Politik

Soldaten "wie Hunde behandelt" Briefe zeigen Wut vieler Russen auf eigenes Militär

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Wenig heldenhaft: Briefe von russischen Soldaten und ihren Angehörigen zeugen von enorm schlechten Bedingungen, unter denen sie in der Ukraine kämpfen müssen.

(Foto: REUTERS)

Erzwungene Verträge, schlechte Versorgung, Falschaussagen und Plünderungen: Die Wut und Verzweiflung über den Ukraine-Krieg ist bei russischen Soldaten und ihren Angehörigen offenbar groß. Dies zeigen Briefe, die Investigativplattformen nun veröffentlichen.

Wie es russischen Soldaten ergeht, die im Ukraine-Krieg kämpfen, ist in Zeiten einer massiven Zensur nur schwer zu beurteilen. Journalisten der Investigativplattformen "The Insider" und Bellingcat haben nun allerdings Zugang zu einem Archiv mit Beschwerden zum Ukraine-Krieg erhalten. Die Schreiben wurden von russischen Soldaten, ihren Angehörigen und Zivilisten aus Kriegsgebieten bei der russischen Militärstaatsanwaltschaft eingereicht und zeigen eine von Wut und Verzweiflung geprägte Stimmung.

In den Beschwerden wird das russische Verteidigungsministerium unter anderem beschuldigt, wehrpflichtige Soldaten zu täuschen und zum Kampf zu zwingen. Außerdem sollen die Truppen nicht die notwendigen Lebensmittel und medizinische Behandlung erhalten. Familienangehörigen werden Informationen über gefangene oder getötete Soldaten vorenthalten. "The Insider" und Bellingcat überprüften nach eigenen Angaben die Echtheit des Briefarchivs. "The Insider" veröffentlichte mehrere Dutzend Beispiele im russischen Original auf seiner Website, die Internetzeitung "Meduza" übersetzte einige dieser Auszüge ins Englische.

Soldaten müssen an die Front, auch ohne Vertrag

Ein zentraler Vorwurf einiger Soldaten ist, dass sie teils im Krieg eingesetzt wurden, obwohl sie keinen Vertrag unterschrieben hatten. Es wird auch bemängelt, dass sie laut russischer Militärführung zu einer Übung fahren sollten, sich dann aber im Kriegsgebiet wiederfanden.

Eine Mutter beklagt etwa: "Als ich meinen Sohn anrief, sagte er, sie würden zu Übungen verlegt, aber es stellte sich heraus, dass sie in den Krieg geschickt wurden. [...] Bei der Ausbildung in Valuyki wurde den Soldaten gesagt, dass sie ab dem 23. Februar unter Vertrag stehen, aber mein Sohn hat nie etwas unterschrieben. Und alle anderen, die bei ihm sind, sind ebenfalls Wehrpflichtige."

Sie schreibt weiter, dass die Soldaten in ihrem Lager nicht duschen konnten und nur schlecht versorgt wurden: "In dem Konvoi, der angeblich zu Übungszwecken unterwegs war, bekamen sie Trockenrationen - eine [Portion] für zwei Personen - und es gab kein Wasser." Das Trinkwasser mussten die Soldaten der Frau zufolge kaufen. Wütend schließt die Mutter ihren Brief: "Ich verstehe, dass dies die Armee ist, aber das bedeutet nicht, dass unsere Jungs wie Hunde behandelt werden müssen."

Die Bekannte eines der Soldaten schreibt sogar von erzwungenen Unterschriften unter Verträge: "Der Enkel meines Freundes kam verletzt nach Hause und erzählte uns, wie seine Führungsoffiziere ihn schlugen und ihn zwangen, einen Vertrag zu unterschreiben."

Eine andere Mutter berichtet vom Druck, der auf junge Soldaten wie ihren Sohn ausgeübt wurde: "Sie setzten sie unter emotionalen Druck und forderten sie auf, das Vaterland zu verteidigen und den Soldaten unter Beschuss zu helfen." Die Soldaten wehrten sich, woraufhin die Führung ihnen gesagt haben soll, sie sollten nach Hause gehen und weiter fernsehen. "Später sagten sie, sie würden trotzdem geschickt, auch wenn sie die Verträge nicht unterschrieben hätten", schreibt die Mutter weiter.

Kündigung wird nicht akzeptiert

Zudem gibt es Berichte von Soldaten, die nach eigenen Angaben Kündigungsschreiben eingereicht haben, denen nicht entsprochen wurde. "Ich habe alle meine engsten Kameraden im Kampf verloren, und ich leide unter schweren Depressionen. Ich bin 21 Jahre alt und möchte unbedingt leben. Mein Kommandant weigert sich, mein Kündigungsgesuch zu akzeptieren. Ich habe mich an den Kommandeur der Baltischen Flotte gewandt. Was soll ich in dieser Situation tun?", fragt ein Soldat.

