Politik

"Wer Bauern quält, wird abgewählt!" Der Schweigemarsch gegen TTIP und Ceta

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In Berlin sind Zehntausende zusammengekommen, um gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta zu demonstrieren.

(Foto: AP)

Der Protest gegen die geplanten Handelsabkommen TTIP und Ceta treibt in Deutschland Zehntausende auf die Straße. Die größte Demonstration findet in Berlin statt. Doch die Atmosphäre will nicht recht zu einem Protestmarsch passen.

Die Wasserbüffel von Biobauer Jochen Fritz müssen heute ohne die Fürsorge ihres Besitzers auskommen. Bereits morgens um acht Uhr hat der 42-Jährige seinen Hof im brandenburgischen Werder verlassen, um mit seinem grünen Traktor ins nahe gelegene Berlin zu reisen. Es ist kurz nach elf Uhr, als Fritz auf den Strausberger Platz im Herzen der wolkenbehangenen Hauptstadt einbiegt. In etwa einer Stunde beginnt auf dem Platz in der unmittelbaren Nähe des Alexanderplatzes die Großdemonstration gegen die geplanten Freihandelsabkommen TTIP und Ceta.

Unter dem Motto "Für einen gerechten Welthandel. Ceta und TTIP verhindern" kommen in Berlin etwa 70.000 Menschen zusammen, in sechs weiteren Großstädten werden ebenfalls Zehntausende Teilnehmer gezählt.

Für Fritz ist die Teilnahme an der Demonstration eine Herzensangelegenheit. Erst vor zwei Jahren hat er mit einem Kollegen seinen Biohof gegründet, seitdem kümmert er sich neben seinem Job in Berlin um die Wasserbüffel, Hühner und Kirschbäume. Als er in seiner grünen Hose und dem grauen Pullover vom Traktor steigt, wirkt der Agraringenieur angespannt. Die geplanten Handelsabkommen müssten verhindert werden, da sie schleichend Umwelt- und Verbraucherstandards abbauen, sagt er und bindet ein Transparent mit der Aufschrift "Wir haben es satt" an den Traktor.

"Druck muss aufrecht erhalten werden"

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(Foto: imago/ZUMA Press)

Neben Fritz parkt Reinhild Benning in einem roten Traktor. Auch sie ist Teilzeit-Landwirtin und außerdem Aktivistin in der NGO Germanwatch, in der Uckermark betreibt sie eine landwirtschaftliche Kommune. "Wenn wir es schaffen, Ceta zu stoppen, gibt es kein Argument mehr, TTIP weiter auszuhandeln", ist sie sicher. Erst vor wenigen Tagen lobte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Ceta als "hervorragend" verhandelt und bezeichnete das Abkommen als Blaupause für TTIP. Ginge es nach Benning, verschwinden beide Abkommen in der Schublade.

"Durch TTIP und Ceta werden unsere Produkte austauschbar. Die Bauern verlieren an Einfluss und werden durch die stärkere Macht der Konzerne erpressbar", sagt sie, während der einsetzende Regen gegen die Scheibe ihres Traktors prasselt. Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, versucht dem Regenguss zu entfliehen. "Der Druck muss aufrecht erhalten werden, denn er verzögert die Unterzeichnung von Ceta", fordert Benning. Die Politiker täten gut daran, sich von den geplanten Vorhaben zu verabschieden: "Wer Bauern quält, wird abgewählt!"

Kampfansage an Sigmar Gabriel

Hinter den Traktoren von Fritz und Benning haben sich mittlerweile Zehntausende Menschen versammelt, um sich auf den bevorstehenden Protestmarsch einzustimmen. Auf einer Bühne wettern Redner gegen Fracking, "Datenstaubsauger" und Gentechnik - davor schlängelt sich ein roter Drache mit der Aufschrift "Stop Ceta & TTIP" über die Masse hinweg.

"Herr Gabriel, wir kommen!", ruft einer der Redner - eine Kampfansage an den SPD-Chef, der am kommenden Montag vor einer richtungsweisenden Wahl steht. Auf ihrem Parteikonvent in Wolfsburg stimmen die Sozialdemokraten über Ceta ab. Nur wenn Gabriel seine Genossen hinter sich bringt, kann er drei Tage später beim Rat der EU-Handelsminister entsprechend dem Abkommen mit Kanada zustimmen.

"Man nimmt den Protest wahr"

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Die Demonstranten zogen unter anderem über die Karl-Marx-Allee, die ehemalige Paradestrecke in der DDR.

(Foto: AP)

Als sich der Demonstrationszug mit den beiden Traktoren an der Spitze in Gang setzt, klart der Himmel auf. Dort, wo zu DDR-Zeiten Paraden abgehalten wurden, setzt sich nun eine Menge in Bewegung, um gegen die Macht der Konzerne zu demonstrieren. Es geht Richtung Osten, mit grünen Ballons und bunten Fahnen, die im Berliner Herbstwind wehen.

Von der zuvor spürbaren Wut auf Politik und Konzerne ist bei der Demonstration selbst kaum etwas zu merken. Lediglich vereinzelte Pfiffe sind auf der Karl-Marx-Allee zu vernehmen, der Zug kommt einem Schweigemarsch gleich. Viele haben sich spontan dazu entschlossen, an der Demo teilzunehmen. Andere sind protesterprobt, wie eine ältere Dame aus Sachsen. Erst am Tag zuvor war sie in Stuttgart, um gegen den Großbahnhof zu demonstrieren, nun sind in Berlin TTIP und Ceta an der Reihe. Zwar habe das Volk "eh keinen Einfluss auf die Politik", sagt sie. Doch man nehme den Protest "da oben" zumindest wahr.

Murmelnder Protest

Die Zahl der Teilnehmer bleibt hinter den Erwartungen der Veranstalter - ein Bündnis aus Gewerkschaften, Umweltverbänden und kirchlichen Gruppen - zurück. Statt Parolen zu brüllen, unterhalten sich die Berliner Demonstranten über die bevorstehende Wahl zum Abgeordnetenhaus, die Milchpreise oder die Auswüchse des Kapitalismus. Vereinzelte Rufe gehen im Gemurmel unter.

Als der Demonstrationszug an den Überresten der Berliner Mauer entlangzieht und den Ostbahnhof erreicht, nutzen viele die Gelegenheit, sich bei einer internationalen Fast-Food-Kette für die Schlussetappe zu stärken.

Nach drei Stunden ist Jochen Fritz einer der ersten, der mit seinem grünen Traktor wieder auf die Karl-Marx-Allee einbiegt. Der Freizeitlandwirt strahlt und ist zufrieden mit der Demonstration. "Am Anfang habe ich gedacht, es würde niemand wegen des Regens kommen", sagt er. Dass es dann doch 70.000 Teilnehmer sind, macht ihn stolz - und ein bisschen nervös: Bevor es zurück zu seinen Wasserbüffeln geht, spricht Fritz als einer von neun Rednern auf der Abschlusskundgebung. Dort ist seine Botschaft klar: "Wir brauchen kein TTIP und Ceta. Wir brauchen eine grundlegende Agrarwende."

Quelle: ntv.de