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"Die Flugverbotszone ist errichtet" Allianz bombardiert Gaddafis Truppen - NATO streitet

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Angriffe "erfolgreich": Zwischen Bengasi und Adschdabijah wurden viele Fahrzeuge des libyschen Regimes zerstört.

(Foto: REUTERS)

Frankreich, Großbritannien und die USA greifen mit massiven Luftschlägen die Truppen des libyschen Diktators Gaddafi an und zerstören offenbar weite Teile der Flugabwehr und seiner Bodentruppen. Katar will sich als erstes arabisches Land beteiligen, die NATO kann sich weiter nicht auf einen Einsatz einigen. Das libysche Staatsfernsehen berichtet von dutzenden Toten. Die Arabische Liga und Russland kritisieren die zivilen Opfer heftig. Diktator Gaddafi schimpft in wirren Botschaften über die "neuen Nazis" und verteilt Waffen an sein Volk. Das Regime erklärt am Abend eine einseitige Waffenruhe.

Mit massiven Einsätzen der Luftwaffe und von Marschflugkörpern hat eine internationale Streitmacht am Wochenende damit begonnen, den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi zu entwaffnen. Libyen reagierte zunächst mit heftigen Drohungen, verkündete dann aber eine einseitige Waffenruhe.

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"Die Flugverbotszone ist errichtet": Mullen zeigte sich zufrieden mit den ersten Angriffen.

(Foto: AP)

An dem Militärschlag beteiligten sich unter anderem die USA, Frankreich, Großbritannien, Italien und Dänemark. Die NATO konnte sich dagegen auch in stundenlangen Verhandlungen zunächst nicht auf eine Beteiligung einigen. Arabische TV-Sender meldeten, über dem Stützpunkt Bab al-Asisija in Tripolis sei am Abend Rauch aufgestiegen. Dort lebt Gaddafi mit seiner Familie.

"Die Flugverbotszone ist errichtet", erklärte US-Generalstabschef Mike Mullen. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die libysche Luftwaffe aktiv sei oder Gaddafi einen Einsatz chemischer Waffen vorbereite. Mullen sprach von einem "Erfolg" der Aktion. Die libysche Luftabwehr sei ausgeschaltet. Mullen betonte, der Einsatz habe ein klares und begrenztes Ziel. Es sei dennoch nicht zu sagen, wie lange die Angriffe noch dauern würden.

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Operation "Odyssey Dawn": Ein US-Soldat bereitet einen Kampfhubschrauber auf seinen Einsatz vor.

(Foto: AP)

Dem libyschen Staatsfernsehen zufolge wurden bei Angriffen 64 Menschen getötet und rund 150 verletzt, darunter viele Zivilisten. Es gab keine Möglichkeit, die Angaben unabhängig zu bestätigen.

Kritik an zivilen Opfern

Die Arabische Liga kritisierte mögliche Opfer unter den Zivilisten scharf. Dies sei nicht die Art von Flugverbotszone, die das Staatenbündnis unterstützt habe, erklärte Generalsekretär Amr Mussa. Er kündigte eine Dringlichkeitssitzung der Gemeinschaft an, die den westlichen Bemühungen um ein Eingreifen vor einer Woche noch einen entscheidenden Schub verliehen hatte. "Wir wollen einen Schutz der Zivilbevölkerung, nicht ihren Beschuss", betonte Mussa. Russland rief die Allianz zu einem Ende ihrer Luftangriffe auf, die nicht-militärischen Zielen gälten. Unter anderem seien eine medizinische Einrichtung, Straßen und Brücken bombardiert worden.

Die Allianz setzte ihre Angriffe auch am Sonntag fort. Zudem machte sich der Flugzeugträger "Charles de Gaulle" mit 20 Kampfflugzeugen auf den Weg ins südliche Mittelmeer. Französische Flieger griffen als erste Panzerverbände der Gaddafi-Truppen in der Nähe der Rebellenhochburg Bengasi an. Amerikanische und britische Kampfschiffe sowie U-Boote feuerten zudem mehr als hundert Marschflugzeuge auf Luftabwehrstellungen der Streitkräfte in der Nähe von Tripolis und Misrata ab. Nach Angaben von Augenzeugen säumen nach den Angriffen ausgebrannte Panzer und verkohlte Leichen die Straße von der Rebellenhochburg Benghasi nach Adschdabijah.

Katar schickt vier Flugzeuge

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Ein Luftschlag trifft Wagen der Gaddafi-Anhänger.

(Foto: REUTERS)

Der Militäreinsatz dient nach den Worten Mullen nicht dem Sturz Gaddafis. Ziel sei es, die libysche Zivilbevölkerung zu schützen. Um die Kampfkraft der Gaddafi-Truppen zu schwächen, plane die internationale Koalition, deren Nachschublinien anzugreifen. "Seine Truppen sind recht gut verteilt zwischen Tripolis und Bengasi", sagte Mullen mit Blick auf die Hauptstadt im Westen des Landes und die Rebellenhochburg im Osten. Ab Montag werde versucht, den logistischen Nachschub zu unterbrechen. "Wir sind jetzt in einer Situation, in der das, was wir machen, zum Teil davon abhängt, was er macht", fügte Mullen mit Blick auf Gaddafis Strategie hinzu.

An dem internationalen Militäreinsatz auf Grundlage der UN-Resolution 1973 sind mehrere Staaten beteiligt. Deutschland hatte sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat enthalten und lehnt einen Einsatz von Bundeswehrsoldaten in dem Konflikt ab.

