Panorama

Hochgeschwindigkeitszug in Nordspanien entgleist Zugunglück fordert Dutzende Todesopfer

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Hunderte Rettungskräfte versuchten, Opfer aus dem Zug zu befreien. Einige Waggons waren aber noch unzugänglich.

(Foto: REUTERS)

Nahe der spanischen Pilgerstadt Santiago de Compostela entgleist ein Zug. Dabei kommen mindestens 77 Menschen ums Leben, mehr als 130 werden verletzt. Teile des Zuges entgleisen und werden gegen eine Mauer geschleudert. Die Unfallkurve gilt als problematisch, der Zug soll zu schnell gewesen sein.

Bei dem schweren Zugunglück in der nordspanischen Region Galicien sind mindestens 77 Menschen ums Leben gekommen. Das sagte eine Sprecherin des Obersten Gerichts von Galicien. An der Unglücksstelle seien 73 Menschen gestorben, weitere vier Personen dann ihren Verletzungen im Krankenhaus erlegen. Bis zu 131 Menschen seien verletzt. In Spanien sind Gerichte für die Registrierung von Toten zuständig.

Der aus Madrid kommende Zug war am Mittwochabend um 20.42 Uhr am Stadtrand von Santiago de Compostela in einer Kurve entgleist. Alle 13 Waggons des Zuges wurden auseinandergerissen und entgleisten. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Mauer und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.

Medienberichten zufolge fuhr der Zug mehr als doppelt so schnell wie erlaubt. Die Zeitung "El País" berichtete, er sei mit 180 Stundenkilometer unterwegs gewesen, obwohl in der Kurve nur eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h erlaubt sei. Die beiden Lokführer überstanden das Unglück unverletzt. Einer von ihnen soll nach Informationen der Zeitung in einem Gespräch mit seinen Vorgesetzten immer wieder in sein Handy gerufen haben: "Wir sind entgleist! Was können wir tun?"

An Bord waren nach Angaben der staatlichen Eisenbahngesellschaft Renfe mehr als 220 Menschen. Die Zentralregierung in Madrid geht von einem Unfall aus und nicht von einem Anschlag. Einige Anwohner wollten jedoch kurz vor dem Entgleisen des Zuges einen lauten Knall oder eine Explosion gehört haben. Gleich nach dem Unglück stieg eine Rauchwolke über der Unfallstelle auf.

"Es ging alles so schnell"

"Es ist schockierend", sagte der Chef der Regionalregierung von Galicien, Alberto Nuñez Feijoo. "Das ist wie Dantes Inferno." Der Zug war auf dem Weg von Madrid nach El Ferrol im Nordwesten des Landes, als er aus den Schienen sprang. Viele Reisende fuhren zum Jakobsfest nach Santiago de Compostela. Die Feierlichkeiten zu Ehren des Apostels Jakob in der Stadt besuchen seit dem Mittelalter Tausende Pilger. Wegen des Zugunglücks wurden das Fest abgesagt.

"Angesichts der Tragödie in Santiago de Compostela am Vorabend seines großen Tages kann ich den Spaniern und Galiciern nur mein tiefstes Mitgefühl aussprechen", sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy. Er stammt selbst aus der Stadt und wollte zum Unglücksort reisen. Papst Franziskus rief in Brasilien, wo er sich seit Montag aufhält, zum Gebet für die Opfer des Unglücks auf. Das Kirchenoberhaupt sei "den Familien in ihrem Schmerz nahe", sagte Vatikansprecher Federico Lombardi in Rio de Janeiro, wo derzeit der katholische Weltjugendtag stattfindet. Auch Außenminister Guido Westerwelle zeigte sich "tief bestürzt". "Unser Mitgefühl ist mit den Familien und Angehörigen der Opfer. Ich wünsche den vielen Verletzten baldige Genesung", hieß es in einer Mitteilung.

An der Unfallstelle arbeiteten die ganze Nacht durch Rettungskräfte. Am frühen Morgen waren noch immer etwa 200 Einsatzkräfte bei der Suche nach möglichen Opfern in den Trümmern der Wagen. Zwei riesige Kranwagen waren an die Unfallstelle gebracht worden. Leichen lagen unter Decken neben den umgestürzten Wagen. Von den Wracks stieg Rauch auf. Feuerwehrleute kämpften sich durch die Trümmer. Sie versuchten, die Überlebenden durch die Fenster aus den zerstörten Wagen zu befreien. Die Bevölkerung wurde zu Blutspenden aufgerufen.

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Einige Waggons prallten gegen eine Mauer, andere verkeilten sich.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Es ging alles so schnell", berichtete ein Passagier im Hörfunksender Cadena Ser. Der Zug sei in einer Kurve entgleist, die Wagen hätten sich ineinandergeschoben. "Viele Menschen wurden zu Boden gedrückt. Wir haben versucht, ins Freie zu kommen. Dann haben wir gemerkt, dass der Zug in Flammen stand. Ich war im zweiten Wagen. Und dann war da das Feuer. Und dann habe ich die Leichen gesehen." Ein Augenzeuge berichtete, Anwohner hätten versucht, mit Werkzeugen und bloßen Händen Menschen aus dem Zug zu befreien.

"Problematische" Kurve

Die Bahngesellschaft Renfe und das staatliche Unternehmen Adif, das für die Schienen verantwortlich ist, erklärten, die Unglücksursache werde untersucht. Erkenntnisse könnte demnach die Auswertung der sogenannten Blackbox des Zugs bringen.

Die Katastrophe war das erste Unglück mit Todesopfern auf einem Abschnitt des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes. Experten hatten bei der Planung der Strecke darauf hingewiesen, dass die enge Kurve "problematisch" sei. Der Unglückszug war vom Typ Alvia. Die Züge dieser Art erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometer. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie sowohl auf der europäischen Normalspur des Hochgeschwindigkeitsnetzes als auch auf den traditionellen spanischen Breitspurgleisen fahren können.

In Regierungskreisen hieß es, zum Grund der Entgleisung werde es erst dann eine offizielle Stellungnahme geben, wenn der Fahrtenschreiber des Zuges ausgewertet sei. Es sei aber sehr wahrscheinlich ein Unfall gewesen und keine Sabotage oder ein Anschlag.

Auch wenn die Regierung von einem Unfall ausgeht, weckt die Katastrophe doch Erinnerungen an das Jahr 2004. Damals wurden bei Anschlägen von Islamisten auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet.

Quelle: n-tv.de, rts/dpa/AFP