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"Evangelii Gaudium" - Franziskus und seine Reformen Wo Licht ist, ist auch Schatten

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Papst Franziskus: Erfreuliche Frische in manchen, Diskussionsverweigerung in anderen Fragen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Apostolische Schreiben "Evangelii Gaudium" kann als Regierungsprogramm des Papstes verstanden werden. Als eines, das es in sich hat. Franziskus macht es sich zur Aufgabe, die Kirche umzukrempeln. Er ist aber nicht durchweg konsequent.

"Freude des Evangeliums" - so lautet der deutsche Titel des Schreibens, das der Vatikan am Ende des Jahres des Glaubens veröffentlicht. Worum es dem Mann in Rom geht, wird im Untertitel schon deutlich: "Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute." Rund 180 Seiten schreibt Franziskus über dieses Thema, beleuchtet es aus vielen Perspektiven. Schon nach den ersten Worten ist klar, dass "Evangelii Gaudium" als Regierungsprogramm zu verstehen ist, an dem der Papst sich in einigen Jahren wird messen lassen müssen: "In diesem Schreiben möchte ich mich an die Christgläubigen wenden, um sie zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen, die von dieser Freude geprägt ist, und um Wege für den Lauf der Kirche in den kommenden Jahren aufzeigen."

Zu großen Teilen vollzieht Franziskus eine Radikalkritik an der Gesellschaft - und auch an seiner Kirche. Vor klaren Worten scheut er dabei nicht zurück, Formen der modernen Sklaverei nennt er "perverse Verbrechen" und sagt deutlich: Das Schweigen zu solchen Themen sei eine bequeme Art der "Mittäterschaft", aufgrund dessen "die Hände vieler von Blut triefen". Es sind authentische Worte eines Mannes, der alles andere tut, als zu schweigen. Von einem, der straffälligen Jugendlichen die Füße wäscht oder wiederholt auf das Leid der Flüchtlinge vor Lampedusa hinweist - und sie schließlich auch besucht.

In befreiungstheologischer Tradition formuliert der Papst seine Kritik am ökonomischen System, das den Menschen an sich als "Konsumgut" betrachte, das man "gebrauchen und dann wegwerfen" könne. Es sind deutliche, aber keine überraschenden Worte für einen Papst, der auch als Kardinal die Armut schon zu seinem Thema gemacht hat. Seit jeher fordert er, die Kirche müsse mehr auf Arme und Bedürftige zugehen und sie mehr in die Gesellschaft integrieren.

"Reform des Papsttums"

Besonders interessant wird Franziskus' Schreiben jedoch dort, wo er die Kirche aufs Korn nimmt. Hier wird deutlich, wie ernst es dem Papst ist - und dass er auch vor schwierigen Reformen nicht zurückscheut. Da ist zum Beispiel der Zentralismus der katholischen Kirche, der aus seiner Sicht das "Leben der Kirche" verkompliziert. Er sei selbst dazu "berufen, […] zu leben, was ich von anderen verlange." Konsequenterweise schreckt er dann auch nicht vor der ganz großen Aufgabe, der Neuausrichtung des Papsttums, zurück. Bischofskonferenzen sollen künftig mehr Kompetenzen erhalten - auch lehramtliche.

Das ist eine bedeutende Richtungsweisung. Bei einer Kirche, die weltweit vertreten ist, können nicht alle Probleme gleichermaßen über den römischen Kamm geschert werden, das weiß der Argentinier Jorge Bergoglio. Zudem ist es eine Geste, die ganz seiner Art entspricht: Franziskus nimmt sich selbst zurück. Er bezeichnet sich selbst auch schlicht als "Bischof von Rom". Als wolle er sagen: Ich bin nur einer von vielen.

Bei allen Reformbemühungen will Franziskus vor allem eines: zurück zu den Wurzeln. Er macht deutlich, dass viele Bräuche und Traditionen der Kirche zwar tief in der Geschichte verwurzelt seien, aber nicht mit dem Evangelium zusammenhingen. "Haben wir keine Angst, sie zu revidieren!", fordert er. Seine Ankündigung, die katholische Kirche zu dezentralisieren, sind erste Schritte in diese Richtung; das Papsttum selbst ist weder biblische Forderung noch "mit dem Evangelium verbunden", sondern kirchenhistorisch gewachsen.

Franziskus' Aufruf könnte aber zudem ein Türöffner für die Lockerung des Zölibats sein - jener Regelung, die erst seit dem 11. Jahrhundert in der uns heute bekannten Form existiert. Doch so klar die Aufforderung, zu revidieren, was nicht mit dem Evangelium zusammenhängt, auf den ersten Blick klingt, so verschwommen ist sie in Wirklichkeit. Denn Theologen können sich trefflich über diese Frage streiten.

Priestertum der Frauen? Papst verweigert die Diskussion

So muss sich Franziskus auch der Frage stellen, warum er etwa weiterhin vehement ablehnt, Frauen für das Priesteramt zuzulassen. Vielmehr verweigert er diesbezüglich jedwede Diskussionsbereitschaft, wenn er schreibt: "Das den Männern vorbehaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht."

Die Argumentation des Papstes ist in dieser Frage reichlich dünn, ebenso die biblischen Belege. Seine Versuche, sich zu rechtfertigen, indem er auf den Unterschied zwischen "Funktion" und "Würde" einer Person hinweist, überzeugen nicht. Doch warum hier auf die - vom Papst selbst geforderte - historische Einordnung verzichten? Warum hier nicht anerkennen, dass die Kirche hier heute noch in den patriarchalen Strukturen biblischer Zeiten festhängt, die andernorts auch kirchlich als längst überholt gelten?

"Evangelii Gaudium" ist eine bedeutende Schrift von einem Papst, der die Kirche nachhaltig verändern wird. Schon alleine deshalb, weil Franziskus nicht davor zurückscheut, Missstände der Gesellschaft und seiner Kirche beim Namen zu nennen. Doch die Reformen, die Franziskus anspricht, sind - so wichtig sie sind - vor allem struktureller Natur.

Viele Gläubige werden sich freuen, dass der Papst offen zur Diskussion über veraltete Traditionen und Bräuche aufruft. Zugleich wirkt es aber verstörend, wie er in manchen Punkten eine Diskussion von vorneherein verweigert. Es bleibt zu hoffen, dass katholische Christinnen und Christen den Papst in seinen umfangreichen Reformvorhaben unterstützen. Und den Mut haben, auch Diskussionsverbote zu ignorieren.

Quelle: n-tv.de

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