Der Kommandeur eines Zuges soll mehrfach gesagt haben, dass er den russischen Streitkräften nicht weiter dienen wolle. Er blieb demnach mehrfach dem Militär fern, in der Hoffnung, so entlassen zu werden. Das geschehe aber nicht. Er schreibt in seinem Brief: "Die Disziplinarmaßnahmen sind ausgesetzt. Derzeit habe ich vier strenge Verweise und eine Verwarnung wegen unvollständiger Einhaltung der Dienstvorschriften, aber es wurde keine Bescheinigungskommission einberufen, um das Problem zu lösen." Er sei sogar bereit, auf Ansprüche gegenüber dem Verteidigungsministerium zu verzichten, und das Geld, das in seine Ausbildung investiert wurde, zurückzuzahlen.

Nach Angaben vieler Experten erleidet Russland in der Ukraine hohe Verluste, die Ukraine beziffert die Zahl der getöteten russischen Soldaten auf 43.200. Laut dem US-Verteidigungsministerium wurden bereits bis zu 80.000 russische Soldaten getötet oder verletzt. Die Rekrutierungsbemühungen neuer Soldaten verlaufen schleppend, es wird immer öfter über Zwangsverpflichtungen berichtet.

Umgang mit Verletzten und Toten

Andere Angehörige beklagen den Umgang des russischen Militärs mit verletzten oder getöteten Soldaten. Die Frau eines Soldaten berichtet, dass dieser in Belgorod in einem Krankenhaus liege, aber nicht behandelt werde. Er soll Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigen. "Sie sagen: 'Es gibt viele Leute wie dich. Es ist nur ein psychologisches Trauma. Deine Arme und Beine sind noch dran. Du kannst immer noch kämpfen.'" Die Frau fragt, warum nicht mal ein MRT durchgeführt wurde.

Eine Mutter wirft dem russischen Militär vor, nicht bestätigen zu wollen, dass sich ihr Sohn in ukrainischer Gefangenschaft befinde, obwohl es zahlreiche Belege dafür gebe. Sie erhielt demnach bereits Anfang März über eine ukrainische Nummer den Hinweis, dass ihr Sohn verletzt sei und in einem Krankenhaus in der Region Mykolajiw liege. Sie konnte dann auch mehrfach mit ihrem Sohn telefonieren und besitzt sogar Videoaufnahmen, die ihn in Gefangenschaft zeigen, schreibt sie. Dennoch bleibe das russische Verteidigungsministerium stur. "Die 'Hotline' des [russischen] Verteidigungsministeriums teilte meiner Tochter mit, dass mein Sohn nicht unter den Gefangenen sei und als vermisst gelte", schreibt sie.

Die Eltern eines anderen Soldaten versuchen dagegen, eine Bestätigung für den Tod ihres Sohnes zu erhalten. Sie hätten keinen telefonischen Kontakt mehr zu ihm, aber von Kameraden erfahren, dass er Ende März bei einem Angriff auf seinen Schützenpanzer ums Leben kam. Seine Leiche wäre nicht abtransportiert worden. Verzweifelt bitten die Eltern: "Wir haben DNA-Proben eingereicht. Ich bitte Sie, diese zu untersuchen. [...] Es ist mehr als ein Monat vergangen. Schicken Sie wenigstens seine Überreste zurück, damit er wie ein Mensch beerdigt werden kann."

Die Freundin eines Soldaten ist irritiert vom Vorgehen des russischen Militärs. Sie berichtet, dass sie Ende Februar den Kontakt zu ihm verlor und beim Verteidigungsministerium nachhakte, was mit ihm sei. Dort habe man ihr stets versichert, dass ihr Freund am Leben sei. Plötzlich kommt es aber anders, wie sie schreibt: "Am 8. April nahmen sie ohne jede Erklärung DNA-Proben von seinen Eltern, und am 13. April teilten sie uns während des Mittagessens mit, dass seine Beerdigung am 15. April stattfinden würde ..."

Russische Soldaten plündern - auch in Donezk

Auch aus der selbsternannten "Volksrepublik" Donezk gibt es Kritik am Vorgehen des russischen Militärs. In einem Brief schildert ein Briefschreiber die Erlebnisse seiner Eltern im Ort Ljubiwka. Dort hätten russische Truppen im April ein Basislager errichtet. Laut Aussage der Eltern beschädigten die russischen Soldaten dabei die Garage mit einem Panzer schwer und rissen Türen und Wände ein. Damit nicht genug, wurde das Ehepaar offenbar noch bestohlen. "Sie stahlen Ersatzteile und Werkzeuge im Wert von 200.000 Rubel (umgerechnet 3300 US-Dollar) und gingen sogar so weit, dass sie Münzen aus den Autos und ein einziges Kondom aus dem Auto meines Bruders stahlen", heißt es in dem Schreiben. "Sagen Sie mir, sind diese Leute überhaupt Menschen? Sind sie hierhergekommen, um uns zu beschützen oder um zu rauben und zu morden? Ist das die Z-Operation?"

Quelle: ntv.de, als

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