Politik

Juan Antonio Samaranch Der Herr der Ringe

21 Jahre lang hat sich in der olympischen Welt alles um Juan Antonio Samaranch gedreht, nun schließt der Herr der Ringe selbst seinen Kreis. Am Freitag eröffnet er in Moskau seine letzte Session, am Montag tritt der Spanier als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ab.

Er übernahm das Amt am 16. Juli 1980 als Bettelmönch - einen "Franziskaner" hat man ihn da genannt. Er übergibt es als moderner Sonnenkönig am 16. Juli 2001: in jener Säulenhalle des Kreml, in der er damals auch proklamiert wurde. Bei so viel Symbolik fehlen nur noch Krone und Zepter.

Doch Ehre, wem Ehre gebührt. Respekt und Bewunderung für den vom König zum Marques (Markgrafen) geschlagenen Katalanen sind dort fast ungeteilt. Kein Wunder, denn mehr als hundert von 121 heutigen Mitgliedern kamen erst nach seinem Amtsantritt ins IOC, haben also nie einen anderen Präsidenten erlebt. Für sie zieht sich ein Übervater zurück. Die Session wird ihn zum IOC-Ehrenpräsidenten ausrufen und dem Olympischen Museum in Lausanne seinen Namen geben. Am Tag darauf feiert er seinen 81. Geburtstag.

Sein Aufstieg

Der Anfang: Das IOC war arm und mutlos, als Samaranch an die Spitze trat.

Die Spiele 1980 (in Moskau) waren ein Spielball der Politik. Der Ost-West-Konflikt wirkte sich zweifellos auch auf die Olympischen Spiele aus. Der Westen boykottierte die Spiele in der damligen Sowjetunion. Der Ostblock entschloss sich zum Gegenboykott 1984. Auch Samaranch konnte das nicht verhindern: "Meine größte Enttäuschung ", nennt er das.

Danach aber begann der Aufstieg. Samaranch, mit adidas-Chef Horst Dassler verbündet (der ihm auch ins Amt verhalf), setzte voll auf Reichtum, der unabhängig macht. 1984 war Los Angeles einziger Bewerber um die Spiele, 2001 will sie die ganze Welt haben. Der Regent: Mächtigster Mann im Weltsport war 1980 nicht der IOC-Präsident, sondern der Schweizer Thomas Keller, Chef der olympischen Fachverbände (und der Ruderer).

Samaranch bootete ihn bis 1986 aus - Nachfolger wurde der Südkoreaner Un Yong Kim. Eine langjährige Allianz war geschmiedet. Kim kam ins IOC, Taekwondo (das kaum jemand kannte) wurde olympisch. Aber: In 21 Jahren profilierte sich niemand so neben ihm, dass je der Königssturz ernsthaft zur Debatte stand.

Die Öffnung: Schon 1981 in Baden-Baden fiel der Amateur-Passus, über Jahrzehnte hinweg das höchste Gut im IOC. 1988 zogen die Tennisstars (Steffi Graf) in die olympische Arena ein, es folgten Eishockey- und Basketball-Profis.

Die Spiele wurden offen für alle und "modern", Fernsehen und Sponsoren standen Schlange. In dem Kanadier Dick Pound fand Samaranch dazu ein Finanzgenie, das die Millionen nur so abkassierte. Die Winterspiele wurden ab 1994 um zwei Jahre vorgezogen. Auch dieser Bruch mit der Tradition machte sich bezahlt.

Samaranch als Stratege

Das Ziel von Samaranch war die Führung des Weltsports durch das IOC. Deshalb hortete er nicht die Millionen, sondern schüttete sie aus: vor allem über Fachverbände, Nationale Olympische Komitees und die Dritte Welt (Olympische Solidarität). Wo auch das nicht reichte, folgte die Aufnahme in das IOC (Primo Nebiolo 1992). Sofort 1981 berief er die erste Frau in das IOC, seit Gründung 1894 ein reiner Männerorden. Der Frauen-Anteil bei den Spielen erhöhte sich von 15 auf 40 Prozent. Samaranch spürte immer genau, was die Zeiten verlangten.

Die Krisen: Das Apartheid-Problem; Chinas Forderung nach Ausschluss Taiwans; der Dopingfall Ben Johnson 1988; der Balkankrieg; das Debakel von Atlanta 1996: das IOC meisterte oder überstand sie unbeschadet. Bis zum Skandal um Salt Lake City Ende 1998. Aber auch hier bewies Samaranch einsame Klasse, ließ mit eisernem Besen kehren und beschließen, was keiner für möglich hielt: Aus für zehn Mitglieder und für alle ein Reiseverbot in Bewerberstädte. Mit 86:2 Stimmen hatte er sich zuvor vom Kongress im März 1999 ein letztes Mal im Amt bestätigen lassen.

Der Abschied: Persönlich wird er als bescheiden und uneitel beschrieben. Spätestens 1997, nach dem Jahrhundert-Kongress 1994 und den Jahrhundert-Spielen 1996, wäre ihm ein glanzvoller Abgang gewiss gewesen. Was ihn 1995 zur "Lex Samaranch" trieb (Alterslimit 80 statt 75 Jahre), bleibt sein Geheimnis. Trotzdem war er eine Jahrhundertgestalt, der größte Sportführer der Moderne neben dem IOC-Gründer Pierre de Coubertin.

Quelle: n-tv.de