Politik

"Macht durch Lügen und Betrug" Chinas Führung am Pranger

Die Familien der Opfer des Massakers vom 4. Juni 1989 in Peking haben ihre Landsleute aufgefordert, Druck auf Chinas Führung auszuüben. Dadurch solle eine Neubewertung der Demokratiebewegung eingeleitet werden. Vor dem 15. Jahrestag nahmen am Sonntag in Hongkong einige tausend Menschen an einem Gedenkmarsch teil.

Viele trugen Trauerkleidung. Bei der blutigen Niederschlagung der Bewegung und der Studentenproteste auf dem Tian'anmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens, durch die Volksbefreiungsarmee waren einige hundert Menschen getötet worden.

Die "Mütter von Tian'anmen", wie ein Netzwerk der Angehörigen genannt wird, forderten die Wahrheit über den Militäreinsatz. Die Regierung müsse ihre Verantwortung anerkennen, heißt es in einem Appell, den die in New York ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights in China (HRiC) am Samstag verbreitete. Vor dem Jahrestag hat Chinas Staatssicherheit die Angehörigen, Bürgerrechtler oder deren Familien unter Hausarrest gestellt oder ihre Überwachung verstärkt, um öffentliche Trauerbekundungen zu verhindern.

Wie HRiC berichtete, ist die pensionierte Professorin Ding Zilin, die an der Spitze des Netzwerkes steht und den Appell zum Jahrestag entworfen hat, zudem am vergangenen Montag durch eine führende Persönlichkeit unterrichtet worden, dass es auch unter der neuen Regierung keine Aufarbeitung des Militäreinsatzes geben wird. Entgegen früheren Appellen der Familien, die immer vergeblich den Dialog mit der Regierung gesucht hatten, richtet sich der Brief an alle Chinesen, den öffentlichen Druck auf die Führung zu verstärken.

"Ein System, dass die Macht durch Lügen und Betrug in den Händen hält, ist verabscheuungswürdig", heißt es. "Die wirksamste Methode, sich einem solchen System gegenüberzustellen, ist es, wenn immer mehr Menschen hervortreten und die Wahrheit aussprechen." Die Wahrheit zu sagen, sei "die Macht der Machtlosen", heißt es in dem Schreiben.

Der 4. Juni 1989 ist in China bis heute ein Tabu-Thema. Nur im autonomen Hongkong, der früheren britischen Kronkolonie, garantiert das Grundgesetz die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, so dass auch Gedenkkundgebungen möglich sind.

Quelle: n-tv.de

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