Politik

Buchvorstellung mit Thilo Sarrazin Der Störenfried erklärt sich

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Ist er der "Fremde im eigenen Land"? Sarrazin muss sich erklären.

(Foto: dpa)

Vorhang auf für den "Tabubrecher": Sarrazin stellt sein umstrittenes Buch vor, während SPD und Bundesbank über sein Schicksal beraten. Doch Sarrazin fühlt sich missverstanden. Er will kein Rechtspopulist, sondern Wahrheitssucher sein.

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Polarisiert: Sarrazin macht eine Kosten-Nutzen-Analyse der Integration.

(Foto: REUTERS)

So gerne Thilo Sarrazin unbequeme Meinungen vertritt, so wenig mag er selbst andere Positionen gelten lassen. "Das Entscheidende in meinem Buch ist die breite Analyse. Wer die nicht teilt, mit dem muss man sich über die daraus folgende Wertung nicht streiten", erklärt er bei der Vorstellung seines Buches. Sprich: Wer beim Blick auf den Zustand unseres Landes nicht zu den gleichen Ergebnissen kommt, ist für die Diskussion disqualifiziert. Das gilt im Zweifel auch für die Bundeskanzlerin, deren Äußerungen er zwar nicht kommentieren will. Aber das Buch habe sie schließlich noch nicht gelesen. Das gilt auch für die Führung der SPD, die ihn hinausdrängen will. In seinem Buch stehe nichts, was dem Programm seiner Partei widerspreche. Das sollten sie erst einmal lesen.

Und darum geht es Sarrazin heute schließlich. "Deutschland schafft sich ab – wie wir unser Land aufs Spiel setzen" lautet der Titel seines Buches, das bereits vor seiner Erscheinung für heftige Kritik und laute Debatten sorgte. Ein Werk, über das sein Autor sein Parteibuch und seinen Job als Vorstandsmitglied der Bundesbank verlieren könnte. Sarrazin beschäftigt sich auf über 400 Seiten mit dem Zustand Deutschlands, den er als "Verfall" beschreibt. Neben Armut, Ungerechtigkeit, Arbeitsmarkt und Bildung widmet er sich ausführlich der Zuwanderung und ihrem Anteil am vermeintlichen Verfall. Dabei stellt Sarrazin fest: Vor allem muslimische Einwanderer ließen sich schlecht integrieren. Und weil das deutsche Volk ansonsten schrumpfe, während sich die muslimischen Migranten in großer Zahl vermehrten, laufe Deutschland Gefahr, sich abzuschaffen. Das ganze reichert er noch mit Erläuterungen über die schlechte Bildung dieser Migranten und – zugespitzt – der These an, dass Dummheit vererbbar sei. Sein Fazit: Die intelligenten Deutschen sterben aus und werden von der wachsenden Zahl ungebildeter muslimischer Einwanderer in die Ecke gedrängt.

Provokation erzeugt Interesse

Für die einen klingt das alles nach Überfremdung, Rassismus und Sozialdarwinismus, deswegen ist ihre Empörung so groß. Für die anderen legt Sarrazin den Finger in eine offene Wunde, spricht endlich aus, was sich sonst keiner zu sagen traue. Sarrazin provoziert und polarisiert. Deshalb ist die Debatte so laut, das Interesse so groß und der Saal im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin für die vielen Journalisten zu klein.

Von all der Aufregung der vergangenen Tage ist Sarrazin im Blitzlichtgewitter dort vorne auf dem Podium nicht viel anzumerken. Stoisch blick er in die Runde während sein Verlag erklärt, von dem Ausmaß und der Heftigkeit der Debatte überrascht worden zu sein. Der ehemalige Mitarbeiter im Finanzministerium, Berliner Finanzsenator und heutige Bundesbankvorstand wird erst als "politisch und ökonomisch erfahrener Mann" vorgestellt. Dann aber fällt das Wort, das Sarrazins derzeitige Funktion wohl am besten beschreibt und wie auch er sich selbst am liebsten sieht: Ein "Störenfried" sei er, ein "Tabubrecher".

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"Ein ökonomisch und politisch erfahrener Mann": Sarrazin erklärt seinen Blick auf die Welt.

