Politik
Hartnäckig: der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders.
Hartnäckig: der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders.(Foto: REUTERS)
Freitag, 20. Mai 2016

Phänomen Sanders: Deshalb gibt "Bernie" nicht auf

Von Christian Rothenberg

Hillary Clinton ist die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin im Prinzip sicher. Dennoch mag ihr Rivale Bernie Sanders seinen Wahlkampf nicht beenden. Für Clinton ist das gefährlich.

In einem Interview mit CNN sprach Hillary Clinton in dieser Woche darüber, wie sie ihre Präsidentschaftskampagne 2008 beendete. "Ich kenne die intensiven Gefühle, die unter den Anhängern entstehen, wenn es dem Ende zugeht. Wir spielten damals nach denselben Regeln wie Senator Sanders und ich es jetzt tun. Ich bin drei Millionen Stimmen vor ihm und habe eine uneinholbare Führung", sagte Clinton und legte dann nochmal nach. Zwischen ihr und Barack Obama sei es damals sehr knapp gewesen. "Wesentlich knapper, als es jetzt zwischen mir und Senator Sanders ist."

Rivalen: Clinton und Sanders.
Rivalen: Clinton und Sanders.(Foto: REUTERS)

Clintons deutliche Botschaft lautet: Sanders soll endlich aussteigen, jetzt! Ob dies erhört wird? Es ist schon bemerkenswert. Sanders braucht ein Wunder, um seine Rivalin noch einzuholen und Präsidentschaftskandidat zu werden. Clinton liegt deutlich vorn, aber Sanders macht keine Anstalten, hinzuschmeißen und seine Kandidatur zu beenden. Er will kämpfen, "bis die letzte Stimme abgegeben ist". Sanders hat seine Gründe.

Der Mann aus Vermont galt als absoluter Außenseiter. Niemand traute ihm zu, Clinton ernsthaft Paroli bieten zu können, als er im vergangenen Jahr seine Kandidatur erklärte. Doch dann überraschte Sanders das ganze Land, legte einen beeindruckenden, ja filmreifen Wahlkampf hin. Bisher gewann er 45 Prozent der Vorwahldelegierten. Umso geringer seine Chancen auf eine Normierung zuletzt auch wurden, der Zuspruch für den 74-Jährigen bleibt ungebrochen. Sanders gewann vier der letzten sechs Vorwahlen. In direkten Umfragen liegt er zwar knapp hinter Clinton. In einem möglichen Duell gegen den Republikaner Donald Trump sehen die Demoskopen ihn wesentlich deutlicher vorn als sie.

Sanders hat die US-Politik schon geändert

Doch die entscheidenden Zahlen sehen anders aus. Rechnet man die Superdelegierten hinzu, kommt Clinton auf 2293, Sanders auf 1533 Delegiertenstimmen. Demnach ist die frühere Außenministerin und First Lady kurz davor, die für eine Nominierung nötige Marke zu knacken. Theoretisch kann Sanders es noch schaffen. Neun Vorwahlen bleiben, 930 Delegiere sind noch zu vergeben. Mindestens zwei Drittel davon müsste er gewinnen, um die Mehrheit der normalen Delegierten zu bekommen. Realistisch ist das nicht. In vielen Staaten werden die Delegiertenstimmen anteilig verteilt. Clinton hat mit Abstand die meisten Superdelegierten hinter sich. Außerdem führt sie in Umfragen in den wichtigen Staaten Kalifornien und New Jersey, in denen noch gewählt wird.

Dennoch bleibt Sanders im Rennen. Nicht nur die Tatsache, dass er immer noch Wahlen gewinnt, macht es schwer, einfach hinzuwerfen. Sanders hat große Begeisterung geweckt, 2,4 Millionen Menschen haben für ihn gespendet. Seine Anhänger ermutigen ihn, weiterzumachen. Dadurch, dass er nicht aussteigt, hält er bei seinen Anhängern zugleich die Hoffnung auf einen Sieg aufrecht. Sanders wird sich inzwischen eingestanden haben, dass er nicht für die Präsidentschaft kandidiert. Ihm geht es um Themen, Inhalte, um seine politische Revolution. Seine Kandidatur bietet ihm eine perfekte Bühne, um für seine Ziele zu werben: für einen Mindestlohn von 15 Dollar (13,37 Euro) pro Stunde, eine Krankenversicherung für alle, das Ende des Frackings, gebührenfreie Colleges.

