Panorama
Dienstag, 27. August 2013

"Großartiger Bestsellerautor": Wolfgang Herrndorf ist tot

"Ihn zu lesen, hat immer zum Leben ermuntert", sagt Theaterintendant Ulrich Khuon über den verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Mit seinem Abenteuerroman "Tschick" eroberte der Schriftsteller die Bestsellerlisten. Die letzten Einträge in seinem Blog lassen ahnen, dass er den Kampf gegen den wuchernden Hirntumor am Ende verloren gab.

Herrndorf litt unter einem unheilbaren Gehirntumor.
Herrndorf litt unter einem unheilbaren Gehirntumor.

Mit großer Betroffenheit und Trauer haben Künstler auf den Tod des mehrfach preisgekrönten Schriftstellers Wolfgang Herrndorf reagiert. Der Autor des Bestsellers "Tschick" war am Montag mit 48 Jahren in Berlin gestorben, wie der Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg mitteilte. Herrndorf litt unter einem unheilbaren Gehirntumor. Nach Angaben seiner Kollegin und Weggefährtin Kathrin Passig nahm er sich das Leben.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann würdigte Herrndorf als begnadeten und fantasievollen Schriftsteller. "Sein Tod bedeutet für die Literaturlandschaft in Deutschland einen großen Verlust." Herrndorf sei ein großartiger Bestsellerautor gewesen, "von dessen Sprachwitz, Intelligenz und Träumen man sich gern mitreißen ließ." Der Berliner Theaterintendant Ulrich Khuon fand warme Worte für den Schriftsteller. "Ihn zu lesen, hat immer zum Leben ermuntert", sagte der Leiter des Deutschen Theaters. Herrndorf sei es gelungen, hinter einer negativen Fassade eine "zarte Seelenlandschaft" zu zeichnen. Sein Tod sei "unglaublich traurig".

Der gebürtige Hamburger Herrndorf hatte 2010 mit seiner anrührenden Ausreißer-Geschichte "Tschick" einen Überraschungserfolg gelandet. Das Buch stand monatelang auf den Bestsellerlisten, erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 und hat sich inzwischen mehr als eine Million Mal verkauft. Die abenteuerliche Lada-Fahrt der beiden Freunde Maik und Andrej quer durch Ostdeutschland rührte viele Leser ans Herz. "Ein großartiges Buch, egal, ob man nun dreizehn, dreißig oder gefühlte dreihundert ist", befand die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

2012 erhielt Herrndorf für seinen vielschichtigen Agententhriller "Sand", ein brillantes Vexierspiel um Gewalt und Verfolgung, Selbstsuche und Tod, den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse. Schon damals konnte er die Auszeichnung nicht mehr persönlich entgegennehmen. Durch einen Freund ließ er lediglich ein afrikanisches Sprichwort übermitteln: "Die Sonne geht immer hinter der Düne unter, die Dir  gerade am nächsten ist." Er litt seit 2010 an einem bösartigen Gehirntumor und musste sich dreimal operieren lassen. Über sein Leben mit dem Tod gab er in dem Internetblog "Arbeit und Struktur" Auskunft.

"Mach dich vom Acker, Körper, hau ab"

"Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem", schreibt er zu Beginn. Doch so soll es nicht kommen. Erst eine OP, dann eine zweite, eine dritte. "Der aktuelle Champion in meiner Gewichtsklasse hat es hier auf vier Hirn-OPs gebracht", notiert er einmal. Ein andermal heißt es: "Links jetzt, als ob jemand die Nervenstränge büschelweise aus den Buchsen zieht." Oder: "Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst."

1965 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Hamburg geboren, hatte Herrndorf in Nürnberg Kunst studiert und zunächst als Illustrator gearbeitet, unter anderem für das Satiremagazin "Titanic". Durch einen Verlagsjob kam er eher zufällig ans Schreiben. Sein erster Roman "In Plüschgewittern" (2002) fand noch wenig Aufmerksamkeit. Doch schon beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2004 konnte der Newcomer mit einer Kurzgeschichte aus dem Stand den Publikumspreis einheimsen. Die Story erschien später mit anderen Erzählungen unter dem Titel "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" (2007).

Seit seiner Krebsdiagnose lebte Herrndorf absolut zurückgezogen in Berlin. "Keine Anfragen, keine Interviews, keine Lesungen, keine Ausnahmen", schrieb er auf seiner Internetseite. Nur die Freunde, die Lebensgefährtin C. und die Arbeit gaben seinem Leben Struktur. Ein Roadmovie "Isa" wollte er noch fertigbekommen und eine Buchfassung seines Blogs.

Krankheit macht "Zombie" aus ihm

Die letzten Einträge in seinem Blog zeugen erschütternd davon, wie der große Sprachkünstler immer mehr seine Worte verliert. "Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie", schrieb er Anfang Juli. Und einige Tage später folgte ein Gedicht: "Niemand kommt an mich heran/bis an die Stunde meines Todes./Und auch dann wird niemand kommen./Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand."

Zuletzt berichtete der Autor berührend, wie immer mehr seine Kräfte schwinden. "Beim Aufstehen am Morgen drei oder vier Meter rückwärts durchs Zimmer getaumelt und mit Kopf und Nacken gegen die Tischkante geknallt", schrieb er am 15. Juli. "Befund schlecht wie erwartet. Avastin ohne Wirkung, Glioblastom (bösartiger Hirntumor) beiderseits progressiv. Ende der Chemo. OP sinnlos. Ich weiß, was das bedeutet."

Die Schriftstellerin Kathrin Passig schrieb in einem Tweet: "Herrndorf starb nicht am Krebs. Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen." Die Berliner Polizei bestätigte n-tv.de, dass sich am Hohenzollernkanal ein 48-jähriger Mann selbst getötet hat. Ob es sich um Herrndorf handelt, wollte die Sprecherin nicht sagen. Eine Sprecherin des Rowohlt Verlags sagte, man wisse nichts über die Todesumstände.

Passigs Kollege Sascha Lobo leitete ihre Nachricht weiter und schrieb: "Farewell Wolfgang". Die "Titanic" würdigte ihn als "höchst genialen Zeichner und Illustrator". "Keiner konnte, was Herrndorf konnte. Wir trauern."

Quelle: n-tv.de