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Kampf gegen Kinderarmut "Wir müssen Kinder wie Könige behandeln"

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Vergisst Deutschland seine Kinder? Arche-Gründer Bernd Siggelkow gibt Denkanstöße.

(Foto: imago stock&people)

Sie sind in einem Alter, in dem das Leben Spaß machen sollte. Doch für viele Kinder sieht die Realität anders aus: Bernd Siggelkow kennt massenweise Kinder, die noch nie auf dem Schoß ihrer Eltern saßen. Der Arche-Gründer warnt vor emotionaler Verarmung.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, steigt die Zahl von Kindern in Armut. Seit mehr als 20 Jahren kämpft die Arche dagegen an. In seinen Einrichtungen bietet das Kinderhilfswerk täglich warme Mahlzeiten, Hilfe bei den Hausaufgaben, Freizeitbeschäftigungen und vor allem viel Aufmerksamkeit. Im Interview erzählt Arche-Gründer Bernd Siggelkow, warum Deutschland ein armes Land ist und was notwendig wäre, um die Arche dichtzumachen.

n-tv.de: Herr Siggelkow, Sie werden nie müde zu betonen, dass Deutschland seine Kinder vergisst. Es scheint so, als würden Ihre Appelle ungehört verhallen.
Siggelkow: Die Kinderzahlen gehen zurück, aber die Armutsstatistiken steigen. Beim ersten Armutsbericht von 2001 gab es 1,2 Millionen Kinder in finanzieller Armut, jetzt liegen wir bereits bei 2,5 Millionen und die Geburten sind zurückgegangen - das ist eine erschreckende Statistik. Aber Armut ist nicht nur am Geld festzumachen. Es gibt auch viele Kinder, die in der sogenannten Wohlstandsverwahrlosung leben, die haben zwar genug Geld in der Tasche, es ist aber trotzdem niemand da, der sich um sie kümmert.

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Bernd Siggelkow kämpft seit über 20 Jahren gegen materielle und emotionale Armut. Bevor er das christliche Kinder- und Jugendwerk Arche ins Leben rief, arbeitete er als Jugendpastor.

Ist emotionale Armut genauso schlimm wie die finanzielle Armut?
Ein Junge in der Arche wurde mal gefragt: Ihr seid doch arm? Er antwortete: Wir sind nicht arm, wir haben nur kein Geld. Dieser kleine Junge hat das eigentlich ganz richtig erkannt. Finanzielle Armut hat nicht unbedingt was damit zu tun, dass die Emotionen auf der Strecke bleiben. Wenn die Familie die Geldnot auffangen kann, dann ist es nicht so schlimm. Die emotionale Verarmung ist viel schlimmer als die finanzielle Verarmung. Ich kenne massenweise Kinder, die noch niemals auf dem Schoss ihrer Eltern saßen oder irgendetwas Liebes zu hören bekamen. Entweder weil die Eltern mit dem Existenzkampf beschäftigt sind, weil sie sich selbst verwirklichen wollen oder weil die Kinder eigentlich gar nicht so recht ins Bild passen.

Sie haben das Kinderhilfswerk "Die Arche" gegründet und kümmern sich seit 20 Jahren um arme Kinder - was sind das für Kinder, die zu Ihnen kommen, und was machen Sie mit ihnen?
Das ist eine ganz große Bandbreite. Ich hatte vor kurzem mit einem Mädchen in der Nacht einen Austausch. Sie schrieb mir: Du weißt ja Mama hat gerade eine Baby bekommen und Mama trinkt relativ viel, sie kümmert sich nicht um das Baby und jetzt muss ich mich die ganze Zeit kümmern. Heute Nachmittag sollte ich ihr Lieblingsdeo besorgen und hab es nirgends bekommen. Das Mädchen war drei Stunden unterwegs und dann hat ihre Mutter sie richtig zur Sau gemacht. Sie fühlte sich sehr einsam, ungeliebt. Dann hab ich ihr von meiner Kindheit erzählt und sie hat gesagt: Wenigstens einer, der mich versteht. Ich hab dich lieb. Gute Nacht.

Aber es kommen auch Kinder zu uns, die hungern, weil die Eltern kein Geld haben, weil sie das Geld falsch ausgeben oder weil Hartz IV nicht reicht. Ich habe auch schon zwei Kinder beerdigt, weil sie einfach viel zu viel alleine waren. Weil sie mit ihren eigenen Sorgen nicht mehr klarkamen, haben sie Drogen oder sonstwas genommen.

