Panorama
Homsexuell und kinderlos, diesen Automatismus gibt es nicht mehr.
Homsexuell und kinderlos, diesen Automatismus gibt es nicht mehr.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 01. Juli 2014

Wenn Homosexuelle Eltern sind: Zwei Mamas, eine Tochter und bald ein Baby

Von Solveig Bach

Mit dem Inkrafttreten der Sukzessivadoption für homosexuelle Paare werden Regenbogenfamilien wieder ein bisschen normaler. Lange schlossen sich Kinder und gleichgeschlechtliche Liebe aus. Doch inzwischen leben immer mehr Lesben und Schwule ihren Kinderwunsch.

In wenigen Wochen erwartet Manja Börstler ihr zweites Kind. Die Schwangerschaft der 31-Jährigen verläuft gut, seit die morgendliche Übelkeit überstanden ist. So langsam nimmt auch die Babyausstattung etwas Platz in der Vier-Zimmer-Wohnung ein, die die Ergotherapeutin gemeinsam mit ihrer fünfjährigen Tochter und ihrer Lebensgefährtin in Hannover-Ricklingen bewohnt. Sie sind das, was man inzwischen eine Regenbogenfamilie nennt.

Glaubt man der Statistik, lebten 2011 in Deutschland etwa 5700 Kinder in Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren. Familienforscher vermuten, es könnten bis zu 18.000 Kinder sein. Letztlich leben wohl etwa zehn Prozent aller gleichgeschlechtlichen Paare mit Kindern zusammen. Doch obwohl auch dann die Zahlen im Promillebereich liegen, stößt die Toleranz vieler Menschen an Grenzen, wenn sie sich vorstellen, dass ein homosexuelles Paar gemeinsam Kinder großzieht. Katja Irle hat dafür eine relative einfache Erklärung: "Das liegt schlicht und einfach daran, dass diese Familien gegen das traditionelle Idealbild verstoßen, das die Mehrheitsgesellschaft in sich trägt - Vater, Mutter, Kind." So seien die meisten Menschen sozialisiert worden, "davon können wir nur schwer wieder Abstand nehmen", meint die Autorin, die in ihrem Buch "Das Regenbogen-Experiment" den Trend zur gleichgeschlechtlichen Elternschaft untersucht hat.

Noch immer kommen die meisten Regenbogenkinder aus heterosexuellen Vorgängerbeziehungen ihrer Eltern und wachsen dann in der neuen homosexuellen Partnerschaft auf. Bis vor etwa 15 Jahren war das Coming out praktisch gleichbedeutend mit Kinderlosigkeit. Das hat sich geändert, sagt Irle im Gespräch mit n-tv.de. "Viele outen sich früher und sagen dann selbstbewusst: Ich möchte Kinder, es ist medizinisch möglich, warum also nicht?"

Wunschkind zweier Frauen

Auch Manja Börstler lebte nach der Beziehung zum Vater ihrer Tochter zunächst als alleinerziehende Mutter, bis sie merkte, dass sie mit einer Frau leben möchte. Ihr zweites Kind wird nun als Wunschkind in eine Mama-Mama-Konstellation hineingeboren. Ein Jahr hat es gedauert bis Börstler schwanger war. Den schließlich erfolgreichen Samenspender fand die Familie über das Internet, im November trafen sich alle Beteiligten, fanden sich sympathisch und besprachen alle Einzelheiten. Im Dezember wurde Börstler per Heiminsemination schwanger. Später soll ihre Tochter erfahren, wer ihr biologischer Vater ist. Der Kontakt soll erhalten bleiben, auch wenn den männlichen Part im Leben der Familie eher Freunde übernehmen werden.

Irles Buch ist im Beltz-Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro.
Irles Buch ist im Beltz-Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro.

Bei ihren zahlreichen Gesprächen mit schwulen und lesbischen Eltern hat Autorin Irle immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten Familien große Mühe geben, "das in der Elternkonstellation fehlende Geschlecht miteinzubeziehen". Den Männerpaaren falle das leichter, "weil das komplette Betreuungssystem in Deutschland weiblich ist". Doch auch die meisten Frauenpaare sorgen sehr selbstverständlich für eine Auswahl an Männermodellen in der Umgebung des Kindes. "Selten tun sich auch ein lesbisches und ein schwules Paar zusammen, weil sie überzeugt sind, ein Kind braucht Vater und Mutter. Da gibt es die sehr konservative Variante, bei der die Eltern zu viert zusammenleben im Interesse des Kindes."

