Politik

Elf Mal Tschernobyl für Gorleben Castor-Transport rollt

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Strahlende Fracht für Gorleben: Die Thermografie-Aufnahme beim Verlassen des Verladebahnhofs Valognes zeigt das Wärmebild eines Castors.

(Foto: dpa)

In Frankreich starten die Castoren Richtung Gorleben, werden aber schon kurze Zeit später von Atomkraftgegnern aufgehalten. Es dauert Stunden, bis die Polizei die angeketteten Aktivisten von den Gleisen bekommt. Laut Greenpeace sind die Behälter mit der tödlichen Fracht heißer als in den Jahren zuvor. Jeder Castor enthalte so viel radioaktives Material, wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde.

Nach einer mehrstündigen Blockade im nordfranzösischen Caen hat der Castor-Transport seine Fahrt Richtung Deutschland wieder aufgenommen. Etwa 30 Atomkraftgegner hatten den Zug knapp zwei Stunden nach der Abfahrt in Valogne gestoppt. Fünf hatten sich  an die Gleise gekettet, einer stammt laut Polizei aus Deutschland.

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Abfahrt in Valognes: Die elf Spezialbehälter enthalten 123 Tonnen deutschen Atommüll.

(Foto: dpa)

"Es dauerte eine Weile, die Angeketteten von den Schienen zu befreien, da sie ihre Hände in Metallröhren unter den Gleisen haben", sagte eine Polizeisprecherin. Die französische Gruppe "Groupe d'actions non-violentes antinucléaires" (auf deutsch etwa "Aktionsgruppe nicht gewalttätiger Atomkraftgegner") bekannte sich zu der Blockade.

Tödliche Fracht für Gorleben

Der Castor mit hoch radioaktivem Atommüll war gegen 14.20 Uhr vom Verladebahnhof Valogne zum deutschen Zwischenlager Gorleben gestartet. Der Zug transportiert elf Behälter mit deutschem Atommüll von der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague; die Strecke bis nach Gorleben ist etwa 1000 Kilometer lang. Jeder Castor enthalte so viel radioaktives Material, wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt worden sei, sagte Thomas Breuer von der Umweltorganisation Greenpeace. "Es ist unverantwortlich, diese tödliche Fracht nach Gorleben zu bringen."

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Greenpeace Aktivist Jan Vande Putte misst die Gamma-Strahlung der Castorbehälter beim Verlassen des Verladebahnhofs Valognes.

(Foto: dpa)

Greenpeace hat nach eigenen Aussagen mit Hilfe von Wärmekameras festgestellt, dass die Behälter heißer seien als bei früheren Transporten. Dies sei ein Hinweis auf höhere Radioaktivität. Die Gesellschaft für Nuklear-Service, die für das Zwischenlager Gorleben verantwortlich ist, teilte dagegen mit, Messungen hätten bestätigt, dass die zu erwartende Strahlung weit unter den gesetzlichen Grenzwerten liege. Eine Gefährdung für Mensch und Umwelt stelle sie nicht dar.

Auch der französische Atomkonzern Areva bestreitet eine Gefährdung und wirft den Umweltschützern vor, unverantwortlich mit der Angst der Menschen zu spielen. "Es besteht keine Gefahr für die Umwelt oder die Menschen, die den Transport organisieren, sagte Henri-Jacques Neau, der bei Areva für Transporte zuständig ist. Areva hat bislang allerdings auch keine eigenen Zahlen über die Radioaktivität herausgegeben.

Das Unternehmen verteidigt sich auch gegen den Vorwurf mangelnder Transparenz. "Die Regierung hat uns aus Sorge um die öffentliche Ordnung darum gebeten, den Fahrplan des Zuges nicht zu veröffentlichen", sagte Neau. 2004 war ein 21 Jahre alter Franzose bei einer Protestaktion von einem Castor-Zug überrollt worden. In Deutschland sollen etwa 16.500 Polizisten zur Sicherung des Transports eingesetzt werden.

Schon 91 Behälter in Gorleben

Der Zug solle am Samstagmittag die deutsche Grenze erreichen und dann nach Norden in Richtung Gorleben rollen. Im niedersächsischen Wendland könnte es am Wochenende zu den größten Anti-Atom-Demonstrationen seit Jahrzehnten kommen.

Im Zwischenlager in Gorleben stehen bereits 91 Behälter mit Atommüll. Die Umweltschützer befürchten, dass mit jedem Transport die Wahrscheinlichkeit steigt, den nahen unterirdischen Salzstock zu einem Endlager auszubauen. Trotz zahlreicher Atomkraftwerke gibt es in ganz Europa noch kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll.

Neue Energie für Anti-Atom-Bewegung

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Wolfgang Ehmke ist sich sicher, dass das Endlager und die Laufzeitverlängerung zu Fall gebracht werden können.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte bei n-tv, dass bereits "tausende Polizisten im Wendland die Strecke schützen. Sie können ganz sicher sein, dass die Polizei gut vorbereitet ist." Sowohl was die mentale Vorbereitung der Beamten angehe, das heißt, "möglichst die Emotionen unten zu lassen, deeskalieren und versuchen, Verständnis auch für diejenigen aufzubringen, die nur protestieren." Andererseits lässt Wendt gar keinen Zweifel daran, dass "Rechtsbruch natürlich nicht geduldet wird". In der Castor-Protestbewegung sieht Wendt eine sehr friedliche und eine sehr vielfältige, bürgerliche Bewegung. Leider sei die Protestszene aufgewühlt durch die energiepolitischen Entscheidungen in Berlin. Der Beschluss zur Laufzeitverlängerung habe der Anti-Atom-Bewegung wieder eine neue Energie gegeben.

