Politik

Snowden-Talk bei Jauch Buddha Kornblum überrascht am Ende doch

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Ströbele, Seipel, Weisband, Jauch, Kornblum und Reichelt (v.l.).

(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Drei Snowden-Anhänger, zwei Snowden-Gegner: Die Show scheint langweilig zu werden. Doch John Kornblum bestreitet nicht nur alles, was der Whistleblower sagt. Er hat auch zwei Überraschungen parat.

Die Fronten sind klar. Auf der einen Seite zwei bedingungslose Verteidiger, die jeden Vorwurf gegen die USA und ihren Geheimdienst NSA leugnen oder relativieren. Ihnen gegenüber drei Ankläger, die - zumindest sehen es die Verteidiger so - ohnehin alles schlimm finden, was die USA tun. Snowden-Talk bei Günther Jauch.

Die Konstellation verspricht eine gewisse Ödnis. Es sei eine Schande für die Demokratien dieser Welt, dass Edward Snowden nur in Moskau Zuflucht erhalte, verkündet die frühere Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele lädt amerikanische Unternehmen für Verschlüsselungstechnologie ein, sich in Berlin-Kreuzberg anzusiedeln, wenn die US-Regierung ihre Arbeit behindere.

Dagegen findet "Bild"-Journalist Julian Reichelt, wenn die Bundeskanzlerin kein abhörsicheres Handy benutze, "dann muss man ihr einen Vorwurf machen", nicht dem US-Präsidenten. Außerdem habe er bisher von keinem Fall gelesen, "wo ein unschuldiger Mensch verfolgt wurde". Dass Verstöße vorliegen, müsse man nicht mehr diskutieren, empört sich dagegen der NDR-Reporter Hubert Seipel, der Snowden am vergangenen Donnerstag in einem Moskauer Hotel interviewt hat - Ausschnitte aus seinem "weltexklusiven Interview" werden sowohl bei Jauch als auch im Anschluss gezeigt.

"Was er da sagt, das bezweifle ich sehr"

Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, ist der zweite bedingungslose Verteidiger der USA in dieser Runde. Er hat es nicht leicht. Jauch zeigt einen Ausschnitt aus dem Interview, in dem Snowden über einen Artikel spricht, in dem Mitarbeiter von Pentagon und NSA zitiert werden. "Diese Leute, und das sind Regierungsbeamte, haben gesagt, sie würden mir nur zu gern eine Kugel in den Kopf jagen oder mich vergiften, wenn ich aus dem Supermarkt zurückkomme, und zusehen, wie ich dann in der Dusche sterbe."

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"Das ist zu hundert Prozent falsch", sagt John Kornblum über die Aussage, das Handy der Kanzlerin sei von der NSA abgehört worden.

(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Kornblums Kommentar: "Ich halte das für völlig ausgeschlossen." Im Publikum bricht Gelächter aus.

Jauch zeigt eine weitere Szene aus dem Interview. Hier spricht Snowden über die Überwachung von Merkels Mobiltelefon. So richtig deutlich will der Whistleblower nicht werden - Seipel nimmt an, dass dies an der Bedingung liegen könnte, die der russische Präsident Wladimir Putin für Snowdens Asyl gemacht hatte: keine Enthüllungen von russischem Boden aus. Snowden sagt, er wolle es den Journalisten überlassen, die Informationen auszuwerten. Über den Fall Merkel sagt er nur: "Die Frage ist, wie logisch ist es anzunehmen, dass sie das einzige Regierungsmitglied ist, das überwacht wurde. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie das einzige bekannte deutsche Gesicht ist, um das sich die National Security Agency gekümmert hat? Ich würde sagen, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass jemand, der sich um Absichten der deutschen Regierung sorgt, nur Merkel überwacht, und nicht ihre Berater, keine anderen bekannten Regierungsmitglieder, ihre Minister, oder sogar Angehörige kommunaler Regierungen."

Kornblums Kommentar: "Das ist zu hundert Prozent falsch." US-Präsident Barack Obama habe gesagt, dass Merkels Handy nur auf der Basis von Metadaten überwacht worden sei. Überhaupt werde nur abgehört, wenn es einen konkreten Verdacht gebe. Merkels Handy sei "nicht abgehört worden", behauptet Kornblum.

Ein weiterer Einspieler. "Es gibt keinen Zweifel, dass die USA Wirtschaftsspionage betreiben", sagt Snowden. "Wenn es etwa bei Siemens Informationen gibt, die dem nationalen Interesse der Vereinigten Staaten nutzen - aber nichts mit der nationalen Sicherheit zu tun haben - dann nehmen sie sich diese Informationen trotzdem."

Kornblums Kommentar: "Ich weiß nicht, was wirtschaftlich gemacht wird, aber was er da sagt, da zweifle ich sehr daran."

Die eigentliche Frage

Kornblum findet die ganze Aufregung lächerlich. "Die Frage ist nicht, ob wir schlimme Menschen sind; für diese drei hier sind wir bestimmt schlimme Menschen." Er sitzt da mit der stoischen Ruhe eines Buddha, der die politische Erleuchtung längst erreicht hat. Es dauert ein bisschen, bis er deutlich gemacht hat, was die eigentliche Frage ist.

Es ist diese: Wie soll ein Land wie die Bundesrepublik sich vor den Gefahren des Cyberterrorismus schützen? Die Technologie sei "höchstwahrscheinlich" schon an dem Punkt, an dem selbst die US-Regierung sie nicht mehr kontrollieren könne. Dann könnten europäische Regierungen dies erst recht nicht mehr. Deutschland sei daher auf die USA angewiesen. "Wenn Ihnen das weh tut, dann tut es mir leid, aber damit müssen Sie leben."

Und eine weitere Überraschung hat Kornblum parat. Snowden ist für ihn ein "Verräter", das hat er am selben Ort schon Ende Oktober verkündet. Doch auf die Frage, wo dieser Mann sich in zehn Jahren befinden werde, sagt er: "Ich glaube, er wird im Westen sein, höchstwahrscheinlich in den Vereinigten Staaten. Und nicht im Gefängnis." Es werde "ein Arrangement" geben. Snowden sagt im Interview mit Seipel, er würde es begrüßen, "darüber zu reden, wie wir diese Sache auf eine für alle Seiten befriedigende Weise zu Ende bringen können".

Zehn Jahre könnte das allerdings noch dauern.

Quelle: n-tv.de