Verbindung zu den Wurzeln

Die fehlende Verbindung zu einem biologischen Elternteil ist einer der  Punkte, den Kritiker der Regenbogenfamilien immer wieder aufführen. Auch Irle hat Paare gesprochen, bei denen der Dritte, also Samenspender oder Leihmutter, nicht Teil der Familiengeschichte sein soll. "Das finde ich hochproblematisch", sagt Irle. Zum einen haben Kinder ein gesetzlich verbrieftes Recht darauf, ihre Ursprünge zu kennen. Zum anderen sagten alle Experten unisono, "man muss dem Kind sagen, wo es herkommt". Aus der Adoptionsforschung wisse man inzwischen, dass es massive Identitätskrisen auslöst, wenn Kinder erst in der Pubertät die Wahrheit über ihre Herkunft herausfinden. Spätestens dann könnte das Familiengeheimnis eines verborgenen Elternteils erhebliche Sprengkraft entwickeln. Nicht zuletzt deshalb ist Irle dafür, "dass man auch den Kontakt ermöglichen sollte, wenn es irgendwie möglich ist". Mit dieser Problematik finden sich die Regenbogenfamilien plötzlich ganz nahe bei heterosexuellen Paaren wieder, die die Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen.

Lange wurde vermutet, dass Schwule und Lesben die schlechteren Eltern seien. Inzwischen weiß man: Für das gute Aufwachsen von Kindern sind andere Faktoren wichtiger als die sexuelle Orientierung der Eltern: der ökonomische und soziale Status der Eltern beispielsweise oder der Umgang der Partner miteinander. Sind diese Bedingungen gut, legen Studien sogar nahe, dass Kinder aus Regenbogenfamilien selbstbewusster durchs Leben gehen, einen etwas toleranteren Blick haben und emotional etwas stabiler sind als Kinder aus heterosexuellen Beziehungen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Eltern ihr Modell offen leben.

Manja Börstler und ihre Lebensgefährtin Ilka haben sich dafür entschieden, obwohl sie Befürchtungen hatten, ihr Lebensmodell könnte im katholischen Kindergarten ihrer Tochter nicht gut ankommen. "Da hatte ich richtig Schiss", erzählt Börstler von dem Tag, als sie ihrer Partnerin eine Vollmacht zum Abholen erteilte. Doch nachdem in einer Gruppensitzung geklärt war, dass ihre Tochter jetzt zwei Mamas hat, fieberte die ganze Kita zunächst der Schwangerschaft und nun dem Baby entgegen. Auch aus der Firma, in der Ilka arbeitet, bekommt das Paar Unterstützung. So ist der obligatorische Vaterurlaub, wenn das Baby kommt, schon genehmigt.

Rechtlicher Eiertanz

Nun ist Manja Börstlers größte Sorge, dass ihr Baby gesund ist und "dass es kein Kaiserschnitt wird". In der Geburtsurkunde der Kleinen wird stehen: Vater unbekannt. Denn Manja Börstler und ihre Partnerin wollen heiraten, nur dann kann Ilka das gemeinsame Baby auch mit allen Rechten und Pflichten adoptieren.

Das deutsche Rechtssystem ist bisher auf die Regenbogenfamilien kaum vorbereitet. Immer wieder schafft das Bundesverfassungsgericht Präzedenzfälle, die die Politik dann in geltendes Recht umsetzen muss. Zum 1. Juli tritt ein Gesetz in Kraft, das Lebenspartnern die Sukzessivadoption erlaubt. Ein Partner darf ein Kind adoptieren, das der andere Partner bereits adoptiert hat. Das gemeinsame Adoptionsrecht, der letzte rechtliche Schritt zur Gleichstellung, bleibt jedoch nach wie vor heterosexuellen Eheleuten vorbehalten.

Währenddessen schafft das Leben immer öfter Fakten. Neulich fragte Manja Börstlers Tochter, wann denn Papitag sei. Als sie erfuhr, dass der Vatertag bereits einen Tag zurückliegt, startete sie mit dem Projekt in den Nachmittag, jetzt aber ganz schnell etwas für Ilka zu basteln.

"Das Regenbogen-Experiment" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de