Politik

Goldene Moschee zerstört Angst vor Bürgerkrieg

Unbekannte Attentäter haben die Goldene Moschee von Samarra, eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer im Irak, zerstört. Der Anschlag dürfte die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten noch erhöhen und könnte das Land an den Rand eines Bürgerkriegs treiben.

Die Täter gingen so vor, dass zwar niemand verletzt, der Schrein in der nordirakischen Stadt aber weitgehend zerstört wurde. Prominente Schiiten riefen zu Massenprotesten auf. Demonstranten schworen den Tätern - die sie unter den Sunniten vermuteten - Rache und Vergeltung.

Die Spannungen zwischen den beiden moslemischen Gemeinschaften sind ohnehin groß und lähmen derzeit die Bildung der ersten Regierung auf der Basis des neu geordneten Iraks.

Keine Toten gefunden

Die Attentäter waren im Morgengrauen in die Goldene Moschee eingedrungen und hatten Sprengsätze gelegt. Gezündet wurden sie offenbar von außerhalb. Unter den Trümmern der mit Gold bedeckten Kuppel wurden keine Menschen gefunden, die Wachen waren vor dem Gebetshaus gefesselt worden. Angaben des Innenministeriums zufolge trugen die Attentäter Polizeiuniformen, was in jüngster Zeit wiederholt vorkam.

Bislang liegt kein Bekennerschreiben vor. Zehn Menschen seien festgenommen worden, berichtete der staatliche Fernsehsender Irakija unter Berufung auf den Nationalen Sicherheitsberater Mowaffak al-Rubaie. Dieser - ein Schiite - lastete die Tat Sunniten an. "Aber es wird ihnen nicht gelingen, das irakische Volk in einen Bürgerkrieg zu treiben", betonte er im Fernsehsender Al-Arabija.

Schrein liegt in Schutt und Asche

Samarra liegt rund hundert Kilometer nördlich von Bagdad und zählte nach dem Einmarsch der US-Truppen lange zu den Hochburgen sunnitischer Rebellen. Die Stadt wurde im Oktober 2004 aus Rebellen-Hand befreit, in jüngster Zeit gab es dort aber wiederholt Anschläge auf schiitische Pilger. Die beiden dort begrabenen Imame aus dem neunten Jahrhundert werden auch von den Schiiten im Iran verehrt. Auf schiitischen Internetseiten hieß es, Reliquien der beiden Toten seien beschädigt worden, darunter ein Helm und ein Schild.

Luftaufnahmen des US-Militärs zeigten das äußere Ausmaß der Schäden: Die Explosion reduzierte die zwischen zwei Minaretten aufragende goldene Kuppel auf Mauerreste, aus denen Stahlträger herausragten. Auch die benachbarten Gebäude sind beschädigt.

Sistani warnt vor Rache

Die Schiiten im Land reagierten schockiert und entsetzt. Das geistliche Oberhaupt der Gemeinschaft im Land, Groß-Ajatollah Ali al-Sistani rief in einer für ihn ungewöhnlichen Reaktion zu Demonstrationen auf und erklärte eine Trauerzeit von sieben Tagen. Der einflussreiche Sistani gilt als moderater Geistlicher. Vergeltungsschläge gegen Sunniten hat er bislang stets zu verhindern versucht. Auch jetzt forderte er seine Anhänger wieder dazu auf, es während der Proteste nicht zu Gewalt kommen zu lassen. Er verlangte insbesondere, keine Racheakte gegen sunnitische Moscheen zu begehen.

Während Sistani sich in seinem Büro in Nadschaf mit hochrangigen Vertretern der Schiiten beriet, versammelten sich tausende Menschen vor dem Gebäude und forderten: "Steht auf, Schiiten! Rächt Euch! Wehrt euch!" Schiiten waren wiederholt das Ziel sunnitischer Attentäter. So wurden 2004 wurden während eines schiitischen Pilgerfestes 170 Menschen getötet.

Angriffe auf sunnitische Moscheen

Die sunnitische Islam-Partei (IIP) registrierte als Reaktion auf den Terroranschlag 29 Angriffe gegen sunnitische Moscheen im Irak. Einer Organisation sunnitischer Geistlicher zufolge wurden allein in der Hauptstadt drei sunnitische Moscheen angegriffen. In einem Fall beschossen Unbekannte das Zugangstor zu einer Gebetsstätte und setzten es in Brand.

In der mehrheitlich schiitischen Stadt Basra im Süden des Landes feuerten der Polizei zufolge Unbekannte auf das Büro der größten sunnitischen Gruppe, der Irakischen Islamischen Partei. Eine sunnitische Moschee in der Stadt wurde durch Werfergranaten beschädigt, berichteten Augenzeugen. Auch kam es zu einem Schusswechsel zwischen Sunniten und schiitischen Kämpfern.

In Samarra sammelten sich unmittelbar nach dem Anschlag rund 1.000 wütende Menschen auf den Straßen. Die Polizei versuchte nach eigenen Angaben, die Menge mit Warnschüssen unter Kontrolle zu bringen. Auch in Kut südlich von Bagdad kam es zu Protesten.

Dramatischer Appell des Präsidenten

Die Regierung versuchte, die Menschen zu beruhigen. Präsident Dschalal Talabani, ein sunnitischer Kurde, wandte sich über das Fernsehen mit einem dramatischen Appell an die Iraker. In seiner Rede beschwor er die Gefahr eines Bürgerkrieges und rief Schiiten wie Sunniten dazu auf, sich gemeinsam dagegen zur Wehr zu setzen.

"Dieses abscheuliche Verbrechen warnt uns vor einer Verschwörung gegen das irakische Volk, die das Ziel hat, Krieg unter Brüdern anzustiften", sagte Talabani in seiner Rede. "So Gott will, werden wir das nicht zulassen."

Der schiitische Ministerpräsident Ibrahim al-Dschaafari ordnete eine dreitätige Staatstrauer an und rief die Moslems im Land zur Einheit auf. Er steht als designierter Chef der neuen Regierung derzeit unter dem Druck der USA und Großbritanniens, in das künftige Kabinett auch arabische Sunniten aufzunehmen. Die Alliierten versprechen sich davon eine Beruhigung der Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Sie stehen zuhause unter Druck, das teure Engagement im Irak zu beenden und ihre Soldaten zurückzuholen.

Iran beschuldigt Israel und die USA

Der Iran warf Israel und den von den USA geführten Truppen vor, Drahtzieher des Anschlags zu sein. "Das ist ein politisches Verbrechen und seine Wurzeln können bei den Geheimdiensten der irakischen Besatzer und der Zionisten gefunden werden", hieß es in einer im iranischen Fernsehen verlesenen Erklärung des geistlichen Oberhaupts des Irans, Ajatollah Ali Chamenei. Bei Protesten in Pakistan gegen den Anschlag wurden israelische und amerikanische Flaggen verbrand.

Die USA sprachen von einem verabscheuungswürdigen Verbrechen. US-Präsident George W. Bush sagte, die Vereinigten Staaten seien bereit zu helfen, dass die Verantwortlichen für den fürchterlichen Anschlag zur Verantwortung gezogen würden. Die USA wollten außerdem die Restaurierung unterstützen, damit die goldene Kuppel der Moschee wieder ihre einstige Pracht erhalte.

Quelle: n-tv.de

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