Politik

Putins neuer Oberbefehlshaber Der "Schlächter von Syrien" soll den Sieg bringen

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Putin (l.) hat Dwornikow (r.) zum Oberbefehlshaber in Syrien ernannt. (Archivbild von einer Militärübung in der Nähe der Krim.)

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

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Der Krieg in der Ukraine läuft bisher nicht nach Putins Plan. Nun stellt er alles auf den Kopf und ernennt zum ersten Mal einen Oberbefehlshaber für den Ukraine-Krieg. Mit Alexander Dwornikow wird eine neue Phase im Ukraine-Krieg eingeleitet. Das Signal lautet, dass Putin den Sieg um jeden Preis erklären will.

Schon Ende März hat Russland eine neue Militärstrategie eingeleitet. Offizielle Linie ist nun, dass die "Sonderoperation" in der Ukraine zwar planmäßig verlaufe, die russischen Streitkräfte sich aber von nun an stärker auf ein Ziel konzentrieren würden: die "Befreiung" des Donbass. Seitdem wurden Truppen aus dem Großraum Kiew abgezogen und weitere Bataillone werden an die Front im Osten verlegt. Das neue Ziel soll nun unter der Führung eines der Lieblingsgeneräle von Wladimir Putin erreicht werden: dem sogenannten "Schlächter von Syrien".

Alexander Dwornikow ist einer der erfahrensten Generäle der russischen Armee und nach Ansicht von US-Verteidigungsexperten auch einer der brutalsten. "Er war ein echter Kommandeur, sehr ernst - und stolz auf die russische Armee und ihre Militärgeschichte", sagte ein Kommandeur einer christlichen syrischen Miliz, der anonym bleiben wollte, der "New York Times". "Er schlief nicht viel, sondern verbrachte lange Stunden mit Übungen. Er ist sehr organisiert und hat ein gutes Gedächtnis."

Dwornikow werde als General der "alten Schule" und als "Blut- und Boden-Nationalist" beschrieben, schreibt der "Guardian". Der Zeitung zufolge wurde er nach sowjetischen Militärdoktrinen ausgebildet, die Vernichtung ziviler Ziele als Mittel betrachten, um auf dem Schlachtfeld an Dynamik zu gewinnen. In die Rote Armee trat er bereits 1978 ein, zu Beginn der 1990er Jahre war er auch in Ostdeutschland stationiert.

Nun soll er dem russischen Präsidenten einen Sieg liefern. Putin hat Dwornikow aus gutem Grund für den Posten ausgewählt, denn er hat Erfahrung mit der Rettung verlorener Kriege. 2015 war er die treibende Kraft hinter Russlands Einsatz in Syrien. Nachdem der syrische Machthaber Baschar al-Assad eine Stadt nach der anderen an Rebellen verloren hatte, trat Russland offiziell in den Krieg ein. Mit Dwornikow an der Spitze sicherte die russische Armee Assads Macht.

"Held von Russland"

Seine Strategie in Syrien dürfte ein Vorbild für die nächsten Wochen in der Ukraine sein. Sie lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: brutal. "Baschar al-Assad ist nicht der Einzige, der für die Tötung von Zivilisten in Syrien zur Rechenschaft gezogen werden sollte - der russische General sollte es auch", sagte Rami Abdulrahman, der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, der "New York Times". "Als Befehlshaber der Militäroperationen steckte er hinter der Tötung syrischer Zivilisten, indem er die Befehle gab."

In Syrien errichtete Dwornikow nach seiner Ankunft schnell einen Luftwaffenstützpunkt, von dem aus große, kriegsentscheidende Bombenangriffe geflogen wurden. Der Sturz von Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, war weitgehend auf russische Luftangriffe zurückzuführen. Ziel waren regelmäßig Krankenhäuser, Schulen und andere Einrichtungen des zivilen Lebens - auch Warteschlangen. Die Zerstörung der Stadt wurde weitgehend von dieser Basis aus koordiniert, von Dwornikow selbst.

Dafür erhielt er von Putin höchstes Lob. Für seinen Einsatz in Syrien verlieh ihm der russische Präsident die Medaille "Held von Russland", eine der höchsten Auszeichnungen des Landes. Russland hat in diesem Krieg nur sehr wenige Truppen und Flugzeuge verloren und konnte die Lufthoheit durchgehend behalten.

