Politik
Gefangene Nama und Herero, 1904.
Gefangene Nama und Herero, 1904.(Foto: Bundesarchiv, CC-BY-SA 3.0)
Samstag, 02. Mai 2015

Deutscher Völkermord an Afrikanern: "Das riecht nach Rassismus"

Über den türkischen Völkermord an den Armeniern sprechen auch CDU-Abgeordnete ganz offen, doch den deutschen Völkermord im heutigen Namibia erkennt die Bundesregierung nicht an. Der namibische Abgeordnete Ignatius Shixwameni fordert, Deutschland müsse sich "unmissverständlich für diesen Völkermord entschuldigen".

n-tv.de: Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass der Völkermord an den Armeniern im Deutschen Bundestag als solcher bezeichnet wurde?

Ignatius Shixwameni ist Vorsitzender der linken Oppositionspartei All People's Party und Abgeordneter im namibischen Parlament.
Ignatius Shixwameni ist Vorsitzender der linken Oppositionspartei All People's Party und Abgeordneter im namibischen Parlament.(Foto: Parlament von Namibia)

Ignatius Shixwameni: Ich war überrascht. Das namibische Volk trägt das Anliegen der Herero, Nama und Damara schon seit sehr langer Zeit vor. Als der Bundestag vor drei Jahren endlich über dieses Thema sprach, weigerten sich die Vertreter der damaligen Bundesregierung, das, was zwischen 1904 und 1908 in Namibia passierte, als Völkermord zu bezeichnen. Das war eine sehr unglückliche Entscheidung. Wir hatten gehofft, dass Deutschland endlich eingesteht, dass die Verbrechen, die vom Deutschen Kaiserreich in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika verübt wurden, ein Völkermord waren.

Als 2013 im Bundestag über den Völkermord an den Herero, Nama und Damara diskutiert wurde, war es nach 20 Uhr und nur die ersten zwei bis drei Reihen waren noch besetzt. Was sagt Ihnen das?

Um die Wahrheit zu sagen: Das riecht nach Rassismus. Die Namibier, die damals abgeschlachtet wurden, sind für die deutsche Regierung offenbar nicht so wichtig, weil sie Schwarze waren. Wir waren damals sehr dankbar, dass die deutsche Linkspartei diesen Kampf in den Bundestag getragen hat. Aber es riecht nach Rassismus, wenn ein Völkermord an Afrikanern als unwichtig angesehen wird - nach dem gleichen Rassismus, der diesen Völkermord und die Apartheid möglich gemacht hat. Wir haben kein Problem damit, dass die Deutschen den Völkermord an den Armeniern anerkennen - überhaupt nicht! Aber wir verstehen nicht, warum dies nicht auch für die Herero, Nama und Damara gelten soll. Haben Sie mitbekommen, was Papst Franziskus gesagt hat?

Er hat den Völkermord an den Armeniern als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

Ja, und das ist falsch! Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts war der an den Nama, an den Herero und an den Damara. Wir wollen unseren Platz in der Geschichte, und wir wollen, dass die deutsche Regierung und der Deutsche Bundestag den Mut aufbringen, ein für allemal zu sagen: Das war ein Völkermord. Völkermord ist Völkermord, egal, wem er zugefügt wurde. Der Völkermord an den Herero, Nama und Damara, der Völkermord an den Armeniern und der Holocaust, der Völkermord an den Juden - dies alles waren fürchterliche Tragödien, die bei ihrem Namen genannt werden müssen!

Die Bundesregierung befürchtet, dass sie gezwungen werden könnte, Reparationen an die Herero, Nama und Damara zu zahlen, wenn sie den Völkermord eingesteht.

Auf die eine oder andere Art müssen die Nachfahren der Opfer entschädigt werden, auf sie sollte das besondere deutsch-namibische Verhältnis (das auch die Bundesregierung stets betont, Anm. d. Red.) ausgeweitet werden. Das erste, das die deutsche Regierung tun muss, ist, den Völkermord als solchen anzuerkennen. Dann muss man darüber sprechen, was die betroffenen Gemeinschaften brauchen, um ihre Situation zu verbessern. Bedenken Sie: Den Vorfahren dieser Menschen ist das Vieh weggenommen worden. Sie wurden von ihrem Boden vertrieben. Sie wurden getötet. Dass sie als Volk vernichtet werden sollten, beweist ein Befehl des deutschen Generalleutnants Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904, in dem schwarz auf weiß steht: Innerhalb der deutschen Grenzen solle jeder Herero erschossen werden. Es ist Zeit, dass Deutschland zu seiner Verantwortung steht und sich unmissverständlich für diesen Völkermord entschuldigt. Dann können die Nachfahren und die deutsche Regierung darüber sprechen, was getan werden kann. Nur so kann dieses Kapitel geschlossen werden.

Mit Ignatius Shixwameni sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de