11.September

Auf der Suche nach einem Toten Der "Fallende Mann" von New York

Es sind die schrecklichsten Momente eines ohnehin furchtbaren Verbrechens: Am 11. September 2001 stürzen sich verzweifelte Menschen aus den brennenden Türmen des World Trade Centers. Vor allem das Foto eines fallenden Mannes geht um die Welt. Seine Identität ist bis heute ungeklärt, das Bild wurde zum Symbol der Opfer der Terroranschläge.

Falling man.jpg

(Foto: AP)

Ein letzter Blick über die Dächer von Manhattan, bevor er in den Tod springt. Es ist die Stadt, in der er lebt, der "Big Apple", wo angeblich Träume wahr werden können - und die jetzt zum Ziel von Terroristen geworden ist. Wenige Stockwerke unter ihm, im Nordturm des World Trade Centers, steigt beißender Rauch aus einem riesigen Loch, von innen zerfressen Flammen den Wolkenkratzer. Vor ihm hatten sich schon andere Menschen aus dem brennenden Nordturm des World Trade Centers gestürzt. Er sieht von oben, wie sie auf dem Asphalt aufschlagen. Er sieht die vielen Blaulichter am Boden. Er sieht die Feuerwehrleute und Polizisten, die in die beiden Türme rennen. Die Uhr zeigt 9:41. Er fällt eine einsame Entscheidung.

Was diesen "Fallenden Mann", wie man ihn später nennen wird, von den vielen anderen Menschen unterscheidet, die am 11. September aus den oberen Etagen des World Trade Centers springen, ist ein Foto. Der US-amerikanische Fotograf Richard Drew hat es gemacht, er war an diesem Tag für die Nachrichtenagentur AP unterwegs. Drew fotografiert viele "Springer", doch dieser Mann sticht heraus: Er wirkt entspannt, das rechte Bein ist angewinkelt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Fast so, als würde er vor der glitzernden Aluminium-Fassade des Turms meditieren, nicht in den sicheren Tod stürzen. Für den erfahrenen Fotografen Drew eine fast magische Komposition. "Das Bild hat mich einfach angesprungen, wegen seiner vertikalen Symmetrie", sagt Drew später. "Es hatte einfach diesen Look."

Starkes Bild und noch stärkere Reaktionen

AP060720034317.jpg

Richard Drew (links) zeigt ein Bild vom Tag der Katastrophe.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Drews Bild geht an sämtliche Medien weltweit und wird in beinahe allen US-amerikanischen Zeitungen am nächsten Tag abgedruckt. Für den erfahrenen Foto-Reporter ist es nicht das erste Mal, dass seine Aufnahme eines Sterbenden um die Welt geht: Drew stand direkt hinter Senator Robert Kennedy, als er erschossen wurde. Seine Jacke von damals mit den Blutflecken Kennedys hat er noch heute.

Doch die US-Amerikaner reagieren auf das Bild anders, als die Medienmacher erwartet hatten: Sie sind schockiert, empört, wütend. Den Freitod eines Menschen so unmittelbar zu zeigen sei pietätlos, meinen viele. Drews Foto wird danach lange nicht mehr öffentlich gezeigt, teilweise sogar regelrecht aus den Redaktionen verbannt.

Unklar bleibt, wer der Mann auf dem Bild ist. Peter Cheney, ein Reporter des "Globe and Mail" aus Toronto, will es wissen und beginnt zu recherchieren. Am Ground Zero findet er unter den vielen Fotos, mit denen Vermisste gesucht werden, ein Foto: Ein kräftiger Mann mit dunklem Teint und Bärtchen. Ganz ähnlich wie der "Fallende Mann". Cheney ist sich sicher: Der Gesuchte heißt Norberto Hernandez. Er war Koch im weltberühmten Restaurant "Windows to the World" im Nordturm des World Trade Centers.

Zwei Reporter suchen nach der Identität

Cheney glaubt, die Geschichte seines Lebens gefunden zu haben. Hernandez' Schwester bestätigt, dass es ihr Bruder auf dem Foto ist. Man findet Überreste von Norberto Hernandez’ Leiche: einen Arm und den Oberkörper. Bei der Beerdigung will Cheney auch eine Bestätigung von dessen Frau einholen – doch die trauernde Familie jagt den Reporter davon. Jacqueline, die älteste Tochter des Verstorbenen, brüllt Cheney an: "Dieses Stück Scheiße ist nicht mein Vater."

Diese Erinnerung teilt der verwirrte Journalist später mit seinem Kollegen Tom Junod. Der schreibt für das seriöse Magazin "Esquire". Nun will auch Junod wissen, wer der "Fallende Mann" ist. Auch er begibt sich auf die Suche. Junod spricht mit Hinterbliebenen, vergleicht viele Fotos von Opfern des Anschlags, prüft viele Hinweise und führt etliche Telefonate. Doch seine Suche führt ihn immer wieder zurück zum Restaurant "Windows to the World" – ganz falsch hatte Peter Cheney also nicht gelegen.

Ein verzweifelter Vater, eine tapfere Mutter

Am Ende ist nur noch ein Name auf seiner Liste übrig: Jonathan Briley. Der 43-Jährige war ein Kollege von Norberto Hernandez. Die beiden Männer hatten seit Jahren zusammengearbeitet, auch an ihrem Todestag waren sie zusammen. Briley passt vom Typ her zum "Fallenden Mann": Kräftig, schlank, dunkle Haut, das Bärtchen.

AP01091105271.jpg

Rund 200 Menschen sprangen am 11. September aus den brennenden Türmen des World Trade Center.

(Foto: AP)

Junod kontaktiert Brileys Familie. Der Vater, ein Baptistenprediger, ist noch immer am Boden zerstört, er hadert nach dem Tod seines Sohnes mit Gott. Über Junods Theorie zum "Fallenden Mann" kann und will er nicht sprechen. Brileys Mutter nimmt all ihren Mut zusammen und vertraut sich dem Reporter an: Ja, sagt sie, der Mann auf dem Bild könnte ihr Sohn sein.

Junod spricht auch mit Brileys Schwester, Gwendolyn. Sie schaut auf das Bild und sagt: "Das ist Jonathan!"  Wenig später finden Bergungskräfte die Leiche von Jonathan Briley. Er trägt schwarze Turnschuhe mit hohem Schaft – genauso wie der "Fallende Mann".

Fast alles passt zusammen

Fast alle Puzzleteile passen, Junod hat seinen journalistischen Erfolg … doch dann geschieht etwas, womit er nicht gerechnet hat. Brileys Familie will nicht, dass ihr verstorbener Sohn zum "Fallenden Mann" erklärt wird. "Es geht nicht darum herauszufinden, wer er war", sagt Gewndolyn. "Es geht darum, was uns sein Tod bedeutet."

Und Junod lenkt ein. Trotz starker Indizien erklärt er die Identität des "Fallenden Mannes" für unaufklärbar. Das Bild sei wie das Denkmal des Unbekannten Soldaten, schreibt Junod. Es stehe für all die Menschen, die am 11. September 2001 dem Terror zum Opfer fielen: Für die, die in den Tod sprangen, die unter den Trümmern der Türme begraben wurden, die beim Angriff mit dem dritten Flugzeug auf das Pentagon starben und die das vierte Flugzeug zum Absturz brachten.

Und mehr, so Junod heute, brauche man auch nicht zu wissen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema