11.September

Dschihadisten in Deutschland "Gotteskrieger" als Familienersatz

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"Wenn ein junger Mensch dann an Dschihadisten gerät, ist es nur ein kurzer Schritt zum Terrorismus." - Hier im Bild: die Terroristen der Sauerland-Gruppe auf dem Weg zum Haftprüfungstermin in Karlsruhe.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die "Sauerland-Gruppe" plante einen der größten Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Ihr Anführer, Fritz Gelowicz, wuchs als Sohn einer Ärztin und eines Unternehmers auf. Er scheiterte am Gymnasium, nahm später aber doch ein Studium auf. Mit 16 Jahren konvertierte er zum Islam. Im September 2007 wurden Gelowicz und seine Mitstreiter im Sauerland festgenommen - wegen der Planung von Terroranschlägen müssen sie bis zu zwölf Jahre ins Gefängnis. Es bleibt die Frage: Warum werden westlich geprägte Männer wie Gelowicz zu glühenden Dschihadisten?

In der islamistischen Szene in Deutschland misst das Bundesamt für Verfassungsschutz radikalisierten Konvertiten - also zum Islam gewechselten Menschen - und Migranten aus der zweiten oder dritten Generation eine besondere Bedeutung zu. Wissenschaftler suchen Erklärungsansätze in den Biografien der Betroffenen.

Brüche in der Biographie

Der Terrorismusexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik beobachtet "ganz oft Brüche in der Biografie" von in der Bundesrepublik aufgewachsenen Dschihadisten. "Ganz viele Integrationsversager sind darunter, Menschen, die sehr früh in ihrem Leben begreifen, dass es dort ein Problem gibt", sagt er. "Das können türkische, kurdische, arabische Zuwanderer sein, die sehr früh in unserem Schulsystem scheitern, dann in die Drogenszene abrutschen und irgendwann ein Erweckungserlebnis haben." Radikal-islamische Kreise wie Salafisten böten ihnen dann Gemeinschaft und Geborgenheit, Sinn und Identität. Häufig komme auch noch Abenteuerlust hinzu.

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Ein Kind aus einer zerrütteten Familie: Fritz Gelowicz mit seinen Anwälten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei radikalisierten Konvertiten handele es sich häufig um Kinder aus zerrütteten Familien, meint Steinberg. Sie hätten oft jeden Halt verloren und fänden dann Geborgenheit bei Menschen, die ihnen den Islam oder den dschihadistischen Islam nähergebracht hätten. Als Beispiel führt er Gelowicz an - dessen Eltern hatten sich scheiden lassen, mit seinem Vater lag Gelowicz im Clinch. "Der wurde von seinem Freund Tolga Dürbin in dessen Großfamilie aufgenommen, und dem hat das ungeheuer gut gefallen." Der zweite Schritt war der, in die Moschee zu gehen. "Wenn ein junger Mensch dann an Dschihadisten gerät, ist es nur ein kurzer Schritt zum Terrorismus."

Emotionaler Halt im Männerbund

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer führt tiefe Kränkungen und eine narzistische Störung, die ihre Wurzeln in der Kindheit hat, als mögliche Ursachen dafür an, dass junge Männer zu Attentätern werden. Eine Rolle spiele mangelndes Einfühlungsvermögen der Eltern für ihr Kind - insbesondere eine gescheiterte Beziehung zum Vater. "Der Islam bietet eine korrigierende Erfahrung der Aufnahme in einen mächtigen Männerbund", schreibt Schmidbauer in seinem Buch "Psychologie des Terrors". Auch Gelowicz habe nach der Scheidung der Eltern den emotionalen Halt in seinem Herkunftsmilieu verloren.

Die Pädagogin Saskia Lützinger kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie befragte 39 extremistische Täter - darunter sechs Islamisten. "In allen Fällen standen deutlich familiäre Belastungen im Hintergrund, die sich in Suchterkrankungen der Eltern, Verlusterlebnissen und schwerster häuslicher Gewalt ausdrückt", heißt es in der Studie "Die Sicht der Anderen". Egal, welche Szene betrachtet wurde: "In keinem Fall kann von einem intakten Elternhaus gesprochen werden."

Kontakt durch Zufall

Meistens hätten die Befragten eher zufällig Kontakt zur Szene bekommen. Die eigene politische Haltung sei dabei nicht das Hauptmotiv gewesen, sondern die Suche nach "sozialem Rückhalt, Verständnis und Struktur". Mit den Erwartungen der Clique konfrontiert, seien die in der Szene herrschenden Sichtweisen und Argumentationsweisen übernommen worden. Auffallend häufig hätten die Befragten die Clique als "Familie" bezeichnet, stellt Lützinger fest: "Die Clique ersetzte im wahrsten Sinne des Wortes die Familie."

Quelle: n-tv.de, Bettina Grachtrup, dpa

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