Politik

Außenseiter oder Weggefährten? CSU heizt Pädophilen-Debatte an

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Demonstranten richten sich gegen die Preisverleihung für Cohn-Bendit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sogenannte Stadtindianer stören in den 1980er Jahren die Sitzungen der Grünen und fordern freie Liebe zwischen Kindern und Erwachsenen. Wie viele der Parteimitglieder sich damals mit pädophilien Forderungen indentifizierten, bleibt unklar. Die CSU wirft den Grünen "Wegschauen" vor.

Acht Monate nach der ersten Sitzung der frisch in den Bundestag eingezogenen Grünen machte die "Indianerkommune Nürnberg" mit pädophilen Forderungen Ernst. Kinder und Jugendliche unter erwachsener Anleitung besetzten im November 1983 die Geschäftsstelle der Grünen in Bonn. Heute ist es unvorstellbar, dass sich eine im Bundestag vertretene Partei ernsthaft mit Gruppierungen mit pädophilen Anliegen auseinandersetzt. In den wilden Anfangsjahren der Grünen war das anders.

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Daniel Cohn-Bendit ist Mitglied im Europäischen Parlament.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vier Monate vor der Bundestagswahl 2013 haben die Grünen eine peinliche Debatte am Hals: Welchen Raum gaben sie Pädophilen früher? Haben sie seither die Augen davor verschlossen? Haben sie gar mit Daniel Cohn-Bendit einen "widerwärtigen Pädophilen" an prominenter Stelle, wie CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sagt?

Polizei vertrieb Kapuzenkinder

Um der Besetzung vor 30 Jahren ein Ende zu machen, holten selbst die Grünen die Polizei. Die zumeist aus Fürsorgeheimen ausgerissenen Minderjährigen hatten unter Führung Erwachsener bereits auf Grünen-Parteitagen Aktionen gestartet. Ein Anliegen: freie Liebe zwischen Kindern und Erwachsenen. Jetzt aber hatten sie einen Säugling bei sich und drohten mit Selbstmorden. Doch zogen die "Stadtindianer" dann erst einmal ab.

1985 feierten Pädophilie unterstützende Gruppen bei den Grünen ihren größten Erfolg. Ein Landesparteitag in Nordrhein-Westfalen ließ eine Passage ins Wahlprogramm rutschen, nach der gewaltfreier Sex zwischen Kindern und Erwachsenen straffrei bleiben soll.

Stadtindianer mischten mit

Der Aufschrei der Öffentlichkeit, aber auch bei den Grünen war groß - die  Partei wollten den Beschluss revidieren, ließ sich aber wieder von den nicht zu ihnen zählenden Stadtindianern bedrängen. Ein NRW-Sonderparteitag drohte am 30. März 1985 in Bad Godesberg in Chaos zu versinken. 30 bizarr bemalte Stadtindianer aus Nürnberg, im Schlepptau mit Kapuzen vermummte Kinder, wollten den Pädophilie-Beschluss retten. Mit Senfbomben und Gebrüll wollten sie den Konvent kippen. Doch die Grünen kassierten den Beschluss zur sexuellen Freizügigkeit bei Kindern mit einer Gegenstimme.

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Zitate aus der Autobiografie von Cohn-Bendit bei einer Demonstration.

(Foto: picture alliance / dpa)

Genaues ist über die Kapuzen-Kinder von damals in der heutigen Öffentlichkeit nicht bekannt. Angelernte Sprüche wie "Liebe mit Papa ist herrlich" haben sie laut "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" aufgesagt. "Wir hätten uns damals mit diesen Kindern befassen müssen, die zum Teil sechs, sieben Jahre alt waren", sagt der damalige Grünen-Politiker Michael Vesper. Doch auch bei den Grünen selbst gab es Pädophilie-Forderungen. Eine Bundesarbeitsgemeinschaft von Schwulen und Päderasten ("BAG SchwuP") war einige Jahre sogar der Bundestagsfraktion zugeordnet - bis zur ihrer Auflösung 1987.

Aufarbeitung beginnt

In der Grünen-Zentrale sind Mitarbeiter heute eifrig dabei, sich ein genaues Bild zu machen. Das ist nicht so schwer, im Internet finden sich viele Zeitungsartikel und Dokumente. Diese Woche soll ein Forscher benannt werden, um die Umtriebe von Pädophilen bei den Grünen mit Archivbeständen zu ergründen. Schön dürften die Details für die Partei nicht werden - aber wird es richtig schlimm?

In Fahrt gekommen war die Debatte, als der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, seine Festrede zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit absagte. Der Europapolitiker hatte 1975 in einem halb fiktiven Buch über seine Zeit als Kindergärtner geschrieben: "Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln." Auch einzelne andere Äußerungen zu Sexualität von Kindern und Erwachsenen sind bekannt.

Aufklärung tut Not

Zunächst die Südwest-CDU, jetzt vor allem die CSU attackieren Cohn-Bendit, werfen aber auch den Grünen insgesamt Wegschauen vor. So verlangt die CDU-Politikerin Erika Steinbach Klärung, "ob noch heute aktive Politiker zu dem Kreis der Parteimitglieder gehörten, die sich einst für pädophile Ziele eingesetzt haben". In die Offensive gehen jetzt aber auch jene, die die Attacken für überzogen halten. Zum Beispiel Thomas Schmid, Herausgeber der "Welt"-Gruppe und ehemaliger Weggefährte Cohn-Bendits - er meint: "Cohn-Bendit irrte - doch war er kein Pädophiler." Er glaube dem Politiker, schreibt Schmid. Das Hosenlatz-Zitat sei angeberische Fiktion gewesen.

Die langjährige Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck fordert, die Umstände zu beachten. "Es ging um die schwierige Befreiung von der bleischweren Sexualmoral der Nachkriegszeit. Wer die Spießigkeit der Eltern überwinden wollte, war nicht immer trittsicher in seinen Maßstäben."

Tatsächlich blieben pädophile Vorstöße wohl strikte Außenseiter-Ansicht. "Forderungen dieser Minderheiten setzten sich bei den Grünen nie durch", sagt Beck. Einen Tatort "Grün" gebe es nicht. In den vergangenen Tagen wurde auch nicht bekannt, dass sich Missbrauchsopfer gemeldet hätten.

Quelle: ntv.de, Basil Wegener, dpa