Was kann, was muss der Staat tun, um diesen Kindern schnell zu helfen?
Der Staat hat auch nur begrenzte Möglichkeiten, er kann allerdings die Rahmenbedingungen verändern. Ich denke, unser Schulsystem hat große Lücken. Gerade in Ballungsgebieten wie Bremen oder Hamburg, beweisen die Pisa-Studien immer wieder, dass es uns ganz schlecht geht. Schulen müssen einfach besser ausgestattet sein. Wir brauchen mehr Pädagogen. Der Lehrer kann ja auch nicht die eierlegende Wollmichsau sein, der alles richten kann. Das Schulsystem muss sich an die Bedürfnisse der Kinder anpassen und nicht umgedreht, die Kinder an das Schulsystem. Es geht nicht, dass Kinder keine Förderung erhalten, weil ihre Eltern sich diese Förderung finanziell nicht leisten können. Wir geben in Deutschland Milliarden für die Nachhilfe von Kindern aus, aber bedürftige Kinder können sich das nicht leisten. Das heißt, sie spüren schon in der Schule, das sie die "Versager" sind. Das ist ganz schlecht. Wir müssen Kinder stark machen. Wir müssen sie motivieren. Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen, damit Kinder wieder den Status haben, das sie das Wichtigste in unserer Gesellschaft sind. Sie sind nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor in Zukunft. Kinder brauchen Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit.

Bildung kehrt als Begriff immer wieder - ist Bildung der Schlüssel?
Bildung kann nur der Schlüssel sein, wenn die Rahmenbedingungen für die Bildung geschaffen sind. Ein Kind, das ohne Beziehung aufwächst oder ungefrühstückt in die Schule geht - da können wir soviel Bildung reinstecken, das funktioniert einfach nicht. Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen. Wenn ein Kind morgens ungefrühstückt in die Schule geht, dann muss es irgendwo ein Frühstück bekommen. Wenn ein Kind keine Beziehung innerhalb der Familie bekommt, dann müssen wir helfen und außerhalb der Familie Beziehungen schaffen. Wir haben viel zu wenig Beziehungspartner in den Kitas, in den Schulen. Wie soll ein Kind, das keine Beziehung erlebt, wie soll das kritikfähig, wie konfliktfähig, wie gesellschaftsfähig werden?

Welche Bedeutung hat der persönliche Glaube für Ihre Arbeit?
Für mich persönlich ist es der Schlüssel dazu, um überhaupt klar zu kommen mit den vielen Problemen, die mir jeden Tag begegnen. Auf der anderen Seite, ist es der einzige Hoffnungsschimmer, den die Kinder haben. Unsere Kinder glauben ja eigentlich gar nicht an Gott. Wir versuchen ihnen dennoch ein paar christliche Werte zu vermitteln. Ein Mädchen hat mal zu mir gesagt, sie habe das mal ausprobiert, woran wir Christen glauben. Als ihre Mutter mal wieder auf Sauftour und sie ganz alleine zuhause war und fürchterliche Angst hatte, habe sie gebetet und auf einmal konnte sie schlafen. Wenn so ein kleiner Hoffnungsschimmer ankommt, dann spielt unser Glaube doch eine große Rolle in dem Leben dieser Kinder.

In Ihrem neuen Buch "Ein warmes Essen und ganz viel Liebe" schreiben Sie: "20 Jahre Arche können nur der Anfang sein". Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir eigentlich, dass wir die Arche schließen können. Wenn es keine Kinderarmut mehr gibt, dann brauchen wir keine Arche mehr. Aber wir brauchen immer Beziehungspartner, also wird die Arche immer eine Existenzberechtigung haben. Ich wünsche mir, dass wir an den Orten sind, wo Kinder sind, die ohne uns hoffnungslos verloren sind. Ich wünsche mir, dass es mehr Menschen gibt, die die Probleme sehen und auch anpacken. Ich wünsche mir mehr Sensibilität, auch auf den anderen zu achten. Mehr Kinderfreundlichkeit in Deutschland. Dass sich mehr Menschen ehrenamtlich in Schulen einbringen, beim Förderunterricht helfen, wie auch immer. Dass das auch von den Schulen zugelassen wird. Das man nicht versucht, nicht nur seinen eigenen Kram zu kochen. Sondern das man das Kind vor Augen hat. Die Kinder müssen im Vordergrund stehen.

Wo erfahren Kinder denn mehr Wertschätzung? Gibt es für Sie so etwas wie ein Vorbildland?
Was ich jetzt sage, wird in der Politik ganz schlecht ankommen. Ich zitiere den finnischen Bildungsminister: "In Finnland werden Kinder wie Könige behandelt". Wenn uns das gelingt, Kinder wie Könige zu behandeln und zu erkennen, dass Liebe und Beziehung der Schlüssel zum Herzen eines Menschen sind, dann werden wir es richtig machen. Der Reichtum eines Landes kann nur am Reichtum von Kindern festgelegt werden. So gesehen sind wir ein sehr armes Land!

Mit Bernd Siggelkow sprach Diana Sierpinski

Quelle: n-tv.de

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