(Foto: dpa)

Oder wie es die türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin Neclá Kelek zu Beginn sagte: "Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich einen Kopf über Deutschland gemacht." Kelek übernahm die Vorstellung von Sarrazins Buch, quasi als erste Rede der Verteidigung. "Um diesen Kopf soll Thilo Sarrazin offensichtlich jetzt kürzer gemacht werden", setzte sie nach.

Sarrazins Selbst- und Weltbild

Es ist das Bild, das auch Sarrazin von sich verbreitet. Hier kommt einer, der mit seiner ganzen Erfahrung als Ökonom, Beamter und Politiker die Welt betrachtet und mit Hilfe von Statistiken zu belegbaren Ergebnissen kommt. Der weiß, "dass der Lauf der Welt stärker von Zufall, Dummheit und Opportunismus geprägt ist als von Weisheit und Wahrheit". Stets habe er "Verstehen und Gestalten" wollen, erklärt Sarrazin vom Podium aus. Nun hat er diesen Erkenntnisdurst auf die sozialen Probleme Deutschlands gerichtet und dabei eine Kosten-Nutzen-Rechnung für die Einwanderung aufgestellt. Sein Ergebnis lautet: "Die ökonomischen und kulturellen Integrationsprobleme mit Migranten aus islamischen Ländern bewirken, dass die ökonomische und gesellschaftliche Bilanz der Einwanderung aus diesen Ländern für die aufnehmenden europäischen Staaten per Saldo negativ ist." Deshalb will Sarrazin ihre Integration verbessern, Zuwanderung beschränken und nur noch Migranten ins Land lassen, die hier auch arbeiten und die Sozialsysteme nicht belasten.

Dabei unternimmt der Bundesbanker in seinem Buch auch Ausflüge in die Genforschung, um Daten für seine Analyse zu bekommen und Thesen zu untermauern. So kommt er etwa zu dem Schluss, dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz angeboren sei und sie in einem großen Maß vererbbar wäre. Als er in einem Interview vor wenigen Tagen auch noch über die gemeinsamen genetischen Ursprung der Juden sprach, betrat er endgültig vermintes Gebiet. Da rudert sogar Sarrazin zurück und stellt nach der Buchvorstellung klar, dass er sich "nicht hinreichend präzise" ausgedrückt habe und schließlich kein Genetiker sei. Eine Bewertung sei damit sowieso nicht gemeint gewesen.

"Macht Platz für das nächste Buch"

Merkt er denn nicht, wie überzogen und diffamierend er da stellenweise argumentiert und damit seine möglicherweise richtigen Anliegen in den braunen Schmutz zieht? Ja, gibt er zu, es seien teils "wertende Zuspitzungen", die er da treffe. Er hänge auch nicht an jeder seiner Formulierungen. Aber er wolle die Menschen, auch die einfachen, erreichen. Und das könne man nicht mit schnöden Statistiken. Er will auch nicht als Rechtspopulist gelten, etwa wie Geert Wilders in den Niederlanden. Die Entwicklung dort bedaure er ausdrücklich. Die großen Parteien dürften nicht die Probleme ignorieren, die von der Bevölkerung diskutiert würden. "Deshalb will ich auch in der SPD bleiben, weil die Debatten dorthin gehören."

Doch wird etwas hängen bleiben von Sarrazin und seinem Buch? Oder wird sich die öffentliche Debatte letztlich nur um seine Provokationen drehen und nach ein paar Wochen wieder verebben? "Deutschland kann in Wahrheit nicht-konforme Meinungen nicht ausstehen", sagt der Publizist Henryk M. Broder, selbst ein geübter Provokateur. Trotz der typischen Erregungsreaktionen glaubt Broder daran, dass die Debatte weitergehen wird. "Ein Buch macht Platz für das nächste Buch", sagt er n-tv.de mit Blick auf die islamkritische Debatte der vergangenen Jahre in Deutschland. "Sarrazin wird anderen Mut machen." Michel Friedman, einige Zeit Generalsekretär des Zentralrats, sieht das etwas anders. Er hat Sarrazin als "Hassprediger" bezeichnet.

Quelle: n-tv.de

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