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"Ist Deutschland noch sicher?" China macht sich Sorgen um Europa

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Präsident Xi Jinping und Kanzlerin Angela Merkel treffen erneut aufeinander.

(Foto: picture alliance / dpa)

China ist zunehmend verunsichert über ein chaotisches Europa. Kanzlerin Merkel muss deshalb während ihres Staatsbesuchs bei den Gastgebern für Vertrauen in Deutschland und die EU werben.

Shen Weijing aus Shanghai macht sich Sorgen um ihren jüngeren Bruder. Den 23-Jährigen zieht es im kommenden Jahr nach Deutschland. Er will in Berlin studieren. "Meine Mutter und ich fürchten um seine Sicherheit, wenn er in Deutschland ist. Wegen der vielen Flüchtlinge", sagt sie. Familie Shen verfolgte die Ereignisse um die fliehenden Menschenmassen Richtung EU in den vergangenen Monaten sehr genau. Sie hat den Eindruck gewonnen, dass es in Europa immer mehr Orte gibt, die nicht ungefährlich sind, wenn man dort hinreist. Nicht einmal Deutschland scheint jetzt noch sicher zu sein, glaubt die Familie. Ausgerechnet jenes Land also, das in China als stabiler Kern eines ohnehin schon fragilen Europas wahrgenommen wird.

"Es gibt eine wachsende Sorge um den Hochschulstandort Deutschland angesichts der dramatischen Lage", sagt die Germanistin Wu Huiping von der renommierten Tongji-Universität in Shanghai. Seit die Bilder fliehender Menschen an den Außengrenzen der EU um die Welt gehen, häufen sich bei Wu die Anfragen von Studenten und Eltern. Alle wollen wissen, ob ein langfristiger Aufenthalt in Deutschland überhaupt empfehlenswert ist. Sie antwortet dann mit einem überzeugten "Ja", so sagt sie.

Die wachsende Unsicherheit in der Volksrepublik ist eines der markanten Vorzeichen der achten China-Reise von Angela Merkel, zu der die Kanzlerin am Mittwoch aufgebrochen ist. Es geht für Merkel nicht nur darum, die deutsch-chinesischen Beziehungen zu vertiefen und lukrativen Wirtschaftsverträgen den Weg zu ebnen. Diesmal geht es auch darum, Vertrauen zurückzugewinnen in die Sicherheit Deutschlands, aber auch in die Integrität der gesamten Europäischen Union. Zumal Merkel in Peking als zentrale Figur europäischer Politik wahrgenommen wird.

Merkel muss Chinesen die Lage erklären

Die EU hinterlässt seit Jahren viele Fragezeichen in der Volksrepublik. Die Eurokrise, die endlose Diskussion um den Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion, dazu die anti-europäische Rhetorik aus Großbritannien und jetzt auch noch der Zickzackkurs innerhalb der Union im Umgang mit der Flüchtlingstragödie mehren in Peking Zweifel an der Einheit und damit Verlässlichkeit des Kontinents. Doch eben diese ist für China elementar wichtig. Denn das Land benötigt ein verlässliches Europa, um eine Chance zu haben, seinen eigenen Weg in Richtung Wohlstand fortsetzen zu können.

"Wir müssen daran arbeiten, China und die EU zu Zwillingsmotoren für globales Wirtschaftswachstum zu machen", hatte Staatspräsident Xi Jinping bei seinem Besuch im vergangenen Jahr in Brüssel gesagt. Das Handelsvolumen beläuft sich auf rund 600 Milliarden Dollar im Jahr. Viele chinesische Firmen liefern ihre Produkte in die EU oder investieren dort in neue Standorte. Wenn Europa sich in nationalstaatlicher Kleinkariertheit verstrickt, droht der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen ins Stocken zu geraten, schlimmstenfalls zu schrumpfen.

"Es sieht zurzeit sehr chaotisch aus, wie sich Europa präsentiert", sagt Wu von der Tongji-Universität. Die Germanistin selbst ist zwar optimistisch, dass die EU gestärkt aus ihren aktuellen Problemen hervorgehen könnte. Doch viele ihrer Landsleute hätten große Mühe zu verstehen, weshalb in Europa offenbar alles drunter und drüber geht.

Das Problem ist, dass es niemandem gelingt, den Chinesen das Chaos zu erklären. Also wächst deren Sorge um den Standort EU. Merkels Aufgabe wird also sein, der chinesischen Seite deutlich zu machen, dass Europa trotz aller Nickeligkeiten zwischen einzelnen Mitgliedern an einem Strang zieht und außerdem wachsende Bedenken zu öffentlicher Sicherheit in der EU und speziell in Deutschland übertrieben sind.

Quelle: n-tv.de

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