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Mit Kind oder ohne? Die Wahlmöglichkeiten sind vielfältig - und gleichzeitig ein Problem.
Mit Kind oder ohne? Die Wahlmöglichkeiten sind vielfältig - und gleichzeitig ein Problem.(Foto: imago/Westend61)
Samstag, 30. September 2017

Kinderfrage spaltet Gesellschaft: "Wir werden gegeneinander ausgespielt"

Die Gesellschaft altert und es mangelt an Nachwuchs. Doch viele trauen sich nicht, Kinder zu bekommen oder warten zu lang. Britta Sembach und Susanne Garsoffky erklären im Interview, warum nicht der Einzelne, sondern die Politik schuld daran ist.

n-tv.de: Sie werfen Politik und Wirtschaft vor, Menschen mit und ohne Kind gegeneinander auszuspielen. Worauf gründet sich die These?

Britta Sembach: Politisch gesehen beruhen die Sozialsysteme unserer Gesellschaft darauf, dass es genügend Nachwuchs gibt. Dadurch müssen immer weniger junge Menschen für immer mehr alte Menschen sorgen. In den nächsten 15 Jahren geht die Babyboomer-Generation in Rente. Das ohnehin schon wackelige System wird dann noch wackeliger. Das ist eine Ungerechtigkeit, die auf Kosten aller ausgetragen wird: Menschen mit und ohne Kinder.

Sembach und Garsoffky sind Journalistinnen und Autorinnen. Beider sind Mütter zweier Söhne.
Sembach und Garsoffky sind Journalistinnen und Autorinnen. Beider sind Mütter zweier Söhne.(Foto: Random House)

Susanne Garsoffky: Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Vollzeit arbeitende Mann ohne Sorgeverpflichtungen das Ideal. Wer Kinder bekommt oder jemanden pflegt, hat einen Wettbewerbsnachteil in den meisten Unternehmen. Dort werden gute Gehälter und Stellen nur an Vollzeitarbeiter vergeben. Zwar versuchen Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels, attraktiver und familienfreundlicher zu werden. Wenn aber jemand in Teilzeit geht, wird dies in der Regel nicht durch Neueinstellungen kompensiert. Stattdessen werden die Aufgaben auf den Schultern jener verteilt, die keine Kinder oder Pflegebedürftige haben.

Ist das nicht ein zu harter und generalisierender Vorwurf an Politik und Wirtschaft?

Garsoffky: In vielen Unternehmen ist genau das zu beobachten. Die Rücksichtnahme von Menschen ohne Kinder auf Menschen mit Kindern hat Grenzen. Das ist absolut nachvollziehbar, denn die Arbeitsbelastung ist in den letzten 20 Jahren unfassbar gestiegen. Unternehmen haben mit Personalkürzungen ihre Gewinne erzielt. Sie arbeiten mit einer bewusst dünnen Personaldecke und stellen lieber Leiharbeiter ein. So werden Kinderhabende und Kinderlose täglich gegeneinander ausgespielt. Wer wegen seines Kindes früher nach Hause muss, bekommt vorwurfsvolle Blicke von jenen, die dadurch länger arbeiten.

Wenn man jemanden gegeneinander ausspielt, legt das eine bewusste Intention nah. Macht die Politik das mit Absicht?

(Foto: Random House)

Sembach: Es wird billigend in Kauf genommen, dass auf der unteren Ebene ein Hauen und Stechen und gegenseitige Schuldzuweisungen vorherrschen. Die Solidarität untereinander wird aufgelöst. Die Politik versucht nicht, diese Schieflage aktiv zu beheben. Stattdessen profitiert sie davon.

Der Bundestag wurde gerade neu gewählt. Was wünschen Sie sich von einer künftigen Regierung?

Garsoffky: Es sollte eine offene und ehrliche Diskussion darüber geben, was in den kommenden 15 Jahren auf uns zukommt. Wir können den Generationenvertrag nicht einhalten. Das ist unumkehrbar. Wir müssen darüber sprechen, wie wir einen gerechten Ausgleich schaffen und die soziale Stabilität in Deutschland wiederherstellen.

Menschen mit Kindern müssen sich rechtfertigen, weil sie welche haben und Menschen ohne, weil sie keine haben. Was ist die Antwort auf die Vorwürfe?

Garsoffky: Kinder zu haben, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Keine Kinder zu haben, ist oftmals ein tragisches Schicksal. Man sollte sich überhaupt nicht rechtfertigen müssen.

Sembach: Diese Vorwürfe entstehen durch die Schieflage des Systems. Jeder hat ständig das Gefühl, zu viel zu bezahlen oder zu wenig zu bekommen. Man muss das System verändern und nicht die Menschen zu anderen Entscheidungen motivieren.

Geht es nicht im Kern darum, Anerkennung von der Gesellschaft zu ernten, weil man gute Menschen großgezogen hat, die am Ende die Rente bezahlen?

Sembach: Es ist Teil des Konflikts, dass überhaupt geguckt wird, ob gute Menschen erzogen wurden. Diese sollen das System tragen, sozialversicherungspflichtige Jobs annehmen und unsere Renten bezahlen. Wir fordern Anerkennung für jedes Kind und jeden Menschen, der Fürsorge leistet. Weil wir so wenig Nachwuchs haben, entsteht der Anspruch, dass jedes Kind auch noch gelingen müsse. Früher haben Masse und Zusammenhalt Kinder getragen, die nicht zum Gelingen des Systems beigetragen haben.

Sie wollen die Verantwortung weg vom Individuum hin zur den Regierenden verlagern. Machen Sie es sich damit nicht zu leicht?

Sembach: Wir bemängeln, dass man für die Nichterfüllung des eigenen Lebensweges die komplette Verantwortung trägt und die Schuld zugewiesen bekommt. Jeder soll seine individuelle Entscheidung treffen können, aber diese muss besser unterstützt werden.

Garsoffky: Wenn wir die Politik zum Handeln auffordern, ziehen wir uns nicht automatisch aus der Verantwortung. Aber alle haben inzwischen begriffen, dass sie zu funktionieren haben. Trotzdem wird der Riss tiefer, die Vereinbarkeitsproblematik größer und die Geburtenrate stagniert auf niedrigem Niveau. Es kann also nicht mehr an jedem Einzelnen liegen, sondern es läuft grundsätzlich etwas falsch. Man macht es sich damit nicht leichter, sondern fordert eine ehrliche Diskussion.

Kann die Gesellschaft den tiefen Riss kitten?

Garsoffky: Ja, wenn die Themen offen angesprochen und kreative Lösungen gefunden werden. Menschen mit und ohne Kinder stehen nicht auf verschiedenen Seiten. Wir brauchen beide Gruppen in der Gesellschaft.

Mit Britta Sembach und Susanne Garsoffky sprach Lisa Schwesig

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Quelle: n-tv.de