Panorama

Fall Ermyas M. Zeuge erkennt Täter nicht wieder

Einer der wichtigsten Augenzeugen der brutalen Attacke auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. in Potsdam kann die Täter nach eigenen Angaben nicht zweifelsfrei identifizieren. Er habe die Angreifer nicht genau erkannt und könne nicht hundertprozentig sagen "Der war es", räumte der 29-jährige Taxifahrer am Mittwoch vor dem Potsdamer Landgericht ein. Angeklagt sind zwei Männer wegen gefährlicher Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung.

Nach der Tat vom Ostersonntag 2006, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte, hatte der Taxifahrer bei einer Video-Gegenüberstellung mehrerer Personen auf den Hauptbeschuldigten Björn L. getippt: "Wenn der kleinere der beiden Täter hier überhaupt dabei war, dann ist er es".

Für viele Prozessbeobachter überraschend trat ein weiterer, 46-jähriger Taxifahrer als Zeuge auf. Er habe gesehen, wie Ermyas M. in der fraglichen Nacht Anlauf genommen und einem kleineren Mann "volle Pulle ins Gesäß" getreten habe. Die Reaktion des anderen habe er nicht gesehen, weil er weiterfuhr. Eine 20-jährige Zeugin, die in der Nähe in einem Auto saß, betonte, Ermyas M. habe nicht getroffen. Sie habe gesehen, wie der andere Mann dem Deutsch-Äthiopier dann mit der Faust ins Gesicht schlug. "Der Dunkelhäutige lag da und hat sich nicht bewegt." Die beiden Täter seien weggelaufen. Über die Männer machte die Frau widersprüchliche Angaben, ebenso wie andere Zeugen.

Die Verteidigung äußerte Unverständnis darüber, wie die Polizei auf den Notruf der Zeugin reagierte. Die Polizei habe sie an die Feuerwehr verwiesen, sagte die Frau aus. Und ein zufällig vorbeifahrender Polizeiwagen habe nicht angehalten.

Laut Anklage hatten sich die beiden Beschuldigten und Ermyas M. zunächst an der Bushaltestelle ein Wortgefecht geliefert. Als die Männer weggingen, soll Ermyas M. versucht haben, Björn L. ins Gesäß zu treten. Daraufhin, so die Anklage, verletzte Björn L. ihn durch einen Faustschlag lebensgefährlich. Der Mitangeklagte Thomas M. habe dem Opfer nicht geholfen. Beide bestreiten, überhaupt am Tatort gewesen zu sein.

Der zuerst gehörte Taxifahrer hatte in der Nacht zum 16. April 2006 zunächst nach eigenem Bekunden im Vorbeifahren gesehen, wie Ermyas M. in einer "Abwehrreaktion" einen kleineren Mann gegen den Oberkörper trat. Ein weiterer Mann habe einige Meter entfernt gestanden. "Ich habe das nicht für gefährlich gehalten und bin weitergefahren", sagte der Zeuge. Wenige Minuten später auf seinem Rückweg habe er dann das Opfer reglos auf der Straße liegen sehen und dieselben Männer, die sich entfernten.

Die Staatsanwaltschaft sieht in der bei dem Videovergleich protokollierten Aussage zu Björn L. eine "glasklare Identifizierung". Das relativierte der Taxifahrer aber mehrfach. Für die Verteidigung von Björn L. hat die Aussage dagegen "keinerlei Beweiswert".

Ermyas M. lag länger im Koma und kann sich nicht an die Tat erinnern. Die Bundesanwaltschaft hatte zunächst die Ermittlungen wegen versuchten Mordes aus Ausländerhass übernommen. Von einem fremdenfeindlichen Hintergrund steht in der Anklage jetzt nichts mehr.

Quelle: ntv.de

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