Politik

Japan vorerst ohne Atomkraft Alle Reaktoren stehen still

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Das AKW Tomari geht vorerst vom Netz.

(Foto: AP)

Am Samstag ist es soweit: Zum ersten Mal seit 42 Jahren muss Japan auf Atomstrom verzichten. Der letzte der Reaktoren wird zu Wartungsarbeiten heruntergefahren. Ans Netz dürfen die Anlagen erst wieder, wenn die lokalen Regierungen zustimmen. Doch die sind alles andere als begeistert.

Erstmals seit mehr als 40 Jahren wird die weltweit drittgrößte Industrienation Japan ab diesem Wochenende frei von Atomstrom sein. Zumindest bis auf weiteres. Am Samstag wird der letzte der insgesamt 54 Reaktoren in Japan im Kraftwerk Tomari auf der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido zu routinemäßigen Wartungsarbeiten heruntergefahren. Die hat das jahrzehntelange Vertrauen der Bürger in die Sicherheit der Atomkraft schwer erschüttert und ein grundlegendes Überdenken der Energiepolitik erzwungen.

Das Herunterfahren des Kraftwerks Tomari erfolgt kurz vor einem langen, schwülheißen Sommer, in dem die Bewohner des fernöstlichen Inselreiches wie in jedem Jahr wieder Millionen von Klimaanlagen zum Rotieren bringen - mit dem Risiko, dass es zu Stromengpässen kommt. Die Regierung bereitet sich denn auch schon vorsorglich auf kontrollierte Stromabschaltungen und Verbrauchsbeschränkungen ein, während Konzerne wie Komatsu und Toray eigene Generatoren aufstellen, um die absehbare Versorgungslücke zu schließen. Schon befürchten führende Vertreter der Wirtschaft angesichts des Strommangels und steigender Energiepreise eine beschleunigte Abwanderung der Produktion aus Japan ins Ausland.

Industrie befürchtet Energieengpass

"Das Risiko wird zu groß, in Japan zu produzieren, wenn es ewig so ein großes Energieproblem mit sich herumschleppt", klagte Masahiro Sakane, Chef des Industriekonzerns Komatsu, nach Angaben der Zeitung "Mainichi Shinbun" bei einer Jahresversammlung des Atomindustrieverbands. Alles Unsinn, meinen dagegen Umweltschützer: "Trotz der Abschaltung aller Atomreaktoren ist die Stromversorgung in Japan nicht bedroht", behauptet Hisayo Takada, Klima- und Energieexperte bei Greenpeace Japan. Die Stromnachfrage im bevorstehenden Sommer könne nicht zuletzt mit einer Energieeinsparung und effizienter Nutzung gedeckt werden.

Kritiker beklagen die trotz des Fukushima-GAUs weiterhin allerorten zu beobachtende Verschwendung von Strom. Das fängt schon im Kleinen an: Ob die Millionen von oft rund um die Uhr beheizten Klobrillen, die unzähligen beleuchteten Werbeschilder oder die an so gut wie jeder Straßenecke im Lande stehenden Selbstbedienungsautomaten mit wahlweise kochendheißen oder auf Eiseskälte heruntergekühlten Getränkedosen.

Vor der dreifachen Kernschmelze in Fukushima in Folge eines schweren Erdbebens und Tsunamis vom März vergangenen Jahres hatte Japan rund 30 Prozent seines Stromverbrauchs mit Atomkraftwerken abgedeckt. Und es gab Pläne, ihren Anteil an der Stromversorgung des Landes durch den Bau weiterer AKWs bis 2030 auf mehr als 50 Prozent anzuheben. Doch diese Pläne sind durch die massive Freisetzung von Radioaktivität nach dem GAU in Fukushima, in dessen Folge Zehntausende von Menschen flüchten mussten, über den Haufen geworfen.

In den folgenden Monaten wurden zahlreiche Atomreaktoren im ganzen Land zur routinemäßigen Wartung, die in Japan alle 13 Monate ansteht, In Japan läuft noch ein AKW . Ans Netz kommen die Anlagen erst wieder, wenn die lokalen Regierungen zugestimmt haben. Seit der Atomkatastrophe in Fukushima ist dies jedoch angesichts der inzwischen großen Sorgen der Bevölkerung über die Sicherheit der Atomkraftwerke nicht mehr geschehen. Zudem ist der Genehmigungsprozess äußerst zeitaufwändig.

Provinzen bleiben skeptisch

Die Regierung versuchte bisher vergeblich, die umliegenden Provinzen zu überzeugen, zwei heruntergefahrene Kernreaktoren im Atomkraftwerk Oi in der Provinz Fukui wieder in Betrieb zu nehmen. Die beiden Reaktoren sind die ersten, die seit der Atomkatastrophe von Fukushima vom Staat für sicher erklärt worden sind. Die Betreiberkonzerne haben derweil als Ersatz für Atomstrom alte Thermalkraftwerke wieder angefahren. Der dazu notwendige Import von Brennstoffen wie Erdgas und Rohöl verursacht allerdings enorme Kosten und hat mit dazu beigetragen, dass das Land im vergangenen Jahr erstmals seit mehr als 30 Jahren ein Handelsbilanzdefizit auswies.

Kritiker des Atomstromausfalls führen neben den wirtschaftlichen Folgen auch den drohenden Anstieg des CO2-Emissionen durch den gestiegenen Verbrauch an Öl und Erdgas an. Umweltschützer halten dagegen: Nach einer Studie von Greenpeace kann Japan dauerhaft auf alle Atomreaktoren verzichten und trotzdem seine CO2-Reduktionsziele erreichen, nämlich durch größere Energieeffizienz, einen Ausbau erneuerbarer Energien und einem intelligenten Nachfragemanagement. Das Inselreich Japan verfüge sowohl über jede Menge Ressourcen an alternativen Energieträgern wie auch über modernste Technologien.

Zwar ist die Zustimmung der Bürger für ein Wiederanfahren der Atomreaktoren gesetzlich nicht zwingend, doch die Regierung von Ministerpräsident Yoshihiko Noda fürchtet die Quittung der Wähler, wenn es deren Meinung ignoriert. In Umfragen spricht sich eine Mehrheit gegen ein Wiederanfahren der Oi-Reaktoren aus. Ein Ausstieg aus der Atomkraft wie ihn Deutschland beschloss, ist das noch nicht.

Quelle: n-tv.de, Lars Nicolaysen, dpa

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