Politik

Drohgebärden in der Arktis Der eiskalte Krieg

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Ein U-Boot der US-Navy bei einer Übung im Arktischen Ozean.

(Foto: REUTERS)

Das schmelzende Eis im Nordpolarmeer öffnet den Zugang zu Öl und Gas, schafft eine neue Schifffahrtsroute nach Asien und bringt Staaten auf die weltpolitische Bühne, die zuvor wenig zu sagen hatten. Russland bringt schon sein Militär in Stellung.

Auf alten Landkarten wurde die Arktis nicht besonders gründlich erfasst. Die Staatsgrenzen von Kanada, Russland und Grönland verbleichten nach oben hin. Wem die Eisfläche nördlich davon gehörte, kümmerte Jahrhunderte lang niemanden. Menschen leben dort ohnehin kaum.

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Kanada will laut Antrag bei den UN ein Gebiet bis zum Lomonossow-Rücken für sich beanspruchen.

(Foto: Wikipedia)

Doch in den letzten Jahren schauen die Staaten rund um den Nordpol genauer in diese Richtung. Kanada hat seinen Anspruch auf große Teile des Arktischen Ozeans angemeldet, Russland verkündete wenig später, seine Militärpräsenz zu verstärken. Auch andere Staaten machen sich bemerkbar. "Dänemark ist nicht nur ein Anhängsel Norddeutschlands", sagte der dänische General Steffen Qvist Wied neulich auf einer Konferenz des "Handelsblatts" in Berlin.

Dänemark sei der wichtigste Staat in der Arktis, weil die Färöer Inseln und Grönland zu seinem Staatsgebiet gehören. Der kanadische Geschichtsprofessor Whitney Lackenbauer sagte patriotisch, die Arktis sei wichtig für das Selbstverständnis seines Landes. Die Russen sind längst weiter: 2007 hissten sie auf dem Nordpol die russische Flagge - nicht etwa auf dem Eis, das sich ständig bewegt, sondern auf dem Meeresgrund darunter. Auch Norwegen, die USA, Schweden, Finnland und Island wollen ihren Teil von der Arktis.

Kürzere Route zwischen Schanghai und Rotterdam

Der Grund für das steigende Interesse an der Eiswüste ist der Klimawandel. Seit Jahren schrumpft die Eisfläche rund um den Nordpol. Zum einen werden dadurch Flächen eisfrei, in denen große Öl- und Gasvorkommen vermutet werden. Zum anderen tut sich ein neuer Weg für Handelsschiffe auf: die Nordostpassage. "Die neuen Schifffahrtsrouten werden wichtig für uns sein", sagte General Qvist in Berlin. Auf einmal könnten bislang wenig beachtete Inselgruppen wie die dänischen Färöer und das norwegische Spitzbergen eine strategische Bedeutung bekommen.

Die Nordostpassage ist eine Abkürzung zwischen Europa und Asien. Einige Schiffe, die zwischen diesen Kontinenten verkehren, können hier einen Großteil der Strecke einsparen. Die Route von Rotterdam, dem größten Hafen Europas nach Schanghai, dem größten Hafen der Welt, verläuft bislang durch das Mittelmeer, den ägyptischen Suezkanal und den Indischen Ozean. Sie dauert 22 bis 48 Tage. Die nördliche Strecke um Skandinavien und Russland herum ist 40 Prozent kürzer.

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2007 "hisste" Russland per Roboterarm von einem U-Boot aus die Flagge auf dem Meeresgrund am Nordpol.

(Foto: REUTERS)

Eine schnellere Verbindung zwischen Europa und Asien hätte für die Weltwirtschaft erhebliche Auswirkungen. Billigere Transporte würden die Preise von Exportgütern sinken lassen. Der Handel zwischen Europa und China könnte stark steigen, auf beiden Seiten gäbe es zusätzliches Wachstum.

"Nordostpassage keine Spinnerei"

Bis es so weit ist, stellen sich aber noch einige Probleme. Zwar ist die Nordostpassage gerade im Sommer schiffbar, dennoch wird sie meist von einer Eisschicht bedeckt. Die wenigen Handelsschiffe, die diesen Weg nehmen, schicken Eisbrecher vorweg, die relativ langsam sind. Die Containerschiffe hinter ihnen können darum nicht volle Fahrt aufnehmen. Eine Studie des arktischen Instituts spricht von einer Geschwindigkeit von 11 Knoten auf der Nordostpassage im Vergleich zu 16 Knoten auf dem Weg durch den Suez-Kanal.

Zudem verlangt Russland hohe Gebühren für die Eisbreche r. Wichtiger ist noch, dass diese schmaler sind als die ganz großen Ozeanriesen. Die modernsten und größten Schiffe können derzeit 18.000 Container transportieren. Durch die Nordostpassage passen bislang nur Schiffe mit knapp 5000 Containern. Zwar könnte das Eis noch weiter zurückgehen, aber die Gewässer nördlich von Russland sind auch relativ flach.

Dennoch: "Dass die Nordostpassage in Zukunft für den Handel mit Asien genutzt wird, ist keine Spinnerei", sagt Daniel Hosseus vom Verband deutscher Reeder. Das gelte aber eher für Gelegenheitsfahrten, also etwa große Rohstofflieferungen, nicht für den Linienbetrieb. Linienschiffe legen auf dem Weg von Europa nach Asien Zwischenhalte etwa in Arabien oder Indien ein. Russland baut derzeit zwar einen Hafen an der Nordküste Sibiriens, der nur über die Nordostpassage erreicht werden kann. Für einen Linienbetrieb auf der Route ist das aber noch deutlich zu wenig.

Kanada und Russland wagen sich vor

Auch unabhängig vom Seeweg wird die Region in den nächsten Jahren wohl besser erschlossen werden. Unter dem Meeresboden werden ein Viertel der unerforschten Öl- und Gasvorkommen sowie Diamanten vermutet. "Die deutsche Schifffahrt hat ein immenses Interesse an der Arktisfahrt", heißt es darum in einem Positionspapier des Reederverbandes.

Im Arktischen Rat haben sich die betroffenen Staaten gegenseitig versichert, ihre Interessen in der Arktis nicht militärisch auszutragen. Dennoch ist Russland nun dabei, Kriegsschiffe in den Norden zu verlegen. Nachdem Kanada einen Antrag stellte, dass der Nordpol künftig kanadisches Staatsgebiet sein soll, ordnete Russlands Präsident Wladimir Putin an, die Militärpräsenz im arktischen Meer zu verstärken. Russland will verhindern, dass die Kanadier Fakten schaffen, also etwa das von ihnen beanspruchte Gebiet militärisch sichern.

Umweltschützer kämpfen dafür, dass in der Arktis gar kein Öl gefördert wird. Die Bohrinseln würden in einem Gebiet entstehen, das bislang vom Menschen nicht erschlossen wurde. Unfälle würden der einzigartigen Natur schwer schaden. Greenpeace demonstriert darum gegen die Probebohrungen. Zuletzt schaffte es der Protest in die Schlagzeilen, als die Organisation versuchte, eine russische Ölplattform zu besetzen. Das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise wurde daraufhin von der Küstenwache aufgebracht und die Besatzung festgenommen. Die Umweltschützer bezeichnen die Aktion als illegal, weil sie außerhalb russischer Gewässer stattfand. Russland sieht darin kein Problem. Seine Ansprüche reichen ja ohnehin bis zum Nordpol.

Quelle: ntv.de