Castor-Gegner appellieren an Polizei

Derweil rufen die Castor-Gegner die Polizei zum vorsichtigen Einsatz auf. "Wir hoffen, dass die Polizei sich zurückhält", sagte Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, n-tv.de. Ihn beunruhige allerdings, dass die Polizei im Vorfeld angekündigt habe, sie sei zu jeder Gangart in der Lage. "Das lässt natürlich Schlimmes befürchten." Zeit sei ein wichtiger Faktor für den Verlauf des Protests. "Wenn enge Zeitpläne die Durchsetzung des Transports diktieren, dann befürchten wir hässliche Szenen, auch Verletzungen." Aber jeder, der durch Auseinandersetzungen zu Schaden komme, sei einer zu viel.

Ehmke distanzierte sich von allen Gewaltaktionen und verurteilte explizit den Anschlag auf die S-Bahn in Berlin. "Wir setzen auf massenhaften, friedlichen Protest, aber auch auf Aktionsformen wie Sitzblockaden", sagte er n-tv.de. "Die Polizisten sind nicht unsere Gegner."

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Die Parteivorsitzenden der Grünen, Roth und Özdemir, wollen sich an den Blockaden beteiligen.

(Foto: dpa)

Was den Erfolg der Proteste betrifft, gab sich Ehmke trotz der schwarz-gelben Laufzeitverlängerung optimistisch. "Wir haben einen langen Atem, und ich bin mir sehr sicher, dass wir diese Regierung mit unserem Widerstand überdauern werden", erklärte er. Er sei sicher, dass das Endlager und die Laufzeitverlängerung zu Fall gebracht werden könnten.

Zwei schlechte Gründe

Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin, verteidigte bei n-tv die Proteste gegen den Castor-Transport. "Es gibt zwei Gründe, warum es richtig ist, an diesem Wochenende in Gorleben zu demonstrieren. Erstens: Schwarz-Gelb hat beschlossen, die Menge des hoch radioaktiven Mülls in Deutschland um mehrere, um hunderte von Tonnen zu vermehren. Das ist Ergebnis der Entscheidung für eine Laufzeitverlängerung. Und der zweite Grund: In Gorleben wird genau das gemacht, was ich als Bundesumweltminister von 1998 bis 2005 gestoppt habe, nämlich es soll wieder ohne ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren dort gebaut werden. Der Schwarzbau in Gorleben soll fortgesetzt werden. Und das sind zwei schlechte Gründe, aber gute Gründe, um dagegen zu demonstrieren."

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Vorwurf in Richtung Bundeskanzlerin? (Plakat nahe Splitau im Landkreis Lüchow-Dannenberg)

(Foto: dapd)

Grünen-Parteichef Cem Özdemir forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, während des Castor-Atommülltransports in die Region Gorleben zu kommen. "Ich finde, wenn Frau Merkel der Meinung ist, die Laufzeit für Atomkraftwerke muss verlängert werden, soll sie sich im Wendland blicken lassen und das Gespräch suchen." Die Grünen-Spitze kam zu einer Vorstandssitzung in der Nähe des Zwischenlagers zusammen. Özdemir und Co-Parteichefin Claudia Roth kündigten an, sich an Blockaden zu beteiligen.

Konzerne sollten Sicherheitsgebühr bezahlen

Die Deutsche Polizeigewerkschaft und der Bund der Steuerzahler forderten die Energiekonzerne auf, sich an den Kosten für den Atommüll-Transport zu beteiligen. Wendt forderte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" eine Sicherheitsgebühr von 50 Millionen Euro von den Atomkonzernen. Es sei nicht hinnehmbar, dass die Atomindustrie jedes Jahr Milliarden-Gewinne einstreiche, die Kosten für die Sicherheit beim Transport von Atommüll aber beim Steuerzahler ablade. "Die Entsorgung von Brennstäben ist ein Teil des Betriebs von Atomkraftwerken, für den die Konzerne verantwortlich sind."

Laut Wendt kostet der Castor-Transport den Steuerzahler weit über 50 Millionen Euro. Allein Niedersachsen entstünden für den Polizeieinsatz Sonderkosten von etwa 25 Millionen Euro für Unterkünfte, Verpflegung, Sachmittel sowie die anfallenden Überstunden der Polizisten. Auch der Bund der Steuerzahler zeigte "Sympathie" für die Forderung, dafür die Atomkonzerne zur Kasse zu bitten. "Das Verursacherprinzip spricht durchaus dafür, die Atomindustrie bei den Kosten mit in die Pflicht zu nehmen", sagte der niedersächsische Landesgeschäftsführer Bernhard Zentgraf der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Quelle: n-tv.de, hdr/ppo/dpa/AFR/rts

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