Auch das arabische Emirat Katar kündigte seine Beteiligung an. "Wir werden das tun, denn es müssen auch arabische Staaten etwas unternehmen. Die Lage ist unerträglich", sagte Ministerpräsident Scheich Hamad bin Dschassim al-Thani dem Fernsehsender Al-Dschasira. Nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums hat Katar beschlossen, sich mit vier Flugzeugen zu beteiligen.

NATO bleibt zerstritten

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Frankreich schickt seinen Flugzeugträger in die Region.

(Foto: AP)

Die NATO streitet derweil weiter über einen Einsatz in Libyen. Bei einer Sondersitzung konnten sich die NATO-Botschafter in Brüssel nicht auf ein Mandat zur Überwachung der Flugverbotszone in Libyen einigen. Mehrere Länder hätten Bedenken. Die Sitzung soll am späten Abend fortgesetzt werden.

Bislang bombardiert eine von Frankreich, Großbritannien und den USA geführte Koalition militärische Ziele in Libyen. Wichtige NATO-Mitglieder wie Deutschland und die Türkei beteiligen sich aber nicht an der Militäroperation. Großbritannien hat gefordert, dass das Kommando über den Militäreinsatz in Libyen möglichst schnell von den USA auf die NATO übergehen soll. Dagegen wehrt sich Frankreich laut Diplomaten gegen eine zu starke Rolle der NATO, weil das Bündnis einen schlechten Ruf in der arabischen Welt habe.

Gaddafis wirre Botschaften

Der seit 41 Jahren herrschende Gaddafi verurteilte den internationalen Militäreinsatz als terroristisch und sprach von einem "kolonialen Feind". "Wir werden unser Land nicht verlassen und wir werden es befreien", erklärte er in einer im staatlichen Fernsehen übertragenen Rede. Der Sender spielte nur seine Stimme ein, ohne Bilder von ihm zu zeigen. "Dies ist nun eine Konfrontation des libyschen Volkes mit Frankreich, Großbritannien und den USA, mit den neuen Nazis", erklärte er weiter. "Wir sind zu einem langen, ruhmreichen Krieg bereit. Wir werden euch besiegen", drohte er an die westliche Allianz gewandt. "Wir kämpfen in unserem Land, wir verteidigen unsere Ehre", führte er weiter aus. Die alliierten Kräfte bezeichnete er als "Monster" und "Kriminelle". "Ihr werdet stürzen, wie Hitler gestürzt ist. Alle Tyrannen stürzen."

Tausende Zivilisten folgten Gaddafis Aufruf und bildeten um sein Hauptquartier sowie wichtige Einrichtungen wie den Flughafen menschliche Schutzschilde. Alle Libyer stünden nun unter Waffen und verteidigten ihr Land, verkündete Gaddafi. Nach seinen Angaben habe die Regierung mit der Verteilung von Waffen an eine Million Bürger begonnen.

Bengasi befreit, Misrata umkämpft

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Die Aufständischen bejubeln die Angriffe der Allianz und konnten rund um Bengasi offenbar Gaddafis Truppen zurückschlagen.

(Foto: REUTERS)

Am Abend verkündeten die libyschen Streitkräfte dann überraschend erneut eine Waffenruhe. Man folge damit einem Aufruf der Arabischen Liga. Allerdings hatte Libyen bereits am Freitag eine Waffenruhe verkündet, dann aber selbst nicht befolgt. Am Sonntag setzten die libyschen Truppen ihre Angriffe auf Regimegegner noch fort. Truppen des Machthabers drangen nach Augenzeugenberichten in das Zentrum der von Rebellen gehaltenen Stadt Misrata ein, die etwa 200 Kilometer östlich von Tripolis liegt. Mehrere Menschen seien bei den Gefechten getötet worden, sagte ein Anwohner. "Es gibt so viele Opfer, dass wir sie nicht zählen können", sagte ein Sprecher der Rebellen. Experten hatten davor gewarnt, dass sich Gaddafi unter einem Flugverbot vor allem auf Bodentruppen stützen werde, um seine Offensive voranzutreiben.

Dagegen triumphierten die Rebellen in der östlichen Großstadt Bengasi, von der Gaddafi nach den Luftangriffen zunächst abließ. Auf einer der Zubringerstraßen wurden 16 Leichen in nächster Nähe zu ausgebrannten Fahrzeugen der libyschen Streitkräfte gefunden. "Die Allianz rupft Gaddafis Federn, so dass er nicht mehr fliegen kann", sagte ein 52-jähriger Rebell, der mit Granatwerfer bewaffnet neben den Wracks stand. "Die Revolutionäre werden ihm den Hals durchschneiden."

Noch vor Beginn des internationalen Militäreinsatzes hatten Gaddafis Truppen einen Überraschungsangriff auf Bengasi unternommen. Die Kämpfe reichten bis dicht ans Zentrum der Stadt heran, der Angriff konnte von den Aufständischen aber abgewehrt werden. Mindestens 90 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, sagten Krankenhausärzte dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira.

Westerwelle verteidigt Enthaltung

Außenminister Guido Westerwelle setzte sich unterdessen gegen Vorwürfe zur Wehr, die Regierung habe sich mit ihrer Enthaltung bei der Libyen-Abstimmung im UN-Sicherheitsrat international isoliert. "Deutschland steht mit dieser Haltung nicht alleine in Europa", sagte Westerwelle. Es gebe eine Reihe von Partnerländern auch in der Europäischen Union, die die deutsche Position teilten und die Bedenken gegen eine Beteiligung am Militäreinsatz gegen die Truppen des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi verstünden. Als Beispiel nannte er Polen. "Und deshalb ist der Eindruck, Deutschland sei in Europa oder auch in der internationalen Gemeinschaft isoliert, völlig falsch", sagte Westerwelle.

Quelle: n-tv.de, tis/dpa/AFP/rts

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