Putin schickt nun die Besten in die Schlacht

In Syrien trat Dwornikow in den Krieg ein, als Assad am Rande der Niederlage stand. Heute befindet sich Russland in einer ähnlichen Situation: Die russischen Truppen sind in der Ukraine nicht so vorangekommen, wie Putin sich das zunächst wohl gedacht hatte. Offiziell wurde diese Enttäuschung nicht zum Ausdruck gebracht. Doch Experten sehen in der Umbesetzung ein Zeichen dafür, dass der Kremlchef mit dem Verlauf des Krieges unzufrieden ist. "Es spricht für ein russisches Eingeständnis, dass es extrem schlecht läuft und sie etwas anders machen müssen", zitiert der US-Sender CNN eine europäische Quelle.

Bislang gab es im Ukraine-Krieg keinen Oberbefehlshaber. Der Austausch und die Kommunikation über die Brigadeebene hinaus waren daher schwierig. Am deutlichsten wird dies am Beispiel aus Kiew, wo ein Militärkonvoi tagelang feststeckte, unter anderem, weil die Kommunikation mit anderen Brigaden nicht funktionierte. "Wir sehen, dass sie einige Schwierigkeiten bei der Führung und Kontrolle haben", sagte ein hochrangiger US-Verteidigungsbeamter Ende März. Er verwies auf die Unfähigkeit der russischen Streitkräfte, Luft- und Bodenangriffe zu koordinieren und in einigen Fällen effektiv zu kommunizieren.

Genau das soll Dwornikow ändern. Experten gehen davon aus, dass die neue Strategie im Osten nicht mehr von einzelnen Offensivführern, sondern zentral von ihm geleitet werden wird. Zwar war die russische Streitmacht, die er in Syrien anführte, weitaus kleiner als diejenige, die jetzt in der Ostukraine zum Einsatz kommt. Aber die Situation in Syrien war komplizierter: Er musste von Assads Armee bis zu kleinen verbündeten Milizen wie der Hisbollah, eine vom Iran unterstützte libanesische Miliz, unterschiedliche Gruppen koordinieren.

"Ein gefährliches Zeichen"

Allerdings gibt es gravierende Unterschiede zwischen der russischen Invasion in die Ukraine und dem Krieg in Syrien. Die Rebellen und andere Gegner Assads waren nicht auf einen Luftkrieg vorbereitet. Die ersten Jahre des Bürgerkriegs wurden auf dem Boden und in den Straßen der Städte von Haus zu Haus ausgetragen - darin waren sie gut ausgebildet. Als Putin mit seiner Luftwaffe einschritt und die Städte bombardierte, hatten die Rebellen keine Luftabwehrraketen, die sie hätten einsetzen können.

In der Ukraine sieht es heute anders aus. Russland hat dort noch immer keine Lufthoheit erlangt. Obwohl die russische Armee über eine viel größere und besser ausgerüstete Luftwaffe verfügt, werden russische Kampfjets systematisch von ukrainischen Kräften abgeschossen. Die vom Westen gelieferten Flugabwehrpanzer werden oft erfolgreich eingesetzt.

Dennoch ist in der Ukraine bereits ein ähnliches Muster wie in Syrien zu beobachten. Städte wie Mariupol wurden seit Beginn des Krieges in Schutt und Asche gelegt - ohne Rücksicht auf Zivilisten, kritische Infrastrukturen, Strom-, Wasser- und Lebensmittelversorgung. All dies wird sich mit Dwornikow an der Spitze nur noch verstärken.

"Die Ernennung von Dwornikow ist ein gefährliches Zeichen dafür, dass Putin nicht die Absicht hat, in der Ukraine bald aufzugeben, sondern tatsächlich versuchen könnte, den größten Teil, wenn nicht sogar die gesamte Ostukraine einzunehmen", sagte Harry Kazianis, ein US-Militäranalyst des Centre for the National Interest, dem "Stern". "Meine Befürchtung ist, dass Dwornikow den Befehl hat, die Ostukraine in ein riesiges Aleppo zu verwandeln, wenn er sie nicht einnehmen kann."

Nach Butscha, Kramatorsk und Mariupol ist schwer vorstellbar, wie die Lage in der Ukraine noch schlimmer werden könnte. Doch mit der Ernennung von Dwornikow ist der Krieg gegen die Ukraine in eine neue Phase getreten. Putin signalisiert damit, dass er bereit ist, viel weiter zu gehen als bisher, um den Sieg erklären zu können.

Quelle: ntv.de

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