Panorama

"Reue" der Folter-Colonia "Wir sind selbst Opfer"

Die Bewohner der früheren sektenartigen Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad" im Süden Chiles haben die Opfer "schrecklicher Untaten" in der Landwirtschaftssiedlung um Vergebung gebeten.

Die schlimmsten Vorwürfe hätten sich als wahr erwiesen, und deshalb bekenne sich die Siedlung zu ihrer Verantwortung. Sie werde sich "um die Vergebung derer bemühen, die wir geschädigt oder denen wir Unrecht getan haben", stand in einem am Mittwoch bekannt gewordenen offenen Brief. "Der Brief wurde von der großen Mehrheit der noch etwa 190 Siedler gut geheißen", sagte einer der Siedler, Martin Matthusen, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag.

"Eine kleine Gruppe"

Zugleich bezeichnen sich die Siedler jedoch selbst als Opfer des Sektengründers Paul Schäfer, dem sie die fast alleinige Schuld an den unmenschlichen Verhältnissen anlasten. "Eine kleine Gruppe von Siedlern hat aber wohl doch mehr gewusst", räumte Matthusen lediglich ein. Alle Bewohner treffe die Mitschuld, sich "nicht gegen den despotischen Leiter erhoben" zu haben. Ziel der 1991 in Villa Baviera umbenannten Siedlung sei es heute, sich in die chilenische Gesellschaft einzugliedern.

Die chilenische Justiz geht davon aus, dass in der 1962 von Schäfer gegründeten Landwirtschaftssiedlung während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) gefoltert und gemordet wurde. Außerdem seien Kinder sexuell missbraucht und medizinische Experimente an Menschen vorgenommen worden. Schäfer, der 1997 flüchtete und im vergangenen Jahr in Argentinien festgenommen wurde, sowie vier weitere Mitglieder der Siedlung sitzen in chilenischer Untersuchungshaft. Neun weitere stehen unter Anklage.

"Christliche Grundhaltung missbraucht"

Die Siedler werfen Schäfer vor, er habe die christliche Grundhaltung der aus Deutschland eingewanderten Siedler missbraucht und sie in ein diktatorisches System der Selbstisolierung gepresst, in dem freie Meinungsäußerung und Widerspruch brutal unterdrückt und Familien zerstört wurden. Das Schreiben endet mit dem Versprechen, bei der Aufklärung der Verbrechen mitwirken zu wollen. "Wir sind bereit mitzuarbeiten, um so die Leiden zu vermindern, die wir anderen und uns selber zugefügt haben, damit in Villa Baviera niemals wieder die Schrecken der Vergangenheit geschehen."

Quelle: n-tv.de