Politik

"Menschliche Abgründe übersehen" Bischöfe setzen auf Prävention

Der Vorsitzende Robert Zollitsch spricht deutliche Worte: Die "Kraft von Veranlagungen" sei unterschätzt worden, die Folge sei "Hinwegsehen über Verbrechen". Forderungen zu Entschädigungen erteilt er eine Absage. Auf ihrer viertägigen Zusammenkunft will die Bischofskonferenz eine Präventionsverordnung zu sexuellem Missbrauch beschließen.

20569058.jpg

Robert Zollitsch zeigte sich einsichtig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach den Skandal-Monaten wegen sexuellem Missbrauch und Gewaltexzessen in der katholischen Kirche hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) Versagen eingeräumt und Besserung gelobt. Doch in der Debatte um Entschädigungszahlungen für Opfer möchte der Vorsitzende Robert Zollitsch vorerst keine Summen nennen. "Wir wollen nicht über konkrete Zahlen sprechen", sagte der Freiburger Erzbischof in Fulda zur Eröffnung der Herbst-Vollversammlung.

Verärgert reagierte er auf das Vorpreschen der Jesuiten, die Geld in Aussicht gestellt hatten. Dabei war von möglichen Entschädigungen in vierstelliger Euro-Höhe die Rede. Summen um die 80.000 Euro pro Fall, wie von Opfern gefordert, seien für ihn nicht vorstellbar, stellte Zollitsch klar. Der DBK-Vorsitzende signalisierte aber, dass die Bischofskonferenz bald einen Vorschlag am Runden Tisch in Berlin einbringen wolle. Dort werden die Missbrauchsvorfälle aufgearbeitet.

"Unehrliches Reden und Handeln"

Die katholische Kirche habe das Thema Kindesmissbrauch "zu spät wahrgenommen" und im Bild der Bischöfe und Priester "menschliche Abgründe übersehen", räumte Zollitsch ein. Die Folgen seien "Unehrliches Reden und Handeln, Mangel an Offenheit und Wahrhaftigkeit, Neigung zum Überdecken von Fehlern und Hinwegsehen über Verbrechen", sagte der Freiburger Erzbischof. Die Kraft entsprechender Veranlagungen sei unterschätzt und Besserungsversprechen daher zu leicht geglaubt worden.

20571673.jpg

Vier Tage lang beraten die Bischöfe der Diözesen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sieht Zollitsch in der Frage von Entschädigungen unter Zugzwang. "Der öffentliche Erwartungsdruck steigt", räumte er in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" ein. Er bedauere, dass Bischöfe und Ordensgemeinschaften nicht gemeinsam eine Lösung präsentierten. Zollitsch sagte, er halte es nicht für gut, wenn einzelne Gruppen Alleingänge starteten und andere unter Druck setzten.

Führungszeugnisse für Kirchenbedienstete

Bei dem traditionellen Treffen in Fulda wollen die 67 Bischöfe und Weihbischöfe aus 27 Diözesen auch darüber beraten, wie sexuellem Missbrauch Minderjähriger künftig wirksamer vorgebeugt werden kann. Ein Entwurf sei vorbereitet, nun wolle man sich auf eine Rahmenordnung zur Prävention verständigen, sagte Zollitsch. Es gehe darum, Wachsamkeit zu erzeugen, um die Frage von Selbstverpflichtung und auch um polizeiliche Führungszeugnisse von Kirchen-Bediensteten.

Selbstkritisch äußerte sich der Erzbischof zur Rolle der Oberhirten im Missbrauchsskandal: "Wir wissen, wo wir versagt haben. Wir haben als Kirche die Probleme zu spät wahrgenommen. Aber wir haben daraus gelernt." Die katholische Kirche habe stark an Glaubwürdigkeit verloren, befand Zollitsch. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz befürchtet, dass es in den vergangenen Monaten einen Anstieg der Kirchenaustritte gegeben habe, konnte aber keine Zahlen nennen.

Hotline wird rege genutzt

Erst Ende August hatten die Bischöfe in Trier überarbeitete Leitlinien zum Umgang mit dem Missbrauchsskandal vorgestellt. Bei der Hotline, die als Hilfe für Missbrauchsopfer geschaltet wurde, gingen von Ende März bis Mitte September 3149 Anrufe ein. Anfangs wurden die Berater von der Flut der Anfragen überrollt. Es gab den Angaben zufolge etwas mehr als 23.000 Anrufversuche.

18231319.jpg

Seit 30. März ist die Hotline geschaltet.

(Foto: picture alliance / dpa)

 Zollitsch zeigte sich nachdenklich und selbstkritisch mit dem Willen zu Aufbruch, Wandel und Erneuerung. "Man wirft uns mangelnde Lernbereitschaft vor und sagt, unsere eigene Lebenswelt sei zu weit entfernt von der Lebenswelt der Menschen, sowohl in der Kirche als auch insgesamt in der Gesellschaft", sagte er. Er warnte: "Verschlossenheit und Realitätsferne aus Voreingenommenheit können zu Hartherzigkeit führen."

Zollitsch forderte, die Kirche müsse wieder mehr auf die Menschen zugehen: "Wir haben noch mehr zu lernen, eine Kirche des Hörens zu sein." Reden wollen die Bischöfe auch über das Zölibat.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.