariq Abdul Hamid. Der 27-jährige Hamid hatte 2011 auf dem Flug von Thailand nach Australien mit zwei südafrikanischen Touristinnen im Cockpit geraucht und geflirtet, obwohl dies gegen die Sicherheitsbestimmungen verstieß. Dies wurde aber erst nach dem Verschwinden von MH370 bekannt. Hamid war seit sieben Jahren bei Malaysia Airlines und hatte bereits 2763 Flugstunden hinter sich. Gerade hatte er die Lizenz für größere Maschinen gemacht. Es war erst sein sechster Flug in einer Boeing. Zum ersten Mal wurde er an diesem Tag als Co-Pilot nicht mehr durch einen Ausbilder überwacht. Hamid soll Heiratspläne gehabt haben, seine Familie weist jede mögliche Selbstmordabsicht von sich.

So konzentrieren sich die meisten Überlegungen denn auch immer wieder auf den 53-jährigen Flugkapitän Shah. Er war seit 1981 für die Fluglinie im Einsatz und soll Eheprobleme gehabt haben. Trotz der Trennung von seiner Frau lebte er mit ihr und den drei gemeinsamen Kindern weiter in einem Haus. Seine Tochter beschrieb ihn als "verstört und verloren", zeigte sich aber überzeugt, dass Shah das Flugzeug nicht zum Absturz brachte. Auch sein Sohn verteidigte den Vater. Erst kürzlich äußerte sich ebenfalls Shahs Schwester. Sie sagte: "Wir konnten nicht herausfinden, warum jemand, der Selbstmord begehen möchte, seine Qualen noch für weitere vier, fünf oder sechs Stunden fortsetzen und weiterfliegen würde."

Psychisch krank?

Im Haus des erfahrenen Piloten wurde ein Flugsimulator gefunden, dessen Untersuchung jedoch auch keine weiteren Anhaltspunkte lieferte. Ein glücklicher, großzügiger und freundlicher Mensch, so beschrieben ihn seine Verwandten. Könnte er trotzdem viele Todesopfer in Kauf genommen haben, um seinen Suizid als Unfall darzustellen, damit seine Angehörigen die Lebensversicherung ausgezahlt bekommen? Shahs Schwager erklärte diese Theorie für absurd, aus einem ebenso einfachen wie überzeugenden Grund: "Wenn wir schon über eine Lebensversicherung sprechen, kann ich nur sagen, dass er keine hatte. Sie können das überprüfen, er hatte keine. Er glaubte nicht daran, dass er so schnell sterben würde. Wieso also sollte er Selbstmord begehen? Wenn Sie sagen, dass er im Indischen Ozean Selbstmord beging, sage ich, beweisen Sie es. Er war nicht selbstmordgefährdet", so der Bruder von Shahs Frau.

In seinem Buch "Goodnight Malsaysian 370" vertreten die Autoren Ewan Wilson und Geoff Taylor trotzdem vehement die These, dass es Shah war, der die Maschine zum Absturz brachte. Ihrer Meinung nach hat Shah zunächst seinen Co-Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und dann durch ein Flugmanöver einen Druckabfall im Flugzeug herbeigeführt. Die Sauerstoffversorgung der Passagiere und der Flugbegleiter über Gesichtsmasken setzte zwar automatisch ein, auf einem Nachtflug dürften jedoch viele Passagiere geschlafen haben und ohnmächtig geworden sein, bevor ihnen die Lage klar geworden sei. Außerdem sei die Sicherheitsansage auf Englisch erfolgt, das viele Passagiere möglicherweise nicht gut genug sprachen, um alles zu verstehen. Schließlich sei nur noch Shah bei Bewusstsein gewesen und habe die Maschine notgewassert. Am Ende sei die Boeing in einem Stück im Meer versunken, was auch die fehlenden Trümmer erklären würde.  Als Grund für Shahs Tun vermuten die Autoren eine psychische Erkrankung, ohne dafür oder für jedes andere Teil ihrer Theorie irgendeinen Beweis vorlegen zu können.

So sind die Experten weiter darauf angewiesen, das Wrack zu finden und mit ihm die Flugschreiber. Anhand der Trümmerteile und der Informationen ließe sich möglicherweise rekonstruieren, was am 8. März an Bord von MH370 geschah. Die Hinterbliebenen der Passagiere warten verzweifelt auf Antworten. Einige haben sich zusammengeschlossen, um die Behörden und die Fluggesellschaft unter Druck zu setzen. Sie werfen ihnen vor, am Tag der Katastrophe untätig geblieben zu sein und noch immer Informationen zurückzuhalten. Die anfangs bestehende Hoffnung, das Flugzeug könnte doch noch irgendwo unversehrt auftauchen, ist längst zerstoben. Nun hoffen sie nur noch, dass das Wrack gefunden wird, damit sie erfahren, was ihren Angehörigen zugestoßen ist und dann weiterleben können.

Quelle: ntv.de