Sanders will die politische Debatte beeinflussen und in seiner Partei ein Gegengewicht zum Establishment verankern. Dabei ist er sehr erfolgreich. Ohne Kandidat oder gar Präsident zu werden, hat er die US-Politik schon verändert. Sanders sagt, die Menschen sollten das Recht haben, zu bestimmen, wen sie als Präsidenten haben wollten und was die Agenda der demokratischen Partei sein soll. Er wolle mit möglichst vielen Delegierten zum Parteitag Mitte Juli in Pennsylvania fahren, um für ein progressives Parteiprogramm zu kämpfen. Sanders will seine Kampagne in eine soziale Bewegung überführen. Die Siege bei den Vorwahlen sind sein Faustpfand.

"Bernie or bust"

Sanders treibt Clinton schon jetzt nach links. Die erklärte bereits, für einen Mindestlohn kämpfen und den Klimawandel eindämmen zu wollen. Wenn sie von der Partei nominiert werden sollte, wird sie sich mit Sanders' Forderungen auseinandersetzen müssen. Sie wird das eine oder andere in ihr Programm aufnehmen, um seine Anhänger für sich zu gewinnen, und möglicherweise auch personelle Zugeständnisse machen. Dass Sanders auf den Posten des Vizepräsidenten spekuliert, wird nicht erwartet. Denkbar ist jedoch, dass Clinton sich für die Senatorin Elizabeth Warren entscheidet, die Sanders politisch nahesteht.

Dennoch dürfte Clinton kaum erfreut sein, dass Sanders seine Kampagne nicht beendet. Seine Siege tun ihr nicht nur weh, sie legen auch ihre Defizite offen. Die große Favoritin ist bei Weitem nicht so unbesiegbar, wie viele erwartet hatten. Sie hat ein Imageproblem, auch für seine Begeisterungsfähigkeit kann sie Sanders nur beneiden. Clinton kann zurzeit nicht mal sicher sein, dass seine Anhänger am Ende auch sie unterstützen. Die Lager der beiden sind zerstritten. Zuletzt kam es bei einer Versammlung in Nevada zu chaotischen Szenen. Im Umfeld von Clinton wächst das Unverständnis über Sanders' Beharrlichkeit.

Trump kann sich bereits in Ruhe auf das Duell einstimmen, Clinton nicht. Die Republikaner scharen sich nach dem Ausstieg von Ted Cruz und John Kasich allmählich um den Milliardär, aber die Demokraten nicht um Clinton. Sanders nimmt das in Kauf, dass ihre Kampagne nicht in Schwung kommt. Monatelang wies alles daraufhin, dass den Republikanern beim Nominierungsparteitag Ungemach droht, nun könnte es bei den Demokraten viel schlimmer werden.

Dass Sanders im Rennen bleibt, verhindert womöglich, dass Clinton ohne Hilfe der umstrittenen Superdelegierten die Hürde knackt. Dass ihre Nominierung bis zum Parteitag noch nicht ganz sicher ist, macht es für sie unnötig spannend. Sanders' Appelle und seine Siege könnten einige der ungebundenen Superdelegierte umstimmen. Die Gefahr einer Kampfabstimmung bleibt. Nach ihrer Vorwahl-Niederlage 2008 rief Clinton ihre Anhänger dazu auf, Barack Obama zu unterstützen. Auch Sanders wird das wohl noch tun, aber ob dann alle seine Unterstützer mitziehen, ist ungewiss. "Bernie or bust" – er oder gar keiner, das ist der Slogan seiner besonders eingeschworenen Fans. Einer Umfrage zufolge machen sie derzeit etwa ein Viertel der Sanders-Anhänger aus. Für Clinton ist das ein ernstes Problem. In die Hände spielen würde das im Wahlkampf wohl vor allem Donald Trump.

Quelle: n-tv.de