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Wie tickt die "Generation Mitte"? Zufrieden, aber ängstlich

Eine Familie ist mit Inline-Skates, Fahrrad und Tretroller unterwegs. Foto: Matthias Balk

Die Generation Mitte sieht sich überwiegend als Wohlstandsgewinner und soziale Aufsteiger.

(Foto: dpa)

Die "Generation Mitte", das sind mehr als 35 Millionen Deutsche zwischen 30 und 59 Jahren. Die meisten davon sind mit ihrem persönlichen Leben gerade sehr zufrieden - und trotzdem voller Sorgen. Warum nur?

Die sogenannte mittlere Generation in Deutschland kann sich eigentlich nicht beklagen. Sie haben, was sie brauchen. Ihre Jobs sind sicher. 75 Prozent bewerten ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut. Vier von zehn Befragten sagen, dass sich ihre wirtschaftliche Lage in den letzten fünf Jahren verbessert habe. Alles gut also? Mitnichten, wie aus einer Allensbach-Studie im Auftrag der deutschen Versicherer hervorgeht.

Über die "Generation Mitte"

Die mehr als 35 Millionen 30- bis 59-Jährigen in Deutschland stehen mitten im Berufsleben, erziehen Kinder und finanzieren die sozialen Sicherungssysteme. Sie stellen 70 Prozent der Erwerbstätigen dar und erwirtschaften 82 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte. Die "Generation Mitte" ist damit im wahrsten Sinne des Wortes der "Leistungsträger" unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund untersucht das Allensbach-Institut seit 2013 im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), wie es dieser "Generation Mitte" geht und welche Wünsche und Ängste sie hat. Dafür befragen die Forscher 1100 Personen im entsprechenden Alter.

Denn diese sehr positive Bilanz der persönlichen Lage steht in scharfem Kontrast zur Einschätzung der gesellschaftlichen Lage. "Die Verunsicherung der 30- bis
59-Jährigen ist gewachsen, ihr Zukunftsoptimismus steil zurückgegangen", resümiert Allensbach-Meinungsforscherin Renate Köcher bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Gerade mal 43 Prozent sehen den kommenden zwölf Monaten mit Hoffnungen entgegen, während für 42 Prozent Befürchtungen und Skepsis überwiegen. Zum Vergleich: 2015 lagen die Hoffnungen mit 57 Prozent noch klar vor den Befürchtungen (30 Prozent).

Ein erstaunliches Paradoxon. Obwohl es der mittleren Generation gut geht wie lange nicht, sind sie so pessimistisch. Der Studie zufolge sind die Bürger besonders verunsichert durch: 

  • die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich (68 Prozent)
  • die steigende Fremdenfeindlichkeit (68 Prozent)
  • die Häufung von Terroranschlägen (65 Prozent)
  • den Flüchtlingsstrom (64 Prozent)

Unter den persönlichen Sorgen haben zwei besonders zugenommen: die Angst vor Kriminalität und die Zweifel, den Lebensstandard im Alter halten zu können. Ähnlich pessimistisch war die Gefühlslage laut den Demoskopen von Allensbach zuletzt zum Beginn der Finanzmarktkrise im Jahr 2008, zuvor nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

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Die zentralen Erkenntnisse im Überblick:

Persönliche Lage

  • Die Generation Mitte sieht sich überwiegend als Wohlstandsgewinner und soziale Aufsteiger.
  • Für 39 Prozent der Befragten hat sich die wirtschaftliche Lage in den vergangenen fünf Jahren verbessert, für nur 20 Prozent verschlechtert.
  • Im Vergleich zur Elterngeneration fällt die Bilanz noch positiver aus: 42 Prozent erkennen für sich persönlich einen sozialen Aufstieg, nur 10 Prozent einen Abstieg.

Lage und Entwicklung in Deutschland

  • Ein Drittel der Befragten meint, dass die Lebensqualität in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren gesunken ist, nur 12 Prozent sehen eine Verbesserung.
  • 62 Prozent sind überzeugt, dass die Gefahr eines sozialen Abstiegs in den letzten Jahren größer geworden ist.
  • Persönliche Sorgen wachsen vor allem im Hinblick auf die materielle Absicherung im Alter und der inneren Sicherheit.

Soziale Unterschiede und Gerechtigkeit

  • Die Generation Mitte beklagt wachsende soziale Unterschiede und schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt.
  • Das Leistungsprinzip ist in den Wertvorstellungen der Generation Mitte fest verankert: Wer mehr leistet, soll auch mehr verdienen (72 Prozent); Arbeitslose sollen deutlich weniger bekommen als Berufstätige (66 Prozent); die Höhe der Altersversorgung soll sich nach der Höhe der Einzahlungen richten (52 Prozent).
  • Die 30- bis 59-Jährigen wollen Leistungsgerechtigkeit, nicht Gleichheit.
  • Dass jeder vom Lohn für seine Arbeit leben kann und dass für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bezahlt wird, gehört für die Generation Mitte zu den grundlegenden Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit. Allerdings sieht nur eine Minderheit diese Anforderungen als erfüllt an.

Migration und Integration

  • Die Studie zeigt, dass sich die Einstellungen zur Zuwanderung verschoben haben - die lange Zeit gewachsene gesellschaftliche Offenheit für Zuwanderung schrumpft.
  • Im Vergleich zu 2014 sehen weniger Befragte Zuwanderung als Beitrag zur Bewältigung des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels. Hingegen bejahen mehr Befragte einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Kriminalität
  • Für 30 Prozent der Befragten macht Zuwanderung die Gesellschaft offener und lebendiger – 29 Prozent meinen hingegen, Deutschland könne keine weiteren Ausländer mehr aufnehmen.
  • Weitgehende Einigkeit herrscht bei den Voraussetzungen für eine gelungene Integration: Gute Deutschkenntnisse sowie die Akzeptanz der Grundordnung und zentraler Wertvorstellungen.
  • Die Chancen für die Flüchtlinge, sich zu integrieren, bewerten zwei Drittel als weniger oder gar nicht gut.

Altersvorsorge

  • In der Generation Mitte wachsen die Zweifel, dass sich der Lebensstandard im Alter halten lässt. Die aktuelle Rentendebatte verschärft die Unsicherheit weiter.
  • 60 Prozent der 30- bis 59-Jährigen sorgen sich um ihren Lebensstandard im Alter, im vergangenen Jahr waren es noch 54 Prozent.
  • Die 30- bis 59-Jährigen kümmern sich nur unzureichend um ihre finanzielle Zukunftsplanung. Lediglich 9 Prozent meinen, die eigene finanzielle Zukunft 10 Jahre oder länger im Voraus planen zu können.
  • Die Generation Mitte ist sich der Auswirkungen des demografischen Wandels bewusst: Vier von fünf Befragten erwarten durch eine längere Lebensarbeitszeit und steigende Rentenbeiträge.

Quelle: n-tv.de